Access Doc - Sich selbst eine Bedienungsanleitung schreiben

Text von Jana Mitnacht

Jana Mitnacht: Hallo Daniela, ich bin ein bisschen aufgeregt. Bis jetzt war ich immer entspannt wenn wir geredet haben, weil ich wusste: Du machst die Arbeit.

Daniela Ursel: Haha, ja. Jetzt bin ich entspannt und du machst die Arbeit.

JM: Ist ja eigentlich auch Quatsch. Ist eher ein Zusammen-Reden und Überlegen. Ich mag auf jeden Fall nochmal „Danke“ sagen, dass du offen dafür bist.

DU: Gerne, ich freu mich und bin gespannt, was bei rumkommt. Ich hab gedacht: Ich seh mich ja nicht als Expertin und hab eher die Haltung, dass autistische Menschen die Expert*innen für sich selbst sind.

JM: Hmmm, ja. Das ist eine schöne Haltung. Okay. Hast du irgendwas damit anfangen können, als ich dir geschrieben hab: Access Doc?

DU: Also ich hab damit noch gar keine Erfahrung, nein.

JM: Ah spannend. Ich kannte das auch voll lange nicht und bin über ein Seminar von Nele Jäger zum Thema Care darauf gestoßen. Das Seminar ging um die Frage, was Care eigentlich bedeutet. Also: Was bedeutet es, Fürsorgeaufgaben in Freund*innenschaften, gesellschaftlich oder auch in der eigenen Arbeit zu übernehmen? Was bedeutet es, sich um sich selbst zu kümmern?

Darüber sind wir auf Access Docs, ein Konzept, das aus der künstlerischen Praxis von Leah Clements, Alice Hattrick und Lizzy Rose stammt, gekommen. (https:// www.accessdocsforartists.com/) Und ich fand das so richtig klug. Die Idee, sich selbst ein Access Doc zu schreiben und sich zu fragen: Wie kann ich eigentlich gut arbeiten? 

Ah, vielleicht ist es sinnvoll, den Begriff einmal zu erklären: Was ist ein Access Doc? Kurz gesagt würde ich ein Access Doc als eine Art persönlichen Leitfaden für gelingende Zusammenarbeit beschreiben. Es geht darin nicht darum, eigene Defizite aufzuschreiben, sondern die Bedingungen und Bedürfnisse, unter denen man gut arbeiten und teilnehmen kann. Also eigentlich geht es um: Zugang. Zugang zu Räumen, zu Teilhabe, zu Zusammenarbeit.

Ich habe mich danach hingesetzt und mein eigenes Access Doc geschrieben und schicke das tatsächlich bei Bewerbungen auch gleich mit. Und ich sag immer, dass das ein Gesprächsöffner sein soll. Also so ein: „Das sind die Bedingungen, unter denen ich gut arbeiten kann.“

Und ehrlich gesagt schreibe ich das Dokument auch für mich selbst. Weil ich selbst oft vergesse, was ich eigentlich brauche. Und andersherum freue ich mich auch, wenn Menschen mir sagen, was sie brauchen, um gut mit mir arbeiten zu können.

Okay, ich hab mir Fragen aufgeschrieben.

Warum fällt es vielen Menschen mit ADHS, Autismus oder generell neurodivergenten Menschen schwer, ihre Bedürfnisse überhaupt zu benennen? Weil es klingt ja so easy: Jaa, schreib ich mir ein Access Doc. Aber das setzt ja voraus, dass ich erstmal wissen muss: Was brauch ich denn eigentlich?

DU: Das hängt für mich stark mit Wahrnehmung zusammen. Also mit der Frage: Kann ich mich selbst überhaupt spüren? Wenn wir auf Autismus schauen, berichten viele Menschen, dass sie ihren Körper gar nicht richtig wahrnehmen. Um ein Bedürfnis erkennen zu können, brauche ich zunächst ein Gefühl. Und um ein Gefühl wahrnehmen zu können, brauche ich einen Zugang zu meinem Körper. Wenn ich auf meine autistischen Klient*innen schaue, sagen viele: „Ich nehme meinen Körper gar nicht richtig wahr.“ Dann braucht es oft erst einmal andere Zugangsmöglichkeiten, um überhaupt wahrzunehmen, was im Körper passiert. Erst darüber kann ich Rückschlüsse ziehen auf Gefühle und auf Bedürfnisse. Viele haben vielleicht auch gar nicht gelernt, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind. Vielleicht ein Bedürfnis nach mehr Rückzug, nach Ruhe, nach gleichbleibenden Strukturen, Klarheit, Orientierung oder Sicherheit.

Wenn solche Bedürfnisse über Jahre nicht berücksichtigt werden, kann der Bezug zu ihnen verloren gehen. Und damit auch das Gefühl: Ich darf mir den Raum nehmen. Das darf mir wichtig sein. Und ich darf das sagen. Wie siehst du das aus deiner Perspektive?

JM: Ja, voll schön, dass du das mit den Bedürfnissen gesagt hast. Ich hatte gleich was im Kopf aus der Traumapädagogik. Da gibt es so eine Pyramide: Ganz oben das Verhalten, darunter Emotionen und Gefühle und unten die Bedürfnisse. Und dann zu schauen: Um was geht‘s denn eigentlich? Und ich kann voll zustimmen. Also dieses Mitbekommen von: Uhhh, jetzt brauch ich schon wieder was anderes als das, was hier gerade dominant im Raum ist. Gestehe ich mir das überhaupt zu, dass ich gerade ein Bedürfnis habe, das sich unterscheidet? Ist natürlich schwer. Und hat ja auch voll viel mit Strukturen zu tun. Es ist eben nicht so easy, einfach zu sagen: Dann find halt dein Bedürfnis raus und steh dafür ein.

DU: Ja, genau. Ich hab letztes Jahr einen Workshop gegeben in Nürnberg mit dem Thema „Bedürfnisse und Grenzen“. Bedürfnisse hängen ja auch mit Grenzen zusammen. Spüre ich überhaupt meine Grenzen? Merke ich, wenn etwas zu viel wird oder gehe ich darüber? Orientiere ich mich vor allem im Außen? In dem Modell, in denen Bedürfnisse die Grundlage bilden und darüber Gefühle und Verhalten liegen, brauche ich erst einmal Kontakt zu mir selbst. Viele neurodivergente Menschen orientieren sich sehr stark im Außen. Nicht alle, das möchte ich nicht verallgemeinern. Aber dadurch kann der Bezug zu sich selbst manchmal verschwimmen.

Und dann kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Stehe ich hinter meinen Bedürfnissen? Gestehe ich sie mir überhaupt zu? Das ist ein Prozess. Wenn Bedürfnisse immer wieder übergangen werden, verliert man irgendwann das Gefühl dafür, dass sie überhaupt wichtig sind.

JM: Ja, das spielt eine große Rolle, weil viele neurodivergente Menschen gelernt haben, sich anzupassen. Und wenn sie das jahrelang oder jahrzehntelang gelernt haben, dann braucht es oft erst einmal eine Ent-Anpassung, um sich selbst besser spüren zu können. Und das ist auch eine strukturelle Frage.

DU: Wenn ich beispielsweise nicht einkaufen gehe, weil es mir zu laut ist, weil zu viele Menschen da sind oder weil alles zu unübersichtlich ist, und das zu viel Stress in mir auslöst, dann fehlt mir der Zugang zu diesem Raum.

JM: Ist es nicht eigentlich auch klug, wenn wir so von Stress sprechen, sich in einem Moment, in dem man gerade nicht im Stress ist, aufzuschreiben: Was hilft mir?

DU: Ja, absolut. Gerade in Stresssituationen verlieren wir oft den Zugang zu den Dingen, die uns eigentlich helfen würden. Wenn Menschen stark dysreguliert sind, fallen viele Werkzeuge weg, die normalerweise zur Verfügung stehen würden. Deshalb ist es so wichtig, sich in regulierten Momenten damit auseinanderzusetzen: Was bringt mich eigentlich aus dem Gleichgewicht? Was hilft mir? Wir arbeiten dabei oft mit verschiedenen Stresszonen. Grün bedeutet reguliert. Gelb bedeutet erste Anzeichen von Belastung. Orange und Rot stehen für starke Überforderung. Interessanterweise wissen viele Menschen sehr genau, wie sich Orange oder Rot anfühlen. Aber sie wissen oft gar nicht mehr, wie sich Grün anfühlt. Sie kennen Anspannung. Sie kennen Stress. Sie kennen Überforderung. Aber sie wissen gar nicht mehr, wie sich Regulation anfühlt.

JM: Das finde ich einen wichtigen Punkt. Denn wenn mein System dauerhaft angespannt ist, wird das irgendwann zum Normalzustand. Dann könnte ein Access Doc auch eine Art persönliche Gebrauchsanweisung sein. Wobei das jetzt sehr starr klingt. Es geht nicht darum, einmal eine Gebrauchsanweisung zu schreiben und die gilt dann für die nächsten fünf Jahre.

DU: Sondern eher darum, sich immer wieder mit sich selbst auseinanderzusetzen. Was bringt mich in Stresssituationen? Welche Reize lösen bei mir Stress aus? Ist es eine laute Umgebung? Helles Licht? Bestimmte Gerüche? Unstrukturierte Situationen? Smalltalk in der Kaffeeküche? Das können ganz unterschiedliche Dinge sein.

Wenn Menschen zum Beispiel erleben, dass sie von anderen komisch angeschaut werden, weil sie nicht bei der Kaffeepause dabei stehen oder nicht auf die Firmenfeier gehen, kann es hilfreich sein zu sagen: Ich fühle mich trotzdem als Teil des Teams. Ich brauche nur andere Bedingungen.

JM: Vielleicht ist das Access Doc auch der zweite Schritt. Vielleicht ist der erste das für sich selbst aufzuschreiben. Ich hab immer noch Themen damit, mich selbst anzunehmen in being autistic.
Und mir selbst zu sagen: Ich bin kein defizitärer Mensch, weil ich in der Mittagspause nicht in die überfüllte Mensa gehen kann. Ich bin okay so.

Ich kann mich ja nicht selbst akzeptieren, wenn ich mich selbst gar nicht kenne.

DU: Das stimmt. Vielleicht kann man das Access Doc auch erst einmal für sich selbst nutzen, bevor es nach außen geht.

JM: Ja, voll. Eigentlich schön. Und irgendwie auch krass. Weil es total logisch scheint, Lebensläufe und Arbeitszeugnisse zu haben, aber ein Dokument über Bedürfnisse, Stressmuster und Grenzen zu führen wäre doch so gut!

DU: Ja. Und auch über Kompetenzen und Stärken. 

JM: Ja, stimmt. Gut, dass du das sagst.

DU: Also die Frage: Was kann ich eigentlich? Die Stärken und Kompetenzen von autistischen Menschen unterscheiden sich eben auch.

JM: Ich hatte voll den Fokus auf das Annehmen von dem, was negativ gelesen wird. Aber ja, das ist so wichtig.

DU: Viele bekommen für Verhaltensweisen, die einfach anders sind, eine negative Rückmeldung. Das macht auch etwas mit der Identität. Dann den eigenen Fokus auf Stärken lenken: Die enorme Merkfähigkeit zum Beispiel. Oder das Dranbleiben. Das sind echte Kompetenzen.

Sich selbst zu fragen: Wie kann ich die einsetzen? Wie kann ich meine Stärken und Kompetenzen in meine Rahmenbedingungen einbringen?

JM: Kann ein Access Doc auch Risiken haben?

DU: Natürlich. Die Frage ist immer: In welchem Kontext bewege ich mich? Geht es um Freundschaften? Familie? Den Arbeitsplatz?

In meiner Arbeit geht es häufig darum, Menschen darin zu unterstützen, zu sich selbst zu stehen. Denn das Gegenteil bedeutet oft Anpassung und dauerhafte Anstrengung.

Gleichzeitig gibt es natürlich Risiken, oder ich würde lieber sagen: Herausforderungen.

Gerade bei ADHS oder Autismus sprechen wir oft über unsichtbare Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Da braucht es häufig zusätzliche Erklärungen. Und natürlich stellt sich die Frage: Wie offen möchte ich sein? Wie viel möchte ich preisgeben? Wo habe ich Vertrauen? Wo fühle ich mich sicher?

JM: Man könnte auch sagen: Die Tatsache, dass Menschen überhaupt Access Docs schreiben müssen, zeigt, dass inklusive Strukturen fehlen.

DU: Ja, das würde ich genauso sehen.

JM: Ich persönlich finde, dass Access Docs ein gutes Werkzeug sind und viel mit Selbstbestimmung zu tun haben. Gleichzeitig bedeutet ein Access Doc natürlich auch eine Verlagerung auf das Individuum. Die Person muss zusätzliche Arbeit leisten, um Zugang zu bekommen. Und damit bleibt die Frage offen, warum Zugang so oft zur Aufgabe der Einzelnen wird.


Daniela Ursel ist systemische Beraterin und Therapeutin mit Schwerpunkt auf Autismus, Neurodivergenz und gelingender Zusammenarbeit. Sie arbeitet ressourcenorientiert mit Menschen, Familien und Fachkräften.