Chronic Illness

Text von Leandra

Chronic illness umfasst eine Sammlung von sechs Texten und Illustrationen von einer Gruppe chronisch kranker Burgis, die sich zur AG „chronisch kranke & be_hinderte Burgis“ zusammengeschlossen haben.

Illustration von Leandra

Kraniche 
Chronische Erkrankungen können zu sozialer Isolation führen. In Freund*innenschaften entsteht Distanz und die Angst, vergessen zu werden. Kleine Gesten der Verbundenheit, wie Postkarten oder Briefe können helfen, Verbindungen aufrechtzuerhalten. Die Kraniche im Postkartenformat überwinden weite Strecken mit Selbstverständlichkeit und kehren zuverlässig zurück.

Letzten Herbst habe ich mich an der Hand verletzt. Das Röntgenbild des kleinen rechten Fingers zeigte eindeutig einen Bruch. Der Finger musste nun in eine permanente Streckung gebracht werden, damit sich der Teil des Knöchels, der abgebrochen war, nicht weiter vom restlichen Knochen entfernt und die Strecksehne wieder anwachsen kann. Dafür wurde der abgerissene Teil des Knöchels durch eine Operation mit einem Draht fixiert, die zwei auseinandergebrochenen Teile wieder aneinandergefügt. Zusätzlich musste ich eine Schiene tragen, die den kleinen Finger in pausenlos ausgestreckter Form hielt. Mein kleiner Finger stand immer ab und konnte sich nicht verstecken. Die Oberfläche der Schiene war aus Aluminium, scheinendes Silber, ausgepolstert mit dunkelblauem Kunststoff.

Egal, wo ich war, wurde ich auf die Verletzung angesprochen, gute Wünsche und Mitgefühl wurden mir entgegengebracht. Aber kannst du inzwischen wieder alles bewegen?, schrieb mir vor Kurzem eine Bekannte. Die Verletzung war sehr anschlussfähig. Wie leicht es plötzlich schien, sich auf etwas zu beziehen, das sichtbar und benennbar ist. Einen Finger zu benutzen: zum Schreiben, Gemüse schneiden, Duschen, Abspülen und all die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn einer der zehn Finger nicht mitmacht. Es öffnete sich eine Fülle von Alltagserfahrungen, auf die alle zugreifen konnten.

Einmal saß ich einem Kind in der Bahn gegenüber, Arm im Gips, wir schauten uns gegenseitig anerkennend an.

Die Aufmerksamkeit war mir unangenehm. Ich hatte das Gefühl, ich müsse die Menschen korrigieren, ihnen sagen, wie egal mir diese Verletzung eigentlich war. Wie wenig sie im Vergleich zum Ausmaß meiner durchgehenden körperlichen Einschränkungen bedeutete. Und dass ich schlicht immer wieder vergaß, dass der Finger gebrochen war.

Alle haben einen Körper, aber nicht in der Lage zu sein, diesen von hier nach dort zu bewegen, scheint kaum vorstellbar. Wir reden von Erschöpfung und Müdigkeit und benennen das, was aufgrund der fehlenden Kraft nicht möglich ist. Noch schwieriger wird es, wenn man versucht, das Neue, das sich durch den Kraftmangel konstituiert, zu beschreiben. Schmerz durch Reize, grundsätzliche und allumfassende Überreizung des ganzen Systems, ein Fehlen von Schutz, ein Zuviel durch ein Zuwenig.

Und wie müde bist du dann?, wurde ich letztens gefragt.

So müde, dass ich nicht weiß, wie ich den Heimweg schaffe. Mein Körper ist so müde, dass es ein Kraftakt ist, aufrecht zu sitzen. Müde bis in die Zähne und ins Zahnfleisch. Eine Freundin schickt mir den Link zu einem Lied: In welchem Leben war das möglich, Musik zu genießen? So müde. Ich bin so müde, dass ich das Gefühl habe, die Müdigkeit sei eine Form spirituellen Zustands, in dem einem ein anderer Zugang zur Welt möglich ist. So müde, dass der Einkauf eine Tagesaufgabe ist und ich Angst habe es nicht zu schaffen, mir etwas zu essen zu machen. Ob meine Kraft reicht, den Abwasch zu machen.

Am Tag der OP, in der die Drähte wieder entfernt werden sollten, wusste ich nicht, wie ich den Weg von Halle nach Leipzig schaffen soll. 

Was ist ME/CFS

ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom) ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die oft zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führt. In Deutschland sind Schätzungen zufolge ca. 650.000 Menschen an ME/CFS erkrankt. Auslöser ist häufig eine Infektion durch z.B. Epstein-Barr-Virus oder Covid. 

Die Lebensqualität von ME/CFS-Erkrankten ist sehr niedrig. Ein Viertel aller Patient*innen kann das Haus nicht mehr verlassen, viele sind bettlägerig und auf Pflege angewiesen. 

Charakteristisch für ME/CFS ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM), eine durch körperliche oder kognitive Anstrengung ausgelöste, zeitversetzt eintretende, langanhaltende Verschlechterung einzelner oder aller Symptome. Betroffene leiden außerdem unter schwerer Fatigue (unverhältnismäßige Entkräftung), die das Aktivitätsniveau erheblich einschränkt. Hinzu kommen verschiedenste Begleitsymptome, Schmerzen und Schlafstörungen. 

Sick & Tired

Chronisch krank & be_hindert zu sein an der Burg bedeutet oft, gleichzeitig sichtbar und unsichtbar zu sein. Sichtbar in den Momenten, in denen man zu spät kommt, Fristen nicht einhalten kann, den Raum verlassen muss, oder Hilfsmittel braucht. Unsichtbar, wenn wir bei sozialen Verabredungen nach der Uni, Konsum 3000 Partys, Abschlusspräsentationen, in der viel zu lauten Mensa, in Arbeitsräumen und Werkstätten fehlen. Es gibt viele Dinge, die man uns nicht ansehen kann: tägliche Erschöpfung, Schmerzen, ständiges Warten auf Arzttermine, Anträge, Atteste, die Kraft die es kostet, ständig unsere Grenzen abzuschätzen und zu kommunizieren, die Angst vor einer Symptomverschlechterung, die ständige Organisation des eigenen Überlebens in einem System, das auf permanente Verfügbarkeit ausgelegt ist.

Der Alltag chronisch kranker Studierender besteht oft aus permanenten Abwägungen: Gehe ich heute zur Uni, oder riskiere ich dann einen Crash? Kaufe ich Lebensmittel, oder bezahle ich Medikamente? Sage ich ehrlich, wie schlecht es mir geht, oder verstecke ich es, um andere nicht zu belasten? Kann ich es mir leisten, nach Hilfe zu fragen, oder nerve ich irgendwann? Andauernde Schuldgefühle, Scham oder Angst davor, nicht genug zu leisten.

Die Kunsthochschule steht dabei nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie reproduziert genau dieselben Logiken, die auch sonst dominieren: Leistung, Effizienz, Produktivität. Wert bekommt, wer viel schafft, schnell arbeitet, präsent ist, Netzwerke pflegt, Ausstellungen kuratiert, nachts durcharbeitet und Belastbarkeit performt. Wer dabei krank wird, stört. Denn chronische Krankheit und Be_hinderung stellt die Grundannahmen der Leistungsgesellschaft infrage: dass der Mensch immer leistungsfähig sein soll, dass der Wert einer Person messbar ist und nur Produktivität über Würde entscheidet.

Illustration von einer Qualle mit medizinischer Maske

Keine freiwilligen Pausen zu machen, heißt für eine chronisch kranke/be_hinderte Person vom Körper zu Pausen gezwungen zu werden, bei einem Crash dann für mehrere Tage bis Wochen. Bei ME/cfs kann ein Crash auch zu einer dauerhaften Symptomverschlechterung führen, die den Schweregrad der Erkrankung erhöht. Das System belohnt die, die ausblenden können, wie es ihnen und dadurch auch, wie es anderen geht. Wehrt euch gegen diese Verrohung und Isolation! Fragt euch, wie es euch geht! Erinnert euch gegenseitig daran, Pausen und Feierabend zu machen! Schaut nach, wer fehlt!

Denn dieses System funktioniert nach kapitalistischer Logik, die Profit und Effizienz über Bedürfnissorientierung und Nachhaltigkeit stellt. Auch die Burg, obwohl sie sich oft mit Begriffen wie Freiheit, Kritik, Diversität oder Offenheit schmückt, funktioniert innerhalb neoliberaler Bedingungen. Erfolg wird an Output gemessen: Projekte, Ausstellungen, Publikationen, Wettbewerbe, Drittmittel, Sichtbarkeit. Wer langsam arbeitet oder Pausen braucht, gilt schnell als unzuverlässig oder nicht engagiert genug. Zugang existiert oft nur formal. Die Realität der Hochschule bleibt an Körper angepasst, die da mithalten können. 

Chronisch kranke und be_hinderte Menschen werden dadurch systematisch isoliert. Nicht unbedingt immer durch offene Ablehnung, sondern durch Strukturen, die ihre Existenz unsichtbar machen. Seminare ohne hybride Teilnahme. Anwesenheitspflichten. Räume ohne Rückzugsmöglichkeiten. Abgaben ohne Flexibilität. Lehrende, die Krankheit als individuelles Problem behandeln. Räume die nur über Stufen zugänglich sind. Gleichzeitig entsteht sozialer Druck: Wer ständig absagt, fehlt bei Gruppenprozessen, Freundschaften, Projekten. 

Dahinter steht genau die Frage, welche Leben als wertvoll gelten. Die Eugenik der NS Zeit und Ableismus haben ihre Kontinuität in unserem Alltag, als gesellschaftliche Vorstellung davon, welche Körper „nützlichsind und welche nicht. Wer gilt als produktiv? Wer kostet nur Ressourcen? Warum zählt vor allem Quantität, Geschwindigkeit und permanente Leistungsfähigkeit? Wir erleben oft, dass unser Wert an unserer Arbeitskraft gemessen wird. Nicht daran, dass wir existieren, fühlen, denken, Beziehungen aufbauen oder eben Kunst machen. Chronisch kranke und be_hinderte Menschen trifft das besonders hart. Aktuell will die Bundesregierung die Eingliederungshilfen einkürzen, welche für viele Notwendig sind, um selbstbestimmt leben (und arbeiten!!) zu können. Friedrich Merz bezeichnete diese Inklusions- und Jugendhilfen als nicht länger akzeptabelund fordert u.A. die Betreuung von be_hinderten Kindern nicht mehr individuell zu fördern. Die AfD hat noch viel schlimmere Pläne, sie wollen eine homogene Volksgemeinschaft, dazu gehört, neben rassistischer, misogyner und queerfeindlicher Politik, auch der gesunde Volkskörper. So sagt z.B. Björn Höcke im Sommerinterview (2023)  „Unter anderem müssen wir das Bildungssystem auch befreien von Ideologieprojekten, beispielsweise der Inklusion [].Die AfD plant, Menschen mit Be_hinderungen und chronischen Krankheiten aus Regelschulen und dem ersten Arbeitsmarkt auszuschließen und zu Personen zweiter Klasse, ohne gleiche Rechte zu machen. 

Diese Logik zeigt sich nicht nur bei der CDU und AfD, sondern schlägt sich in der breiten Gesellschaft nieder. Besonders drastisch seit der Pandemie. Covid Denialismist allgegenwärtig: eine gesellschaftliche Haltung, die Krankheit, Behinderung und Tod als akzeptablen Kollateralschaden behandelt, solange Wirtschaft und Normalität weiterlaufen. Es wird so getan, als sei die Pandemie vorbei, obwohl weiterhin Menschen sterben oder durch Infektionen chronisch krank werden. Noch immer gibt es Diskussionen darüber, ob Masken zumutbarseien. Noch immer existiert kaum ausreichende Forschung oder Versorgung für Betroffene von Long Covid, ME/cfs, oder anderen postviralen Erkrankungen. Die gesellschaftliche Reaktion basiert oft auf Verdrängung: der Vorstellung, selbst nicht betroffen sein zu können. 

Illustration einer Katze mit Brille

Wer darf gesund bleiben? Wer wird geopfert? Welche Leben gelten als schützenswert? Wer wird dem Tod überlassen? Schutzmaßnahmen werden abgebaut, Gesundheitsversorgung gekürzt und chronisch kranke Menschen auf Eigenverantwortung verwiesen, nicht erstgenommen, oder psychologisiert. Grenzen werden Dicht gemacht und Menschen  die nicht arbeiten können werden abgeschoben. Das alles passiert nicht aus dem nichts, sondern ist immer eine politische Entscheidung! Wohin fließen Ressourcen, wer bekommt spezialisierte Behandlungen und wieviel Profit darf dafür drauf gehen?

Aktuell gibt es an der Burg Möglichkeiten einen Nachteilsausgleich zu bekommen, dafür kann ein Antrag beim Prüfungsamt gestellt werden um individualisiert einen Ausgleich zu schaffen. Ein Recht an deutschen Hochschulen, das durch eine organisierte Be_hintertenrechts-Bewegung erkämpft wurde. In den 70ern organisierten sich sogenannte Krüppelgruppen, die gegen Bevormundung protestierten und so z.B. 1981 in Dortmund das Krüppeltribunal durchführten, bei dem sie über Selbstvertretung von Be_hinderten und die Fehlenden Mittel des Sozialstaats sprachen. Grundrechte, wie der Schutz vor Diskriminierung und die Behindertenrechtskonvention der UN sind hart umkämpft und werden auch aktuell von der Politik angegriffen. 

Diese Angriffe sind Teil des autoritären Gesellschaftsumbaus. Grundrechte, Arbeitsrechte, Pflegestrukturen und soziale Sicherungssysteme werden zunehmend ausgehöhlt. Sichtbar, war das schon in Ländern wie Ungarn und den USA. Die wirtschaftliche Verwertbarkeit wird gesteigert,  staatliche Verantwortung abgebaut, Solidarität u.A. durch staatliche Repression geschwächt und öffentliche Versorgung eingestampft. Gesundheit wird zur Privatsache und damit immer stärker zur Klassenfrage. Wer Geld hat, kann sich Schutz, Therapie, Ruhe und Behandlung eher leisten. Wer arm ist, muss oft weiterarbeiten, auch krank. Arbeitsbedingungen werden schlechter, Tage länger, Urlaub weniger, Löhne werden runter gedrückt, soziale Absicherung durch den Staat wird eingespart und Krankheit soll jetzt laut Bundesregierung Prozentsache werden in Abstufung von 25%: Wieviel Arbeit kann auch aus kranken Menschen rausgequetscht werden, um den Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiv zu machen?

Illustration von einem Krokodil mit Kopfhörern

Der faule Sozialleistungsbeziehende, der sich nur einen gelben Schein holt, dient dabei als politischer Strohmann, um Rechte von Arbeitenden und Kranken abzubauen. Dass heute selbst Krankschreibungen zunehmend delegitimiert werden, zeigt einen allgemeinen Angriff auf das Recht, nicht permanent funktionieren zu müssen.

Wer ständig um die eigene Existenz kämpft, hat weniger Kapazität, über strukturelle Ausschlüsse nachzudenken. Dabei betreffen Barrieren letztlich alle. Chronisch kranke und behinderte Menschen sind häufig die Kanarienvögel in der Mine: Sie spüren gesellschaftliche Krisen zuerst und am stärksten. Aber die Bedingungen, die sie ausschließen, treffen langfristig alle. Burnout, Überarbeitung, psychische Erkrankungen oder prekäre Lebensverhältnisse sind allgegenwärtig. Wenn wir nicht selbst zum Pflegefall werden, haben wir Angehörige die gepflegt oder Kinder die versorgt werden müssen. Wieviele Projekte zu Stress gab es schon an dieser Hochschule? Wie oft reden alle davon, dass es so nicht weitergehen kann?

Eine befreite Gesellschaft kann nur existieren, wenn wirklich alle frei sind. Zugang und Solidarität dürfen nicht als Sonderlösungen verstanden werden, sondern müssen kollektive Lernprozesse und gesellschaftlicher Wandel sein. Wir müssen Bedürfnisse aushandeln, Bedingungen ändern und grundlegend umdenken, was Erfolg eigentlich ist. Was macht Arbeit wertvoll? Muss Kunst/Design schnell entstehen, um relevant zu sein? Warum wird Erschöpfung romantisiert? Warum sind Studierende Stolz darauf über ihre Grenzen zu gehen? Wem dient diese Vorstellungen von Produktivität? Warum seid ihr nicht alle extrem wütend so viel leisten zu müssen und merkt, dass so viele Menschen wegbrechen und aus dem Leben verschwinden?

Auch die Lehre an der Burg (und allgemein an Kunsthochschulen) muss radikal neu gedacht werden. Sie basiert viel zu oft auf informellen Erwartungen, ständiger Verfügbarkeit und Selbstaufopferung. 

Eine Taube mit Ohrschützern

Konkrete Maßnahmen die den Alltag von Betroffenen vereinfachen könnten sind: hybride Teilnahme dauerhaft zu ermöglichen, Fristen flexibel zu gestalten, Masken zu tragen und Luftfilter in allen Räumen zu installieren, Rückzugsräume zuschaffen (die ruhig und abgedunkelt sind und eine Möglichkeit haben zu liegen), Sitzgelehenheiten auf den Fluren, finanzielle Absicherung auszubauen, Lehrpositionen zugänglicher zu machen für Betroffene und chronisch kranke Perspektiven aktiv einzubeziehen. Vor allem aber, den Wert eines Menschen nicht an dessen Produktivität zu messen. Schafft die Noten ab! Gegen Vergleichbarkeitszwang, Verschulung und Konkurrenz am Arbeitsmarkt! 

Chronisch krank und/oder be_hindert sein, öffnet neue Definitionen davon, was ein gutes Leben eigentlich ist. Erfolg heißt, sich heute nicht schlechter zu fühlen, als gestern. Heißt Vertrauen auf eine völlig neue Art zu lernen, weil durch die Support Needs, Abhängigkeiten vom sozialen Umfeld entstehen. Manchmal fühlt sich dieses Angewiesensein auf Hilfe ohnmächtig an, aber es ist auch extrem schön Menschen zu haben, die Aufgaben abnehmen und die Isolation durchbrechen. Die Einkäufe machen, Rezepte abholen, Wäsche waschen, Fahrdienste übernehmen, putzen oder zuhören, wenn die Trauer zu groß wird. Solidarität kann Barrieren durchbrechen und viele Dinge möglich machen. Solidarität ist lebensnotwendig, wenn Menschen ohne Unterstützung ihren Alltag nicht mehr schaffen, nicht kochen können, wenn schwerstbetroffene von ME/cfs nicht mehr ohne Hilfe essen, oder sich waschen können. Diese Solidarität ist notwendig, weil der Staat bisher keine ausreichenden Angebote für ME/cfs Betroffene hat, es gibt eine absolute Unterversorgung, kein einziges Krankenhaus mit einer Spezialisierten Abteilung, die durch z.B. Reizreduzierung Rücksicht auf PEM (Post Exertielle Malaise) Symptomatiken nimmt. Weil einen Pflegegrad oder einen Grad der Behinderung zu beantragen ein kafkaesker Prozess voller Formulare und Gutachten ist, aber Unterstützung SOFORT benötigt wird.

Ein Bär im Rolli

Organisiert den Widerstand gegen medizinische Vernachlässigung! Fragt eure Hausärzt*innen, ob sie die kanadischen Kriterien und den Bell Score kennen (auch wenn ihr selbst nicht betroffen seid)! Geht zu Liegenddemos für Menschen die nicht selbst demonstrieren können! Fordert euch Pausen ein und weigert euch Länger als 8h am Tag in der Uni zu verbringen! Arbeitsschutz sollte auch für Studierende gelten! Fragt einander wie es euch geht und bietet euch gegenseitig Hilfe an! Nehmt an der Aktion Plank4ME teil und postet ein Foto oder Video von euch, in dem ihr Planked mit dem hashtag #plank4ME! Denkt Be_hinderungen und chronische Krankheiten in euren Projekten mit! Demonstriert gegen den Sozialstaatsabbau der Merz Regierung!

Wir wollen Rampen und Treppenlifte in der Villa, der Unterburg und dem Hermes! Sitzgelegenheiten auf allen Fluren! Barrierefreie Klos auf allen Etagen! Akustikpanele in der Mensa und allen Arbeitsräumen! Ruheräume und hybride Angebote für alle, die sie brauchen! Flexible und Bedürfnisorientierte Lehre, auch ohne Attest! Weniger Leistungsdruck und Abgaben! Keine Präsenzpflicht! 

Wir wollen langfristig nicht nur einen Zugang zu bestehenden Strukturen und irgendwie auch mitmachen dürfen. Sondern grundsätzlich infrage stellen, warum diese Strukturen überhaupt auf Ausschluss, Konkurrenz und Überforderung aufgebaut sind. Warum die Würde von Menschen in diesem System nichts wert ist. Wie Autor*in, Aktivist*in und Lyriker*in Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha es in Care Work - Dreaming Disability Justice beschreibt, fordern wir eine Crip Utopia in der ALLE bekommen was sie brauchen. 

The Future is Disabled!

Text von Eva

Was helfen könnte

Achtsamkeit 

Atemübungen

antivirale Aminosäuren

Akupunktur

Ayahuasca

Aktivierung

Bettruhe

Brain-Retraining

Chaga

Dankbarkeit

Demut

Eigenblut

Eisbaden

Ergotherapie

Fasten

Feng shui

Geduld

Globuli

Gott

Grüner Tee

Heilpilze

Hoffnung

Hypnose

Histamindiät

Infrarotlicht

Inhalieren

Immunglobuline

Journaling

lte

Kneipen

Kurkuma

Luft

leichte Bewegung

L-Lysin

Magnetfeldmatten

Meditation

Mindset

Nikotinpflaster

Osteopatie

Ozempic 

Propolis

Physiotherapie

Psychotherapie

Qi-Atmung

Reiki

Ruhe

Sonne

Selleriesaft

Schwarzkümmelöl

Schlaf

Tee

Urlaub

Vagusnerv-Stimulation

Vitamine

Wärme

Wasser

Weihrauch

Waldspaziergänge

Yoga

Zitronenwasser

Zuversicht

Text & Illustration von Isi

Treppe Isiliegen liegen liegen liegen. schlafen. aufwachen. liegen liegen. bad. frühstück machen. essen. davon erschöpfter sein. liegen liegen liegen. versuchen sachen im bett zu machen. liegen. es klingelt. die post? nicht aufmachen können. liegen liegen. telefonieren im bett. eigentlich müsst ich mal wäsche machen? liegen liegen liegen. heute geh ich mal raus. juhuu! schönes outfit raussuchen. haustürschlüssel. stufen stufen stufen stufen stufen. ebike anschalten. haustür zu. sonne. luft holen. wann war ich das letzte mal draußen? autos. geschäftig laufende menschen. hunde. ich hätte auch so gerne einen hund! fahrrad fahren. fahrtwind. freiheit. zu viele reize. in turbo modus schalten. berg geschafft. bekanntes gesicht sehen. "na wie gehts". scheiße. und weiterfahren. zurück. haustür aufsperren. treppen treppen treppen treppen. wie weit noch. treppen treppen. ich kann nicht mehr. treppen treppen treppen. es hört nicht auf. treppen. wohnungstüre endlich. schlüssel umdrehen. tür zu. auf den boden setzen. atmen. scheiße. war es zu viel? atmen. symptomverschlechterungen. atmen. flur. zimmertür zu. fenster abdunkeln. bett. endlich. kann nicht mehr. war zu viel. liegen liegen liegen liegen liegen. schlafen. liegen liegen. liegen liegen liegen. einsam. liegen liegen. wann wird es besser werden? liegen liegen. was ist das für ein komisches leben. liegen.

Text von Mak

Stell dir vor, du willst einfach nur studieren 

Menschen mit Einschränkungen und medizinischen Hilfsmitteln wie Gips, Krücken oder Schienen können gesehen werden, natürlich brauchst du Unterstützung.

Und dann läufts aber auch anders mit dem Verständnis: Du warst ja letztes Mal wieder nicht daund

Krank? Du siehst gar nicht krank aus..

Danke, du siehst auch nicht aus wie eine Person mit medizinischer Expertise, und trotzdem reden wir über den imaginierten Maßstab, wie eine Person mit Einschränkungen aussehen soll, deiner Meinung nach. 

Stell dir vor, du willst einfach in die Vorlesung. Zum Seminar. In die Kompaktwoche.

Stundenlange Vorlesungen am Stück. Pflichtanwesenheit. Seminare im Denkmalgeschützen Altbau, natürlich ohne Aufzug.

Und wenn du fragst, ob eine digitale Teilnahme möglich wäre, reagieren manche Dozierende, als hättest du vorgeschlagen, die Vorlesung künftig auf einem Einhorn abzuhalten. Oder schlimmer, die Erinnerung an die Pandemie Zeit sitzt immer noch so tief, dass die Digitalisierung zum Glück endlich ein Ende gefunden hat und jetzt bloß nicht wieder aufgelebt werden soll. 

Studierende sollen ja bitte die Vorlesungsräume füllen und nicht zu Hause sitzen!

Also selbst organisieren. Du willst nicht das dritte Jahr versuchen die auf ein Jahr ausgelegte Vorlesung endlich komplett zu besuchen. Das heißt, andere schon wieder fragen, ob sie dich digital mitnehmen können im VL Saal mit Empfangsschwäche. WLAN fällt aus. Du kannsts ja nacharbeiten.“  

Ja klar. Weil Nacharbeiten das gleiche ist wie dabei sein. Let me just crank my von Erkrankung gefressene Kappas to 3000. Ich muss nicht auf die Party kommen, mir werden ja später die leeren Chips Tüten geschickt. Thanks for including me.

Stell dir vor, du willst einfach nur Mittag essen. 

In der Mensa? Der Ort an dem eine, wegen deinen Unverträglichkeiten/Allergien nötige, Beilagenänderung, entweder durch den Geräuschpegel des mit Auszeichnung verliehenen Gewölbes nicht gehört wird, oder behandelt wird wie ein Systemfehler.

Aber du versuchst es. Wieder. Fragst. Diesmal vorsichtig nach Reis statt Kartoffeln.

Die Person an der Essensausgabe schaut dich an, als hättest du verlangt, dass sie die Kartoffeln persönlich neu anbaut. In Mensen gibt es eine heilige Ordnung, verdammt!  

Das Essen ist ein Verwaltungssystem. Kulinarisches Gerrymandering. Selbst Brokkoli hat hier Zuständigkeitsbereiche. 

Die gehören nämlich zu Gericht A.  

Der Reis aber eben zu Gericht B.  

Wenn du auch nur versuchst zu kombinieren, löst du wahrscheinlich irgendwo einen Hochschul-Alarm aus.

Am Ende musst du dann komplett auf (Kartoffel-)Beilage verzichten. Zahlen musst du aber das selbe. Das Weiß des Tellers füllt jetzt über die Hälfte und die Vorlesungen gehen noch bis viertel vor 8 abends.  

Aber ja, selbst schuld, hättest mal selbst was gemacht und mitgenommen, lauf halt schnell malzum Konsum. Und du bist emotional zu erschöpft, um eine weitere Diskussion über Kartoffeln zu führen.

Aber ich beantworte brav die Umfrage. Auch dieses Semester wieder. Über die Mensen und das Essen. Diesmal scheint der Fokus darauf zu liegen, ob ich bereit bin, mehr für regionale Produkte zu zahlen.

Das Ding ist, niemand will Sonderbehandlung. Wirklich niemand wacht morgens auf und denkt:  

Heute hätte ich gern organisatorische Hürden und medizinische Diskussionen.“  

Menschen wollen einfach teilnehmen können, ohne jedes Mal einen Antrag, drei Atteste und die Zustimmung des Mondes (der sich gerade in retrograde befindet und deswegen neue Office Hours hat) zu brauchen.

 

Cranes2

Die AG "chronisch kranke & be_hinderte Burgis" ist ein Austauschort für alle betroffenen Studierenden. Schreib uns gern über be_hindert@burg-halle.de um Teil der Vernetzung zu werden!