Der erweiterte Blick

Erste Erkenntnisse aus der empirischen Untersuchung zur Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland von Marie Köhler

Redaktionsteam der Gurk Biegichenstein

Dieser Artikel steht in Zusammenhang mit dem Artikel Über Grundlagenlehre und Machtposition aus der GURK #4, in welchem das Redaktionsteam der Gurk an die studentisch geführte Umfrage „Anonyme Meinungssammlung zur Forderung multidiverser Perspektiven im Grundlagenstudium“ von 2023 erinnerte, über die Reaktion der Professur aufklärte und hinterfragte, was sich letzlich getan hatte. In diesem Zuge schickten wir auch eine Anfrage an die Grundlagenprofessur, um in den Austausch darüber zu gehen, wie sich jener Diskurs auf Lehrinhalte ausgewirkt hat, welche Verbesserungen und Veränderungen, welche sich gewünscht wurden, umgesetzt wurden. Ein konstruktiver Austausch wurde damals allerdings abgelehnt. Im Sommersemester 2026 stellten wir die Anfrage erneut und erhielten die selbe Reaktion.  Marie Köhler, Medienkünstlerin, Dozentin und Promotionsstipendiatin der Bauhaus Universität Weimar,  unterstützte damals die Ausarbeitung der Online - Umfrage der Studierenden. Im Rahmen ihrer Promotion untersuchte Köhler bereits damals die Gestaltungslehre an Kunst - und Designhochschulen in Deutschland. Die Ergebnisse sind nun ausgewertet und dieser Artikel gibt einen Einblick in ihre Arbeit.

Umfrage Der erweiterte Blick – Zahlen und Fakten

Mit 868 teilnehmenden Personen hatte die Umfrage nach Beendigung der Laufzeit von vier Monaten eine sehr hohe Fallzahl. Studierende, Lehrende und wissenschaftlich Beschäftigte aus rund 50 gestaltungsrelevanten Hochschulen in Deutschland haben sich beteiligt. Ihre Rückmeldungen sind widersprüchlich, vielstimmig, vorsichtig und zugleich deutlich.

In der Rollenverteilung dominieren Studierende (76,9%), gefolgt von Lehrenden (14,4%), wissenschaftlich Beschäftigten (4,6%) und Sonstigen (4,1%). Schwerpunkt bildeten Hochschulen aus Nordrhein-Westfalen. Geschlechterverteilung: weiblich 64,4%, männlich 28,3%, nicht-binär/genderqueer 5,3%. Fachlicher Schwerpunkt: Kommunikationsdesign (254), Design (154), freie Kunst (86), Fotografie (68). 24,9% äußern Unzufriedenheit mit der Gestaltungslehre, 43,1% Zufriedenheit; 60,1% sprechen sich für Veränderung aus. 64,3% der Studierenden berichten über Lücken in der Wissensvermittlung.

Es gab in meinem eigenen Fotografiestudium an der Fachhochschule Dortmund und auch im Anschluss, während meines Kunststudiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln, immer wieder Momente, in denen mir bewusst wurde, dass das, was in den Seminaren als ein „gutes Bild", eine „funktionierende Serie“, als eine „künstlerische wertvolle Arbeit“ galt, nicht einfach ästhetische Qualität beschrieb – sondern eine bestimmte Art zu sehen widerspiegelte.

Eine Art zu sehen, die nicht für alle gleich und als selbstverständlich zu gelten schien. Eine Art zu sehen, die gelernt werden musste. Eine Art zu sehen, welche sich nach, westlichen ästhetischen Sehkonventionen, vom „wahren Schönen1“ richtete.

Denken, ein Denken, das mit der Wirklichkeit zu tun hat, findet nicht im Elfenbeinturm der Isolierung statt, sondern nur im Vorgang der Kommunikation. Wenn es wahr ist, dass Denken nur Sinn hat, sofern es durch das Handeln an der Welt entsteht, dann wird die Unterordnung der Schüler unter die Lehrer unmöglich.2

Paulo Freire

Die individuelle Betrachtung und auch die Wahrnehmung einer Gesellschaft richten sich nach aktuellen Trends, der Mode, der eigenen kulturellen Prägung, der politischen und wirtschaftlichen Situation im eigenen Land, sowie Einflüssen von außen (soweit diese, im Hinblick auf staatliche Zensur, zugelassen werden).3 So entstehen in jeder Gesellschaft ganz unterschiedliche Sehgewohnheiten4 und damit auch unterschiedliche Einflüsse auf die Bildgestaltung.5

Wenn das Sehen unser Denken prägt und unser Handeln beeinflusst, dann sind es die Bilderwelten, die uns umgeben, die hinterfragt oder zumindest befragt werden sollten.

Der nachfolgende Text gibt einen kleinen ersten Einblick in die Ergebnisse meiner Untersuchung zur Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland. Die Umfrage „Der erweiterte Blick – Braucht es eine kritische Reflexion über die Vermittlung ästhetischer Praktiken in der Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland?" ist ein zentraler Forschungsbestanteil meiner Promotion an der Bauhaus Universität in Weimar.

Mein Promotionsvorhaben hinterfragt Gestaltungspraktiken, die – so die These – nach wie vor in der Grundlagenlehre gestaltungsrelevanter Studiengänge oftmals zu Stereotypenbildung und hegemonialen Erzählweisen beitragen. Dabei gilt es zu ergründen, ob die Wissensvermittlung von tradierten Bildpraktiken zu Vorurteilen, Voreingenommenheit und Leerstellen in der Bildung von Studierenden führt und inwiefern diese aus einer gender-, machtkritischen und dekolonisierenden Perspektive hinterfragt werden muss. Mein Interesse richtet sich konkret darauf, welches Wissen von welcher Wissensbasis und aus welcher gesellschaftlichen Position heraus in die Gestaltungslehre mit einbezogen wird, und ob dies dazu führt, dass Dominanzverhältnisse im gesellschaftlichen Miteinander eher verstärkt als abgebaut werden.

Im Zuge dessen habe ich im Frühjahr 2025 eine Umfrage konzipiert und durchgeführt. Die anonyme Online-Umfrage richtete sich an Studierende, Lehrende und wissenschaftliche Beschäftigte an Design- und Kunsthochschulen in Deutschland. Der finale Aufbau der Umfrage ist in enger Zusammenarbeit mit einer kleinen studentischen Forschungsgruppe der HS Düsseldorf im Fachbereich Design erarbeitet worden. Sie ist als kritische empirischen Studie angelegt, die quantitative und qualitative Methoden verbindet. Die Umfrage kombiniert quantitative Fragen zur Einordnung der Zufriedenheit mit einem umfangreichen offenen Antwortenformat. Sie diente nicht dazu, zu zeigen, wie „richtig" gelernt und gelehrt wird, sondern vielmehr dazu, eine Studie darüber zu bekommen, welche Perspektiven uns möglicherweise fehlen und welche Sichtweisen wir in der Lehre noch nicht ausreichend berücksichtigen.

Ziel der Umfrage war es, eine möglichst aussagekräftige Studie darüber zu bekommen, welche Perspektiven uns möglicherweise fehlen und welche Sichtweisen wir in der Lehre noch nicht ausreichend berücksichtigen. Zudem sollte im besten Falle ein Archiv entstehen, in dem möglichst viele inspirierende Beispiele und Methoden aus dem Erfahrungswissen von Studierenden und Lehrenden zusammenkommen, die zeigen, wie Lehre auch anders gestaltet werden kann. Am Ende der Umfrage gab es für alle Teilnehmenden die Möglichkeit, eine eigene Frage zu formulieren. Das Formulieren offener Fragen stellt hierbei einen Kernaspekt der gesamten Herangehensweise da, da durch diesen kollektiven Akt, nicht nach einfachen Lösungen gefragt wird, sondern die Dringlichkeit nach einem dialogischen Prozess sichtbar wird. Die abschließende Fragensammlung lässt sich als kollektives Reflexionsarchiv verstehen. Eine Übersicht findet sich auf www.marie-koehler.com

Nachfolgend kann hier in diesem Rahmen, nur ein Teil der zentralen Ergebnisse der einzelnen Themenfelder zusammengefasst werden.

Grundlagenlehre zwischen Freiheit und Überforderung

64,3% der befragten Studierenden geben an, dass ihnen in der Wissensvermittlung, im Bezug auf die Grundlagenlehre, etwas fehlt. Dabei geht es weniger um den Wunsch nach Verschulung als um das Bedürfnis nach Orientierung zu Beginn des Studiums. Viele Studierende berichten, dass Eigeninitiative sehr früh eingefordert wird, zu einem Zeitpunkt, an dem zentrale Grundlagen noch nicht ausreichend vermittelt wurden. Besonders deutlich wird dies in Rückmeldungen, die von Unsicherheit, Scham und dem Gefühl handeln, mit impliziten Erwartungen konfrontiert zu sein, die nie klar benannt wurden.

Dabei wird immer wieder betont, dass die Voraussetzungen zu Beginn des Studiums sehr unterschiedlich sind – etwa im Hinblick auf technische Kenntnisse, theoretisches Vorwissen oder gestalterische Praxis.

„Ich habe das Gefühl, uns werden keine tatsächlichen Grundlagen vermittelt. Man muss sich alles selbst beibringen und schauen, wo man bleibt. Ich lerne z. B. oft in einem YouTube-Tutorial zu Videobearbeitung mehr als in einem ganzen Semester in einem Kurs."

Die Kritik richtet sich dabei ausdrücklich nicht gegen Eigenverantwortung oder selbstständiges Arbeiten. Vielmehr wird der Wunsch nach einer Lehre formuliert, die Freiheit ermöglicht, ohne sie vorauszusetzen. Eine Lehre, die unterschiedliche Ausgangspunkte ernst nimmt und Gestaltungsgrundlagen, als etwas versteht, das gemeinsam erarbeitet wird.

„Wie kann man Studierende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen bei den Grundlagen so abholen, dass es für alle spannend bleibt, ohne eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu erzeugen?“

„Da die Grundlagenlehre an unserer Hochschule darauf ausgerichtet ist, die Studierenden auf alle Studienschwerpunkte vorzubereiten, ist es sehr herausfordernd für die Lehrenden in der Grundlagenlehre, die Breite abzubilden. Eine intensive kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Blickwinkeln, den blinden Flecken unserer vermittelten Perspektiven, was sinnvollerweise in der Verknüpfung zwischen Theorie und der Praxis der Gestaltung stattfinden sollte, gibt es sicherlich nicht ausreichend.“

Aus vielen Antworten lässt sich erkennen, dass eine Freiheit in der Entwicklung gestalterischer Arbeiten, dort als produktiv erlebt wird, wo sie begleitet, erklärt und eingeordnet wird. Offenheit ohne Struktur hingegen verstärkt bestehende Ungleichheiten und fördert Unsicherheiten.

Bewertung, ästhetisches Urteil, Geschmack und Macht

Viele Studierende schildern eine große Unsicherheit darüber, nach welchen Kriterien ihre Arbeiten beurteilt werden. Bewertung erscheint häufig als subjektiv, schwer nachvollziehbar und stark abhängig von einzelnen Lehrenden. Dies scheint auch damit zusammenzuhängen, dass Lehrende selbst oft in einer Tradition ausgebildet wurden, in der die eigenen ästhetischen Urteile nicht hinterfragt, sondern als neutrale Maßstäbe vorausgesetzt wurden, anstatt die eigene Perspektive, Verortung und Sozialisation transparent zu machen, aus der heraus gelehrt wird.

Zwischen individueller Freiheit, professionellen Maßstäben und institutionellen Anforderungen entsteht ein Spannungsfeld, das selten explizit thematisiert wird. Die Umfrage macht sichtbar, dass gerade der fehlende Diskurs darüber, nach welchen Kriterien und Anforderungen beurteilt und bewertet wird, Seminarräume nicht selten zu Orten verdeckter Macht und Unsicherheit werden lässt.

„Wie ist es möglich, Arbeiten zu bewerten, ohne dass das persönliche Verständnis von Ästhetik der Dozierenden dominiert?“

Einige Studierende berichten, dass sie lernen, sich an vermutete Erwartungen anzupassen – aus Angst vor schlechter Benotung. Abweichungen von etablierten ästhetischen Normen und normierten Erzählstrukturen werden als Risiko wahrgenommen.

„Generell ist sehr viel Chaos an der Hochschule, der Altersdurchschnitt der Professur ist zu hoch und diese reflektieren ihre Lehrmethoden teilweise (!) kaum. Die Bewertung ist sehr vom subjektiven Geschmack abhängig und davon, mit wem man gut klarkommt. Viele Lehrende bewerten tagesformabhängig und haben keine wirkliche pädagogische Methode, wie man eine Kritik neutral ausdrückt, ohne dass sie einen direkt sehr verunsichert.“

Gleichzeitig betonen einige Lehrende die Notwendigkeit, individuelle gestalterische Handschriften zu fördern und starre Normen zu vermeiden. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Offenheit nicht immer von klaren kommunikativen Strukturen begleitet wird, wodurch Machtasymmetrien zwischen Lehrenden und Studierenden verstärkt werden.

Kanon, Eurozentrismus und Sichtbarkeit

Besonders deutlich und mit großer Übereinstimmung fällt die Kritik am bestehenden Kanon aus. Viele Studierende erleben die Lehre als stark eurozentrisch geprägt. Westliche, häufig männlich weiße Positionen dominieren die Referenzen, während andere Perspektiven nur punktuell auftauchen.

„Oft sind Inspirationen und Beispiele sehr westlich geprägt. Manche Lehrende bemühen sich, mehr Diversität zu repräsentieren, jedoch häufig ohne viel kritische Auseinandersetzung, warum das gerade wichtig ist.“

„Die Lehre ist bei uns viel zu eurozentrisch ausgelegt. Es wird immer von Design ist politisch berichtet, aber nur aus der westlichen Perspektive. Nicht intersektional.“

Die Antworten zeigen deutlich, dass multidiverse Perspektiven oft auf repräsentative Sichtbarkeit reduziert bleiben, ohne strukturell in Curricula, Prüfungsordnungen oder Grundlagenfächer integriert zu sein. Insbesondere in der Design- und Kunstgeschichte sowie in den gestalterischen Grundlagenfächern wird eine Dominanz westlicher Perspektiven kritisiert.

Multidiverse Ästhetiken, alternative Wissensformen oder Perspektiven marginalisierter Personengruppen werden zwar teilweise erwähnt, jedoch selten als selbstverständlicher Bestandteil der Lehre in die Wissensvermittlung integriert und erscheinen vielfach als Ergänzung oder „Spezialthema“, nicht jedoch als gleichwertiger Bestandteil der Wissensvermittlung.

„Die hegemoniale didaktische Form der Seminare ist das Referat oder die Gesprächsrunde. So sourcen die Lehrenden ihre Aufgabe der Wissensvermittlung an die Studierenden aus und beschränken sich auf eine mehr oder weniger gelungene Moderationsfunktion. Unter dem Vorwand, nicht als Autorität auftreten zu wollen, behalten sie ihre Expertise für sich und sorgen so dafür, dass sich die Machtverhältnisse ungleich verteilten. Ich würde mir mehr Vorträge von externen Referent:innen wünschen.“

„Ich würde mich freuen, wenn wir nicht nur die ästhetischen Positionen aus der europäischen Kultur kennenlernen würden. Was ist mit all den anderen Positionen, die aus ganz anderen Kulturen stammen? Oder was ist mit den auch weniger bekannten Positionen aus der Kunstgeschichte? Momentan kommt es eher zur Dopplung der immer gleichen Namen.“

Darüber hinaus verweisen zahlreiche Studierende auf Machtverhältnisse innerhalb der Lehre, die alternative ästhetische Positionen implizit abwerten. Abweichungen von etablierten Sehgewohnheiten oder formalen Normen werden teils als „nicht passend“ oder „nicht professionell“ markiert. Hier stellt sich die Frage, inwieweit diese Mechanismen sich unmittelbar auf die Selbstwahrnehmung und gestalterische Entwicklung der Studierenden auswirken.

„Ich erinnere mich an einen Kommilitonen aus Syrien, dem ein Professor sagte, er habe einfach kein Gefühl für Typografie, weil er angeblich keinen kulturellen Bezug zum lateinischen Alphabet hätte. Dann kam noch ein seltsamer Zusatz, dass er ja selbst auch keine arabischen Buchstaben setzen könnte.“

Der Wunsch der Befragten, richtet sich weniger auf Ergänzungen als auf eine grundlegende Erweiterung der Perspektive. Gefordert wird eine Lehre, die nicht von einem normativen Zentrum ausgeht und andere Positionen daran misst, sondern von Beginn an multiperspektivisch denkt.

Gestaltung, Politik und Gesellschaft

Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, dass politische und gesellschaftliche Themen in der Lehre thematisiert werden. Gleichzeitig beschreibt ein signifikanter Anteil diese Auseinandersetzungen als oberflächlich, sporadisch oder stark abhängig von einzelnen Lehrpersonen.

Auffällig ist die wiederkehrende Thematisierung von Unsicherheit und Vorsicht im Umgang mit politischen Inhalten. Lehrende berichten von der Schwierigkeit, kontroverse Themen anzusprechen, ohne Studierende zu überfordern oder zu Konflikten unter den Studierenden beizutragen. Studierende hingegen nehmen politische Diskussionen häufig als vermieden, entschärft oder auf „konsensfähige“ Themen beschränkt wahr.

Besonders sensibel werden Fragen rund um Feminismus, Rassismus, Kolonialgeschichte, den Nahostkonflikt, den Rechtsruck in Europa sowie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beschrieben.

„Zumindest aktuelle relevante Themen werden besprochen, aber vielleicht auch eher übergeordnet, wie Klimawandel, Nachhaltigkeit etc. Viele wichtige Themen wie Rassismus, Sexismus, der Nahostkonflikt usw. werden eher umgangen“

Die Antworten verdeutlichen, dass Gestaltung zwar überwiegend als gesellschaftlich wirksam verstanden wird, die Lehre jedoch oft zwischen dem Anspruch politischer Verantwortung und dem Wunsch nach Neutralität oszilliert. Die Umfrage zeigt weniger einen Mangel an Interesse als vielmehr eine Unsicherheit darüber, wie kritische Auseinandersetzungen in der Lehre aussehen können, ohne zu moralisieren oder zu überfordern.

„Wenn Professorinnen und Professoren eine bestimmte Haltung zu einem Thema vertreten, sind wir oft gezwungen, dieser zuzustimmen – denn sonst bleibt man als Einziger im Raum, der widerspricht. Das betrifft vor allem sensible Themen wie Feminismus, Rassismus, Islam oder andere, bei denen es schwer ist, allein eine abweichende Meinung zu äußern.“

Praxis, Übergänge – Was kommt nach dem Studium?

Viele Studierende beschreiben eine grundlegende Unsicherheit im Hinblick auf Arbeitsfelder, Berufswege und die Frage, wie das im Studium Erlernte außerhalb der Universität anschlussfähig wird. Dabei wird weniger ein konkreter Beruf angestrebt als vielmehr Orientierung eingefordert und ein Verständnis dafür, wie Gestaltung jenseits des geschützten Hochschulraums funktioniert und welche Berufsmöglichkeiten es in diesen Bereichen überhaupt gibt.

Kritisiert wird vor allem, dass viele Arbeiten und Projekte eher dahin gedrängt werden, eine „visuelle Einzigartigkeit“ aufzuweisen oder „künstlerisch hochwertig“ sein sollen, als dass ein Bezug zum Markt und zu möglichen Kund:innen gesucht wird.

„Wie funktioniert das alles im echten Leben? In der Uni ist man sehr geschützt, viele kennen die Realität kaum.“

„Mir fehlt sehr der Praxisbezug: Wie finde ich später eine Arbeit? Wie kann ich meine Arbeiten aus dem Studienkontext in die „reale Praxis" bringen?"

Gefordert werden keine simplen Anpassungen an den Markt, sondern viel mehr praxisnahe Erfahrungen außerhalb der Hochschule. Gewünscht werden Einblicke in unterschiedliche Arbeitsfelder, realitätsnahe Projekte, Austausch mit externen Akteur:innen und die Möglichkeit, Erfahrungen außerhalb der Hochschule in die Lehre zu integrieren.

Care, mentale Gesundheit und unterschiedliche Lebensrealitäten

Auffällig häufig thematisieren die Teilnehmenden Aspekte wie mentale Gesundheit, Care-Arbeit und Neurodiversität, die in klassischen Curricula bislang kaum verankert sind.

„Häufig wird die psychische Ebene im kreativen Schaffen gänzlich unberücksichtigt. Ich fände es zum Beispiel wirklich hilfreich, Prozesse, die man in der kreativen Selbstfindung durchläuft, zu beleuchten, damit man Schaffenskrisen einordnen kann und diese nicht am Selbstwert nagen.“

„Mir fehlt ganz eindeutig die psychologische Ebene im Studium, damit man sich auf innere Konflikte besser vorbereiten kann: Perfektionsdruck, Identitätskonflikte, existentielle Ängste, innere Zensur, Spannung zwischen künstlerischer Freiheit und kommerzieller Erwartung, Resilienz, um Rückschläge besser aushalten zu können.“

Die Rückmeldungen machen deutlich, dass psychische Belastungen nicht als individuelles Problem verstanden werden, sondern als etwas, das in engem Zusammenhang mit den Studienstrukturen steht. Leistungsdruck, Perfektionsansprüche, kurze Abgabefristen und lange Präsenzzeiten sind oft Alltag vieler Studierender gestaltungsrelevanter Studiengänge.

„Lehre muss unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenken."

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Lehre an Kunst- und Designhochschulen nicht nur Wissen vermittelt, sondern Lebensbedingungen strukturiert. Starre Zeitmodelle, lange Präsenzzeiten und fehlende Flexibilität werden dabei als strukturelle Hürden erlebt – insbesondere für Studierende mit Care-Verantwortung, chronischen Erkrankungen oder psychischen Belastungen.

Positive Rückmeldungen und neue mögliche Lehransätze

In den Rückmeldungen finden sich zahlreiche Hinweise auf Lehrpraktiken und Methoden, die den benannten Leerstellen mögliche Alternativen gegenüberstellen. Diese Ansätze existieren – getragen von persönlichem Engagement und theoretischer Reflexion.

„Ja, ich versuche, multidiverse Positionen gezielt in meine Seminare einzubinden. In der Designgeschichte liegt mein Fokus auf bislang marginalisierten Akteur: innen – etwa weiblich gelesenen Designer:innen sowie nicht-westlich geprägten Positionen, die im Kanon oft übersehen werden."

„Ich betrachte meine Seminare als Lehr-Lerngemeinschaft. Ich binde das erfahrene und erlebte Wissen meiner Studierenden in unsere gemeinsame Seminarzeit mit ein. Ich beziehe folgende Themen mit ein: multidiverse Perspektiven und Erzählweisen, das Hinterfragen der eigenen Position – von wo aus spreche ich, über wen und warum?"

Mehrfach wird beschrieben, wie die Grundlagenlehre genutzt wird, um unterschiedliche kulturelle, ökologische und gesellschaftliche Perspektiven erfahrbar zu machen. Materialien, Techniken und Herstellungsprozesse werden dabei nicht nur formal vermittelt, sondern in ihren historischen, sozialen und nachhaltigen Zusammenhängen betrachtet. Gestaltung wird als etwas, das sich nicht auf ein einziges „richtiges“ Verfahren reduzieren lässt, vermittelt.

Auch multidiverse ästhetische Positionen werden in vielen Lehrformaten bewusst eingebunden, allerdings weniger als vollständiger Überblick, denn als kollektive Praxis. Lehrende betonen, dass ein multidiverser Blick immer fragmentarisch bleibt und auf Austausch angewiesen ist – auf Studierende, auf externe Akteur*innen, auf zivilgesellschaftliche Kontexte.

In der Auseinandersetzung mit Design- und Kunstgeschichte zeigen sich zudem Ansätze, die einen westlich geprägten Blick kritisch hinterfragen und Gestaltung als machtvolle, kontextabhängige Praxis thematisieren. Feministische, intersektionale und queere Perspektiven werden nicht als Zusatz verstanden, sondern als notwendige Werkzeuge, um Gestaltung als gesellschaftliches Handlungsfeld begreifbar zu machen.

Diese Ansätze sind oft nicht institutionell abgesichert, aber sie existieren – getragen von persönlichem Engagement, theoretischer Reflexion und dem Versuch, Lehre als gemeinsamen Prozess zu gestalten.

Was bleiben kann und was sich verändern muss – Abschlussgedanke

Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild der aktuellen Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Bezug auf die vermittelten Grundlagenparameter. Die Mehrheit der Teilnehmenden beschreibt strukturelle Defizite, die sich über verschiedene Hochschultypen und Studiengänge hinweg ähneln. Diversität ist zwar diskursiv präsent, wird jedoch selten strukturell verankert.

Bestimmte Vorstellungen und Perspektiven von Ästhetik werden durchgesetzt, während andere weiterhin unterrepräsentiert bleiben. Mit der Begründung der Lesbarkeit wird in eine „richtige ästhetische Sprache“ und eine im Gegensatz dazu „schwache Position“ aufgeteilt.

Viele Rückmeldungen zeigen somit deutlich, dass die Grundlagenlehre in gestaltungsrelevanten Kunst- und Designhochschulen sich nach wie vor an gewohnten, europäischen ästhetischen Praktiken und Präsentationsformen orientiert und sich sehr an europäischen Schulen und Strömungen, an einflussreichen westlichen Positionen und dominierenden Aufmerksamkeitsökonomien abarbeitet, ohne eine Vielzahl anderer Strömungen, Stimmen und multidiverse Ästhetiken mit einzubeziehen.

Wenn gestalterische Qualität implizit an dominante ästhetische Normen gekoppelt ist, entstehen subtile Ausschlussmechanismen. Die Studie zeigt, dass Studierende diese Dynamiken wahrnehmen und ihr eigenes Arbeiten entsprechend anpassen – ein Befund, der auf ein Festhalten an einem europäischen Verständnis von Ästhetik hinweist.

Es ist daher zu befürchten, dass eine weiterhin sehr eurozentrische, tradierte Wissensvermittlung im Hochschulkontext maßgeblich zu einer eingeschränkten Sicht- und Denkweise in der Bildung von Studierenden beitragen kann, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Was hat die Studie konkret bewirkt?

Sie hat Prozesse initiiert, Diskurse angestoßen, die vorher nicht sichtbar waren. Eines der eindrücklichsten Ergebnisse ist die Fragensammlung, die am Ende der Umfrage entstand – über 140 Fragen, die Teilnehmende selbst formuliert haben. Sie lässt sich als kollektives Reflexionsarchiv verstehen. Die Fragen reichen von sehr konkreten didaktischen Anliegen bis zu grundsätzlichen Überlegungen über Verantwortung und Macht in der Gestaltung.

Woher bekommen wir ein erweitertes ästhetisches Wissen? Was ist ein ästhetisches Verstehen? Wer bestimmt die Inhalte der Grundlagenlehre und wessen Perspektiven werden mitbedacht? Wie kann man verlernen, sich selbst als Norm wahrzunehmen?

Diese Fragen verlangen nicht nach schnellen Lösungen. Sie verlangen nach strukturellen Veränderungen, nach Räumen, in denen kritisch-reflexive Praxis verhandelt werden kann.

Es wird grundsätzlich zu klären sein, wie sich Denken und Wahrnehmung im Hinblick auf die Erschaffung und Betrachtung visueller Medien sensibilisieren und verändern lassen. Zudem wird zu klären sein, inwieweit sich eine Unterrichtsmethode entwickeln lässt, die in der gestalterischen Grundlagenlehre Studierenden und Lehrenden die Möglichkeit eröffnet, multidiverse Gestaltungspraktiken in die Wissensvermittlung und Wissensaneignung mit einzubeziehen. Auch wird zu klären sein, wer in Zukunft die Lehre gestaltet, welche Positionen mit einbezogen werden und wie auf die lauter werdenden Forderungen Studierender nach einer diverseren Lehre geantwortet werden kann. bell hooks' schreibt dazu treffend:

Wenn wir uns der Aufgabe stellen wollen, die Universität so umzugestalten, dass sie zu einem Ort wird, an dem kulturelle Vielfalt den Aspekt unseres Lernens prägt, müssen wir bereit sein, zu kämpfen und Opfer zu bringen. Wir dürfen uns nicht sofort entmutigen lassen. Wir dürfen nicht verzweifeln, wenn es Konflikte gibt. Unsere Solidarität erfordert den gemeinsamen Glauben an einen Geist der intellektuellen Offenheit, der die Diversität feiert, den Dissens willkommen heißt und anerkennt, dass alle im Grunde nur nach Wahrheit streben.6

Als Bildermacher*innen, als Gestalter*innen, Lehrende und Kulturschaffende tragen wir die Verantwortung dafür, dass sich in Bezug auf die Bildmacht, die Macht über die Bilder und das Bildermachen strukturell etwas verändert.

In Bezug auf die Lehre braucht es methodische Konzepte, die einen Raum öffnen, in dem Studierende, Lehrende, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zusammenkommen, um an den zentralen Fragen gemeinsam zu forschen und neue Denkansätze in der Kooperation und im Austausch entwickeln zu können. Die Studie zeigt deutlich, dass es mehr Lehrkonzepte braucht, in denen ein kritisches, analytisches, aber auch kreatives Denken mittels eines kooperativen, multiperspektivischen Austauschs möglich ist.


1 Susan Sontag, Standpunkte beziehen – Fünf Essays, Reclam, Stuttgart 2016, S. 26.

2 Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückung – Bildung als Praxis der Freiheit, Rohwohlt, Hamburg 1973, S. 20

3 Megumi Kuwabara, Jannette Alonso, Ayala Darlene, Cultural Differences in Visual Contents in Picture Books, frontiers 25 February 2020, www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.00304/full

4 Ebd.

5 Ebd.

6 bell hooks, Die Welt verändern lernen – Bildung als Praxis der Freiheit, Unrast, Münster 2023, S. 42.