Oma

Text von Ela Sevim Kapici

Ich kann dir deine Trauer nicht nehmen.
Das letzte Mal als ich sie sah, sagte ich, Gott solle 
ein paar Jahre meines Lebens ihr schenken.
Ich bekam dafür Ärger von Papa, aber ich meinte es ernst.
Sie hatte mich nicht ganz verstanden _ ich weiß nicht, 
ob sie ihr Hörgerät drinnen hatte.
Sie entschuldigte sich, dass ich sie so sehen musste.
Sie schämte sich; es brach mir das herz.
Es ekelte mich gar nicht an, sie im Bett Zähneputzen zu sehen.
Mich störte, dass sie nicht anders konnte.
Mich störten die ganzen Medikamente _ die Hälfte davon, 
um den Nebenwirkungen entgegenzuwirken.
Die Woche drauf besuchte ich sie nicht.
Ein paar Wochen später saß ich in diesem viel zu langsamen 
Zug, meinen weinenden Papa in meinen Ohren der sagte, 
ich solle nicht kommen.
Als ich ankam, traf es mich wie einen Schlag.
Oma hob noch ihren Arm, als ich reinkam _ eine Reaktion
vielleicht.
Ihr fehlten die oberen Zähne.
Ihr Wixxer Zahnarzt wollte nicht vorbeikommen, um sie einzusetzen;
dafür müsse sie schon selber kommen.
Meine Oma, die sich die Hüfte gebrochen hatte und im Sterben lag.
Im sterben liegen. Das ist komisch.
Stundenlang vor der Intensivstation zu sitzen und zu warten.
Warten auf Besserung oder den Tod und irgendwie wartet man
einfach, weil man ja auch nicht weiß wohin.
Ihr Körper wollte nicht mehr. Wir dachten, sie würde das schon
packen, es schien so als würde sie uns was erzählen wollen.
Ich rief meine Brüder an, sie sollen kommen, um sich zu
verabschieden.
Alle viel zu weit weg.
Und dann kam auch schon die Frage, 
wer ist der Sohn von Frau Kapici.
Wir sollen uns entscheiden, 
ob wir die Geräte laufen lassen wollen.
Ist das denn kein Mord?
Wann hört das Leben denn auf?
Sie roch schon so kalt und war so nass geschwitzt.
Meine Oma, meine Wurzel.
Ein leben voller leid. Ein Leben und kein ankommen. 
Alles immer fremd und einsam.
Eine riesen Last und dennoch brachte sie mich immer zum lachen.
Die Finger mit Henna bemalt.
Die Haare_ Ich kämmte noch ihre Haare und stricht ihr übers Gesicht;
Versuchte sie mir einzuprägen,
Aber doch bitte nicht so_
Das schwere Atmen; 
das laute piepsen der Maschinen;
 ihre kalte, angeschwollene Hand, die trockene Zunge; 
der offene Mund; der Schlauch in ihrer Nase;
Die vorsichtigen Berührungen; 
der Schock, der Kontrollverlust.
All die Taschentücher _ nie reichten sie aus, diese weichen
Taschentücher, die meiner wunden Nase 
und den geschwollenen Augen
ein wenig Schutz spendeten.
Nichts reicht aus.
Etwas geht verloren und niemand weiß davon.
Ein Teil von mir ist für immer nicht da und alles, was ich habe,
sind die verblassenden Erinnerungen, die ich nicht festhalten
kann.
Alles was ich habe ist diese riesige Wut.
Alles, was ich habe ist ganz leise.
Text von Ela Sevim Kapici