Orte zum Weinen

From a Performance by Laurie Young, After Work Tours #1 im Rahmen von Never Work. Never Work, Sophiensæle, 2026

Orte zum Weinen – war ein reflexiver Raum zur Beschäftigung mit (sexualisierter) Gewalt, Machtmissbrauch, Diskriminierung, Schutz & Sicherheit im Kunsthochschulkontext. Über zwei Semester haben sich hier Studierende austauschen können. Leitende Fragen waren: Wie sieht eine multiperspektivische Annäherung aus? Welche Zugänge zum gewaltfreien Umgang mit Gewalt gibt es? „Nothing happens in the „real“ world unless it happens in our heads“ (Gloria Anzaldúa)

Über Workshops, Vorträgen und Exkursionsangeboten gab es vor allen Dingen einen Raum der offen war für Austausch und Mitgestaltung. Zu den Gästen zählten u.a. Fem*ergenz1, Jeremiah Day, Tectonic Movement2 und Stefanie Beckmann3 – mit der das folgende Interview stattfand.

Stefanie Beckmann:  Ihr habt das Angebot „Orte zum Weinen” genannt. Dieses fand im Rahmen der Innovativen Lehre statt. Wie kamt Ihr auf diesen Namen und welchen Bedarf wolltet Ihr damit adressieren?

Anike Joyce Sadiq:  Ich war zu Beginn meiner Professur an der AdBK Nürnberg gleich in der zweiten Woche mit einer herausfordernden Situation in der Klasse konfrontiert. Wenn ich mich richtig erinnere, hat eine Studierende mir gegenüber in diesem Zusammenhang von den fehlenden Orten zum Weinen auf dem Campus gesprochen.  In der Auseinandersetzung mit einzelnen Fällen werden oft strukturelle Fragestellungen und Missstände sichtbar und verhandelbar.

Was in diesem Fall sichtbar wurde ist, dass es für die Mediation und Aushandlung von Konflikten, Ängsten und Traumata in der Gruppe keine Strukturen an der Hochschule vorhanden sind. Es gibt Anlaufstellen und eine Beschwerdeverfahren, die jedoch aus verschiedenen Gründen bestimmte Konflikte individualisieren und die Dynamik und die Bedingtheit der Konflikte in Bezug auf die Strukturen des Studiums nicht berücksichtigen.

Es klafft eine Lücke zwischen den Risiken, die in der einer künstlerischen Auseinandersetzung nötig werden können und den fehlenden Strukturen, die es erlauben diese Risiken einzugehen.

Diese strukturellen Fragen interessieren mich grundsätzlich als Künstlerin und in der Position als Professorin. In der Institution der Akademie und darin im Klassenverband geht es ständig um die Aushandlung komplexer Dynamiken – in der Gruppe wie in der Auseinandersetzung mit Kunst. Dabei finde ich es auch künstlerisch wichtig, persönliche Betroffenheit und Positionalität mit gesellschaftlichen Fragestellungen auf struktureller Ebene verorten zu können. Sozusagen um über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

Anschließend an die Gespräche in der Klasse, die du begleitet hattest, war es letztlich die Entscheidung, die strukturelle Aushandlung zu Fragen von (sexualisierter) Gewalt, Machtmissbrauch und Diskriminierung aus dem Klassenverband herauszunehmen und auch für andere Studierende an der Akademie zu öffnen.

SB: Das Angebot wurde dann in Kooperation von Dir, Studierenden, der Studierendenvertretung und der AG Gleichstellung entwickelt. Wie habt Ihr diese strukturiert?

AJS:  Die AG Gleichstellung wurde da gerade von der Hochschule aufgelöst, bzw. nicht weiterfinanziert. Aber die Studierendenvertretung (Soap und Miki) waren sehr engagiert und hatten Interesse daran, einen Raum für diese Fragen zu schaffen – den es so nicht zu geben schien. Ich habe angeboten aus meiner Position als Professorin heraus den Antrag auf finanzielle Mittel in Kooperation mit ihnen zu stellen. Wir haben dann gemeinsam ein Programm erstellt, um Schwerpunkte bzw. Veranstaltungen zu setzen. Trotzdem sollte es auch Freiräume für gemeinsame Entscheidungen aller Beteiligten geben.

SB:  Als Klassenleitung und Professorin hast Du eine machtvollere Position. Ich finde dabei die Differenzierung von „Macht über”, die teils vorschnell mit Grenzüberschreitungen assoziiert wird und „Macht für” sehr hilfreich, da bei letzterer die 
Position bzw. Funktion genutzt wird, um Einfluss auf Strukturen zu nehmen und z.B. bessere Rahmenbedingungen für andere zu schaffen. Wie sahst Du Deine Rolle in dem Angebot?

AJS:  Ich verstehe meine Rolle als Professorin als eine der Impulsgeberin, Moderation und Unterstützung. Das Kunststudium innerhalb des Klassenverbands basiert auf intensiver persönlicher Betreuung in der Entwicklung der künstlerischen Position der Studierenden. Das schafft ein sehr enges, hierarchisches Abhängigkeitsverhältnis. Macht über fängt bei der Aufnahme an die Akademie an und setzt sich über die Benotung fort. Aber auch das Vorschlagen zu Stipendien oder das Teilen von Netzwerken gehört dazu. Es ist gleichzeitig mit Verantwortung verknüpft (z.B. auch dafür mit welchen Diskursen die Studierenden in Berührung kommen).

Als Professorin habe ich gesetzliche Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten gehört die Sicherstellung der körperlicher Unversehrtheit während der Lehre und in den Klassenräumen, dazu zählt eben auch die psychische Unversehrtheit im Rahmen der Lehre. Das findet gesellschaftlich – und deshalb auch an den Hochschulen, gegenüber physischer Unversehrtheit wenig Beachtung. Macht für ist hingegen stark mit Ermächtigungsprozessen, mit Agency verbunden. Ich habe das Gefühl, Studierenden ist manchmal ihre eigene Macht nicht bewusst. Meine Macht für begreife ich wie du sagt, für die Schaffung der Rahmenbedingung des gemeinsamen sich-aufeinander-Beziehens in Aushandlung mit den Studierenden im Klassenverband. 

Aus der konkreten Situation heraus sah ich meine Aufgabe diesen Raum „Orte zum Weinen” für diese spezifische Auseinandersetzung zu bieten, zu begleiten und letztlich auch Verantwortung dafür zu übernehmen. 

SB:  Im Rahmen meines Workshops haben wir viel über den Aspekt des Schutzes und der Sicherheit gesprochen. Du brachtest in dem Zusammenhang neben dem Safe Space bzw. Safer Space auch die „Spaces of Acceptable Risk” ein. Worin besteht für Dich ein möglicher Mehrwert dieses Konzeptes?

AJS:  In einem Gespräch während dem Symposium „Somewhere beyond right and wrong, there is a garden. I will meet you there* Rumi“ der BAS/Graduiertenschule an der udk Berlin brachte Alexandre Achour (Performer und Choreograf) den Begriff auf. Er hat sofort bei mir resoniert, da ich selbst skeptisch gegenüber der Idee eines Safe Spaces war. Laura Rikard und Amanda Rose Villarreal gehen in ihrem Aufsatz „Focus on Impact, Not Intention: Moving from ‚Safe‘ Spaces to Spaces of Acceptable Risk” sehr gut darauf ein. Darin zitieren sie auch Baldwin mit „safety is always necessarily an illusion”.

„Most of us, no matter what we say, are walking in the dark, whistling in the dark. Nobody knows what is going to happen to him from one moment to the next, or how one will bear it. This is irreducible. And it‘s true of everybody. Now, it is true that the nature of society is to create, among its citizens, an illusion of safety; but it is also absolutely true that the safety is always necessarily an illusion. Artists are here to disturb the peace.4“

Die Aufgabe von Künstlerinnen besteht aus seiner Sicht also darin gesellschaftliche Simulation von Sicherheit (durch Regeln, Normen, Strukturen) – diesen falschen Frieden zu stören, Fragen zu stellen, Grenzen zu überschreiten, Unbequemes sichtbar zu machen. 

Genau deshalb birgt das Kunststudium Risiken. Ich kann als Professorin also kein Safe Space versprechen, der den künstlerischen Prozess und die Auseinandersetzung damit im Keim ersticken würde, aber ich kann sagen: „Eure Arbeiten werden kritisiert, ihr müsst euch öffnen, es gibt Machtgefälle. Hier sind die spezifischen Risiken dieser Klasse. Hier sind die Werkzeuge, die wir nutzen, um damit umzugehen (z.B. Feedback-Regeln, Vereinbarung zum Umgang, Anlaufstellen). Ich bin da, um euch zu unterstützen, wenn ihr Fragen oder Grenzen habt.” Es geht um die Ermächtigung der Studierenden, ihre eigenen Grenzen zu wahren und Risiken bewusst zu wählen. Aber es geht auch darum zu lernen wie wir produktiv Kritik üben, Missstände und abweichende Meinungen und Ansichten formulieren, ohne dabei zu verletzen.

Wir sind ein Ort des Lernens und des Übens, wir laufen im Dunkeln, aber wir tun es gemeinsam und mit klaren Absprachen. 

SB:  Wir haben in dem Workshop daran gearbeitet, wie man Räume für sich und auch andere z.B. durch Selbstregulation, Kommunikation und klare Verabredungen besser halten kann. Welche Überlegungen hattet Ihr hinsichtlich der physischen Räume, die Ihr bespielt habt, so dass sie zu „Orte zum Weinen” werden konnten?

AJS:  Der physische Raume ist Teil dieser Infrastruktur und daran beteiligt, wie wir uns aufeinander beziehen können. Wie ist die Atmosphäre, wie viel Ablenkung und Rückzugsmöglichkeiten es gibt, wie exponiert sind wir etc. Aber auch: gibt es Getränke und Snacks? Mit dir waren wir im LeonardoZentrum weil es dort einen tollen Seminarraum gab, der nicht nur aus Tischen und Stühlen bestand. Als wir das Bildungskollektive Fem*ergenz zu transformativer Gerechtigkeit in Bildungskontexten eingeladen haben, haben auch sie das explizit erbeten. Während der Vortrag an der Akademie stattfand, hatten wir für den Workshop wieder einen Ort außerhalb der Akademie gesucht und das Kunsthaus Nürnberg angefragt.

Wir hatten mit einem Transporter extra Teppiche und Kissen angefahren. Der Raum, den wir dann betreten haben, war das Gegenteil von dem, was wir uns vorgestellt hatten. Wir standen vor der Frage, Wie viel Energie wir in dieser Situation aufwenden sollten, um kurzfristig noch in einen anderen Raum ziehen zu können. Schließlich war es den Kraftaufwand wert – der neue Raum war hell und freundlich, zwar von Glas umgeben, aber so hoch im Gebäude, dass es keine Einsichtsmöglichkeiten gab. 

SB:  Welche Erfahrungen oder Erkenntnisse nimmst Du für Deine Lehrtätigkeit und vielleicht auch Deine eigene künstlerische Arbeit aus dem Angebot „Orte zum Weinen” mit?

AJS:  Orte zum Weinen ist eher Teil einer größeren Beschäftigung, die sich durch meine Lehrtätigkeit und auch künstlerischer Praxis zieht. Die Lehre sehe ich wie meine eigene künstlerische Praxis als ein Ort der ständigen Verhandlung und Selbsthinterfragung. Aus afro-deutscher Perspektive ist natürlich auffällig, wie wenig race und auch Klasse darin aktuell thematisiert werden oder es ein Bewusstsein dafür gibt.

Im Rahmen der Klasse und des Fachbereichs Kunstpädagogik, für die ich hauptsächlich mitverantwortlich bin, lassen sich konkrete strukturelle Änderungen und Überarbeitungen ableiten.

Aus neurodivergenter Perspektive spielen die Frage nach Strukturiertheit und Offenheit, sowie Selbstfürsorge eine immer wichtigere Rolle. Bei Orte zum Weinen, in der Klasse und auch für meine Lehre ist das ein prekäres Gleichgewicht zwischen den eigenen Ressourcen und Prioritäten und der Verantwortungsübernahme gegenüber der ganzen Arbeitsgruppe.

Zu deiner Tätigkeit: Könntest du etwas über deine Arbeit alssystemische Coach*in mit Spezialisierung auf den Kunst- und Kulturbereich erzählen? Was machst du genau, und wie kam es zu dieser Spezialisierung?

SB:  Da ich meine beruflichen Wurzeln im Theaterkontext habe, war mein ursprüngliches Anliegen Systemische Coaching für die darstellenden Künste und insbesondere den Probenprozess zu entwickeln. Mein Arbeitsschwerpunkt hat sich dann aber sehr schnell auf die verschiedenen Arbeitsbereiche und auch die verschiedenen künstlerischen Disziplinen sowie Organisationsformen ausgeweitet. Das sind Kultureinrichtungen aller Größen, freie Künstler*innen, Kollektive, Hochschulen, etc.

Wichtig an dem systemischen Ansatz finde ich, dass ich als Coach nicht beratend tätig bin, sondern Gespräche oder Prozesse, wie eben den Workshop für euch, anbiete, innerhalb derer Menschen selbst zu Lösungen kommen können, die zu ihnen und ihrem „System“ passen. Seit einigen Jahren arbeite ich auch mit systemischen Strukturaufstellungen, die ich gerade für die Aspekte, die wir noch nicht gut in Worte fassen können, sehr erkenntnisreich finde. Ich schreibe einiges auf meiner Webpage5 dazu. 

AJS:  Zu deinem Workshop: Kannst du etwas über deine Schwerpunktsetzung im Workshop berichten? Was war dir dabei wichtig und warum?

SB:  Für den Workshop habe ich kein fertiges Programm mitgebracht. Stattdessen führte ich im ersten Schritt mit den inhaltlich Verantwortlichen – in diesem Fall mit drei Studierenden und dir – ein Gespräch über eure Anliegen und Bedarfe. 

Wir haben uns auf vier Workshopelemente verständigt:

  1. Mit Teilnehmenden, die euch im Vorfeld Interesse oder Bereitschaft zu kontinuierlicherer Mitarbeit signalisiert hatten, sollte ein Modus der Zusammenarbeit entwickelt werden – inklusive Verabredungen, wie sie diese (selbst-)fürsorglich miteinander und für später hinzukommende Teilnehmende gestalten können.
  2. Dazu untersuchten wir, was gute Voraussetzungen für „wahrhaftige Begegnungen“ sein könnten.
  3. Ausbildung einer Awareness für das Wirken von Bindungssystemen, Nervensystem und Spiegelneuronen.
  4. Konkrete Übungen zur Selbstregulation.

Daraufhin entwickelte ich das Workshopdesign.

AJS:  Zur Situation an Kunstakademien: Unterscheidet sich aus deiner Perspektive und Erfahrung die Situation an Kunstakademien von anderen Bereichen in Kunst und Kultur? Wenn ja, worin liegt der Unterschied?

SB: Diese Frage finde ich sehr komplex. Lass mich bitte auf das Studium und meine Erfahrung in der Arbeit mit Studierenden fokussieren – und nicht zusätzlich über die Kontexte sprechen, in denen Menschen in Kunst und Kultur tätig sind. Auch wenn es in beiden Systemen etwa Hierarchien, Arbeitskulturen, Abhängigkeiten und Gestaltungsspielräume gibt.

Was ich in meiner Arbeit als Coach in den Künsten im Ausbildungskontext wahrnehme: Schon die Ausbildungsinstitutionen – ob Schauspielschule, Musikhochschule oder Kunstakademie – können sich aufgrund ihres Bildungsauftrags etwa in ihrem Lehrverständnis, im Grad oder der Art der Einflussnahme auf die professionelle Entwicklung – durch Einordnungsversuche oder Rückmeldungen zu Arbeiten der Studierenden – stark unterscheiden. Auch die Rahmenbedingungen und Mitgestaltungsspielräume für Studierende werden sehr unterschiedlich definiert, etwa durch die Konsultation von Vertretungen oder die Teilhabe an ausgewählten Abstimmungsprozessen.

Lass uns das Beispiel Studium nehmen: Bestenfalls bietet es den Studierenden Raum für Reflexion, Umsetzung, Ausprobieren – und damit für die Entwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit. Sie fühlen sich sicher genug, um formulieren zu können, welches Maß an Beratung sie von Lehrenden und Kommiliton*innen im Moment unterstützend finden – und an welcher Stelle sie für den nächsten Schritt mehr Autonomie brauchen. Dies soll im Rahmen der institutionellen Vorgaben stattfinden, um die Voraussetzungen für ein Studium zu erfüllen.

Diese Trias – 1. Studienanforderungen, 2. das Erkennen und Steuern des eigenen Bedarfs an fachlich inhaltlicher Beratung oder Feedback, 3. die Entwicklung der eigenen künstlerischen Ausrichtung – birgt bereits eine relevante Komplexität. Sowohl für die Selbstführung und -organisation der Studierenden – als auch für die Lehrenden.

Für viele fällt das Studium in eine natürliche Phase des Lebens, in der Fragen nach der eigenen Identität und Haltung sowie der Existenzsicherung eine neue Dringlichkeit erfahren. Wir beobachten vielerorts ein sogenanntes Work-Life-Blending: Die Zeiten, in denen wir uns beruflichen Tätigkeiten einerseits und anderen sozialen Verpflichtungen oder Freizeit andererseits widmen, sind immer schlechter voneinander zu trennen. Daher werden Fragen etwa nach klaren Offline-Zeiten oder täglichen Gewohnheiten, in denen Selbstversorgung, Regeneration oder soziale Interaktionen stattfinden, wichtig. Und dabei rede ich nicht von Lifestyle, sondern von existenziellen Grundbedürfnissen.

Bild von einem iphone mit Notiz:

Es ist kein Alleinstellungsmerkmal der Künste, dass Fragen nach der professionellen Identität einerseits, der sogenannten Privatperson andererseits und zusätzlich der eigenen Präsentation – etwa in sozialen Medien – komplizierter zu beantworten sind, diffus zusammenfallen oder Identitätskonzepte sich in dieser Vielfalt auflösen. Doch diese Fragen werden hier – mit Blick auf die Entwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit und des Selbstverständnisses als Künstler*in – in einer anderen Intensität gestellt.

Parallel dazu beobachte ich die Suche nach einer stärkeren Verankerung „in sich selbst“ – eine Integrität, die sich auf ein „Ich“ bezieht, um sich mit dem Leben und all seinen Chancen und Herausforderungen in Beziehung setzen zu können. Ein „Ich“, das nicht nur als Selbstkonstruktion gedacht, sondern irgendwie auch als etwas „in mir“ empfunden werden kann. Hier kommen die Sinneswahrnehmung und das Körperempfinden wieder ins Spiel. 

Und dieses Zusammenspiel von „Was denke ich?“, „Was löst dieser Gedanke in mir aus?“, „Wie fühle ich mich daraufhin?“ und „Wie handle ich infolgedessen?“ kann lösungsorientiert betrachtet eine andere Kongruenz zwischen Haltung und Handlungen ermöglichen; wenn diese erstrebenswert erscheint.

Ein letzter Punkt: Kein Studierender ist ein Solitär. Es gibt Aspekte innerhalb des Studiums, die des Kollektivs – etwa der Klasse – bedürfen. Sei es bei der Organisation wiederkehrender Aufgaben für die Klasse, der Planung von Exkursionen oder gemeinsamen Ausstellungen oder im Gespräch über die Arbeiten im Rahmen von Klassenbesprechungen. Dass das Miteinander gelingt, ist kein Selbstläufer.

Und wenn wir uns diese auch nur grob umrissene Situation von Studierenden ansehen, dann finde ich, dass sich daraus sehr relevante Fragen auftun:

  • Wofür muss und kann eine Akademie Angebote und Rahmenbedingungen schaffen?
  • Welche Aspekte von Entwicklung müssen auch weiterhin in der Eigenverantwortung der Studierenden bleiben?
  • Was kann derzeit nicht in die Zuständigkeit einer Akademie fallen, weil die Kompetenz dafür noch fehlt?
  • Wo kann eine Akademie Kooperationen oder Netzwerke ausbauen, um im Bedarfsfall darauf zu verweisen?
  • Welche neuen Bereiche von Lehre und Entwicklung wollen Akademien mittelfristig entwickeln, um auch zukünftig für Studierende attraktiv zu bleiben?


Und damit haben wir die Situation und Fragestellungen der Lehrenden oder die Herausforderungen der Akademieleitungen angesichts sich verändernder Bedarfe der Studierenden, sich wandelnder Kunstwelten und -märkte, erforderlicher Struktur- und Reformarbeiten, Konsolidierungsauflagen, Digitalisierung etc. noch gar nicht mitgedacht.

Als ich vor ca. 14 Jahren mit meiner Arbeit als Coach anfing, hieß es oft: „Stefanie, Coaching in den Künsten, braucht kein Mensch!“ Diesen Satz höre ich nicht mehr.

AJS:  Zu Hilfsangeboten und Gruppendynamik: Ich hatte dich bereits vor Orte zum Weinen in die Klasse eingeladen, weil die bestehenden Hilfsangebote – etwa nach AGG oder durch die Gleichstellungsbeauftragten als erste Anlaufstelle bei Problemen und Beschwerden – sehr
individualisiert sind und sich nicht auf Gruppenarbeit beziehen. Als Professor*innen sind wir zudem nicht darin ausgebildet, Gruppendynamiken oder Konflikte zu begleiten. Gibt es Best-Practice-Beispiele, die für Kunstakademien interessant sein könnten?

SB:  Ich glaube, es ist sehr verantwortungsvoll, wenn Lehrende ihre Grenzen kennen. Auch ich als Coach bin keine Psychologin und muss die Grenzen meiner Profession kennen – und darauf verweisen.

Mein Eindruck ist: Alle profitieren, wenn Angebote und Weiterbildungen genutzt werden, die das Bewusstsein für die eigene Rolle und Kommunikation z.B. mit Studierenden schärfen. Auch halte ich eine Ausbildung zum Ersthelfer Mental Health First Aid für sehr sinnvoll. Das ist sozusagen ein Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit, um im Krisenfall eine „Erstversorgung“ anbieten zu können – und dann an fachlich qualifizierte Personen zu übergeben.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie die Rolle z.B. als Klassenleitung in den unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen mit Studierenden ausgefüllt wird. Wo ist viel Verantwortungsübergabe an bzw. Partizipation der Studierenden angemessen und sinnvoll? In welchen Fällen hat die Klassenleitung die Verantwortung, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen – und dafür den Widerstand der Gruppe in Kauf zu nehmen? Hier erlebe ich in allen Bereichen meiner Arbeit eine große Sorge von Verantwortungsträger*innen, diese direktivere Rolle einzunehmen – oft aus Sorge vor dem Vorwurf des Machtmissbrauchs.

Hilfreich finde ich auch Angebote, wie sie für deine Klasse bzw. die Orte zum Weinen organisiert wurden: z.B. zur Aufklärung über Formen von Grenzüberschreitungen bis hin zu Straftaten.

Weiter finde ich eine produktive Differenzierung in der Debatte über Macht sehr relevant. Wenn das Angebot der bereits existierenden Anlaufstellen auch ausbaufähig ist, finde ich es sehr wichtig, dass es diese gibt und dass sie angesichts drohender Sparauflagen und Backlashes unbedingt verteidigungswürdig sind.

Darüber hinaus empfehle ich allen Beteiligten sehr gerne drei Kompetenzen:

  1. Richtig Feedback geben: Wahrnehmung – Wirkung – Wunsch
  2. Aktives Zuhören üben: Abgleich mit der Gesprächsperson darüber, was man verstanden hat und ob es das war, was die Person ausdrücken wollte. Das heißt: Klärung statt Eskalation aufgrund eines möglichen Missverständnisses
  3. Lösungsorientierung üben: Die Aufmerksamkeit auf Gelingendes, Potenziale und Lösungen richten

AJS:  Zur Nervensystemregulation: Die Regulation des Nervensystems spielt eine wichtige Rolle – oder? Gleichzeitig ist ein überreiztes Nervensystem ein Warnsignal. Wie ordnest du das ein?

SB:  Wir alle kennen sicherlich Situationen, in denen wir unbewusst in einer Weise reagieren, die uns im Nachhinein unangemessen erscheint: entweder wir überreagieren, verfallen in eine Art Schockstarre, entziehen uns einer Situation oder werden zum überengagierten „People Pleaser“. Das alles können Überlebensstrategien sein, die wir – insbesondere in unseren ersten Lebensjahren, aber auch durch spätere prägende bis hin zu traumatischen Erlebnissen – ausgebildet haben. Kurz: Angriff, Flucht, „Tot stellen“ oder Unterwerfung.

In diesen Überlebensmodus können wir geraten, wenn uns eine Situation suggeriert, dass wir in Gefahr sind – und die Gehirnaktivitäten, mit denen wir normalerweise analysieren und einschätzen könnten, ob die angenommene Gefahr real ist, nicht mehr voll zur Verfügung stehen. 

Das Wissen um die eigenen Triggerpunkte – die Reize, die dieses musterhafte Verhalten auslösen – halte ich für sehr wichtig, um Strategien für den Umgang mit herausfordernden Situationen zu erarbeiten und möglichst regelmäßig Übungen zu praktizieren, die das Nervensystem in Balance bringen. Das können je nach Fall aktivierende, körperliche Tätigkeiten sein als auch beruhigende.

Der Psychologe und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl schrieb dazu: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Wenn wir uns diese Freiheit bewahren und die Spielräume nutzen wollen, innerhalb derer wir selbstwirksam agieren können, halte ich das für ein wertvolles Wissen und eine lebensbejahende Praxis.

Wie Du merkst, passt viel von dem, was wir gerade miteinander besprechen, nicht zu dem Narrativ einer zerrissenen, selbstausbeuterischen und impulsiv, aus einer inneren Not oder Wunde handelnden Künstlerpersönlichkeit. Ich denke, dass Teil der Entscheidungsfreiheit sein kann, sich weiterhin für dieses Konzept zu entscheiden und ebenso sich die Frage zu erlauben: Was könnte eine ebenso interessante Alternative für mich und mein Leben als Künstler*in sein?

AJS:  Zu Resilienz vs. Widerständigkeit: In den letzten Jahren wurde die Frage der Resilienz auch in der Kunst vielfach verhandelt. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass der Begriff der „psychischen Widerstandsfähigkeit“ (resilience) an die Eigenverantwortung des Einzelnen appelliert, „funktionsfähig“ zu sein bzw. zu bleiben. Während „Widerständigkeit“ (resistance) eine komplexere, gesellschaftlich-strukturelle Dimension beschreibt. Wie siehst du das aus der Perspektive des systemischen Coachings?

SB:  Ich finde diese Differenzierung von Resilienz und Widerständigkeit auch hinsichtlich des Zusammenhangs von Kunst und Aktivismus sehr spannend zu untersuchen. An dieser Stelle würde ich am liebsten auf deine Arbeit „Visited by a Tiger“ verweisen, die dazu so viel Wichtiges sagt.

Die Arbeit an der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit halte ich für einen wesentlichen Schritt, um auch mit dem umgehen zu können, was sich unserer Kontrolle oder mehr oder vollständig unserer Einflussnahme entzieht. Im Coaching finde ich dazu das Modell „Circle of Influence“ von Stephen Coveys hilfreich. In der Zone of Control – also dort, wo wir direkte Kontrolle haben – geht es um unsere innere Haltung, unsere Entscheidungen und Handlungen: etwa um Klarheit über die eigenen Werte oder die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und aus Erfahrungen zu lernen. Die Zone of Influence umfasst das, was wir durch proaktives Handeln in Interaktionen mit anderen beeinflussen können: Beziehungen, Gruppendynamiken, die wir durch Sicherheit, Verhandeln oder Kollaboration gestalten, oder Ergebnisse, die wir kollektiv verantworten. Und schließlich die Zone of Concern, wo Ereignisse oder äußere Umstände außerhalb unserer Macht liegen. Hier gilt es, Ängste anzuerkennen, den Einsatz von Aufmerksamkeit und Sorgen zu hinterfragen – Und darum Resilienz zu trainieren!

Mit Blick auf die eigenen Werte, Kräfte und Einflussmöglichkeiten halte ich es für legitim bewusste Entscheidungen zu treffen:

  • Wo suche ich aktiv die Irritation im anderen oder in etwas anderem, weil das ein wesentliches Moment von Begegnung ist und der Weiterentwicklung der eigenen Sicht auf die Welt dient? Es eine basale Demokratie-Kompetenz ist.
  • Wo entscheide ich mich für ein Engagement, weil es um etwas Entscheidendes geht. Selbst wenn es mir im Moment mehr Kräfte abverlangt, um etwa gemeinsam mit anderen, Einfluss auf komplexere, gesellschaftlich-strukturelle Themen zu nehmen?
  • Und: Choose your battles!: In welche Widerstände muss und will ich investieren? Und welche lasse ich aus?

Mit dieser Vielfalt und bestenfalls Koexistenz von Engagements und Werten gilt es übrigens auch in einer Klasse umzugehen. Teilweise bedarf es ebenso gute Abgrenzungsmechanismen zu entwickeln, die dieses Engagement zwar tolerieren, respektieren und sogar schätzen, doch ohne es zwingend zum Eigenen zu machen. Gruppendynamisch ist das für die einzelne Person nicht immer leicht auszuhalten, da es neben allem Autonomiebestreben auch ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit gibt.

Für mich gibt es rund um die Arbeit an Resilienz oder Widerständigkeit noch einen anderen Aspekt: Die Frage nach der Verteilung von Verantwortung. Also wer hat das Mandat für die Gestaltung, Aufrechterhaltung oder Veränderung von Strukturen? Gelegentlich wird durch die Bereitstellung von Coachings oder Resilienz-Trainings, etc. die Verantwortung für eine Problemlösung implizit delegiert. Aus meiner Sicht als Systemische Coach ist daher hilfreich, die Befähigung der Einzelnen im Zusammenwirken mit der Kultur innerhalb einer Organisation und den übergeordneten Strukturen zu betrachten und ggf. anzugehen, wenn nachhaltige Lösungen gefunden werden sollen.