Räume, um anzufangen

Text von Simon Wahlers // Studio Zweifel // www.zweifel.jetzt

Es ist Samstag Nachmittag, das Mail-Postfach geschlossen, das Telefon in der Tasche und ein leeres Dokument vor mir. Arial, 12 Punkt, 1,5-facher Zeilenabstand. Ich habe die letzten Tage seit der Anfrage für diesen Textbeitrag immer wieder darüber nachgedacht, worüber ich schreiben möchte. Aber vor allem habe ich mich gefragt, wie ich anfange. Wann ich genug Gedanken und Notizen gesammelt habe, mich hinsetze, ein leeres Dokument öffne und beginne, Wörter zu tippen.

Ich schreibe viel – E-Mails, Kurznachrichten, Förderanträge, Anschreiben, Absagen. Aber wie fange ich an, wenn ich ein weißes Blatt vor mir habe und quasi über alles schreiben könnte? Ich erinnere mich an eine Situation in meiner Schulzeit – ein großer Raum, brauner Teppichboden, orangefarbene Pressspanwände, Einzeltische und knarzende Stühle mit schwingender Lehne: Klassenarbeit Deutsch, Aufsatz, Essay. Vier linierte Doppelbögen mit breitem Seitenrand, ein roter Lamy-Füller, königsblaue Tinte und ein Tintenkiller. Trotz dieser sehr präsenten bildlichen Erinnerung weiß ich weder, worüber wir schreiben sollten, noch wie uns in den Wochen vorher vermittelt wurde, wie man einen Essay schreibt. Was mich an der Erinnerung aber so fasziniert, ist die Ruhe und Konzentration, die ich von heute aus mit dieser Situation verbinde. Es klingt verrückt, aber ich verspüre sogar so etwas wie Sehnsucht danach – nach einer Prüfungssituation. Wirklich? Nun ist dieser Text keine Klassenarbeit, ich bekomme keine Note dafür, ich habe nicht 4 Schulstunden, sondern 4 Tage Zeit, und ich sitze an einem Bildschirm. Trotzdem hat mich die Erinnerung dazu gebracht, es zu versuchen. Einfach anzufangen. Und zu schauen, was passiert.

Aus meiner Tätigkeit als Gestalter kenne ich ein ähnliches Gefühl. Eine Art Flow-Zustand, in dem ich die Welt um mich herum für eine Zeit vergesse und in der kreativen Arbeit versinke. Zugegeben, diese Momente sind mir über die Jahre leider mehr und mehr abhandengekommen. Mein Arbeitsalltag besteht inzwischen vielmehr aus der Aneinanderreihung von Mikro-Aufgaben, Video-Konferenzen und Korrektur-Runden. In den kleinen Lücken dazwischen wische ich zur Belohnung auf meinem Telefon über endlos aneinandergereihte Bilder und Videos. Inmitten dieser Zerstreuung ist es denkbar schwer, die Aufmerksamkeit für längere Zeit auf eine Sache zu lenken, sich zu verlieren und in diesen Arbeitsfluss zu kommen.

Was ist passiert? Wir haben doch immer mehr nützliche Tools und Services erfunden, die das Leben einfacher machen sollen. Schneller, als wir denken können, sind Sprachnachrichten um die Welt geschickt. In doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Eins, zwei, drei Stichpunkte und die unangenehme Mail ist höflich, aber bestimmt formuliert. Prompt kommt die Antwort: höflich, aber bestimmt. Dienstreisen waren noch nie so bequem wie mit dem Komfort-Check-in . Alle 5 Minuten schallt eine Erinnerung daran durch die Lautsprecher im Ruheabteil. Ein Glück gibt es Noise-Cancelling-Kopfhörer. Überall Ablenkung, Überforderung und immer neue kleine Tools mit großen Versprechen. Ich habe den leisen Verdacht, dass all diese Dinge das Rauschen nicht reduzieren.

Deshalb nochmal zurück zum Anfang: Ich will wirklich niemanden davon überzeugen, dass Klassenarbeiten eine gute Sache sind und die Klassenzimmer, in denen ich groß geworden bin, mich inspiriert haben. Trotzdem war das einzig Vernünftige in der Situation, einfach anzufangen. Mutig Wort für Wort aufs Papier zu bringen. Nur der Tintenkiller konnte uns helfen, ein paar Wörter zurückzuspringen . Ansonsten ging es irgendwie vorwärts. Dabei ist bestimmt keine Weltliteratur entstanden, aber es hat allermeistens zur Versetzung gereicht. Und viel wichtiger als das, was geschrieben wurde, ist vielleicht, dass geschrieben wurde. Dass diese Situation geschaffen wurde, in der man für ein paar Stunden unverbunden war mit der Welt. Und sich so ganz in den eigenen Gedanken verlieren konnte. Das ist die Sehnsucht!

Natürlich hat es nicht geklappt, diesen Text an einem Stück zu schreiben – inzwischen ist es Montag Nachmittag. Aber ich habe angefangen. Und mich durch das Schreiben vom einen zum nächsten Gedanken bewegt – aufgeschrieben, verworfen, gezweifelt, umgestellt. Und dabei gemerkt, wie wichtig es für mein kreatives Schaffen ist, bewusst Situationen und Räume mit wenig Ablenkung zu schaffen, die das Anfangen und Dranbleiben leichter machen, damit etwas wirklich Neues entstehen kann.

Wie wäre es, wenn wir mit dem, was wir als Designer*innen oder Künstler*innen können, Räume gestalten, die es anderen leichter machen, anzufangen und dran zu bleiben? Alternative Klassenräume zum Beispiel, in denen es Spaß macht, zu schreiben, zu zweifeln und eigene Gedanken in Worte zu fassen. Orte, an denen Platz ist für Fehler und Verunsicherung. An denen Menschen mutig ihre eigene Stimme finden können und wir uns zuhören. Analoge Räume, in denen wir offline aber als Kollektiv verbunden sind und zusammen produktiv, intelligent und kreativ sein können. Aber auch Räume, in denen wir unproduktiv sind, uns das Leben ganz ohne Komfort schwer machen und Leichtigkeit zurückgewinnen. Klar ist: Wir können uns all dem Quatsch, der um uns herum passiert nicht so einfach entziehen, wir sind ein Teil davon. Umso wichtiger, dass wir versuchen, diese Räume und Gelegenheiten zu schaffen, in denen wir noch selbstbestimmt denken, handeln und zusammen unverbunden sein können. Fangen wir an.

Foto von Laura Markert