Schreib heute noch fünf Kommentare

Text von Caspar Weimann

Es ist schon irgendwie bemerkenswert, wie nachhaltig und effektiv rechte Netzwerke Ende der 10er Jahre mit ihren organisierten Hassattacken in Kommentarspalten waren. Es ging ihnen damals nicht nur darum, ihre Themen aggressiv in den Mainstream-Diskurs zu ziehen. Es ging ihnen auch nicht nur darum, einzelnen Menschen schwer zuzusetzen und sie so aus diesem Diskurs rauszuziehen. Es ging ihnen auch und vor allem darum, den Diskurs selbst zu vergiften. Hass und Missachtung in Kommentarspalten sind nicht nur alltäglich, sondern ein von der breiten Öffentlichkeit getragener Status Quo im Umgang miteinander.

Kommentarspalten sind ein bisschen wie Straßenbahnen. Wir sind da relativ anonym unterwegs und manchmal (in Kommentarspalten wesentlich öfter als in Straßenbahnen) pöbelt jemand rum, beleidigt, attackiert. Was ist in der Straßenbahn das beschissenste, was man dann machen kann? Weggucken. Und was machen wir in Kommentarspalten? Lieber nichts, ich bin gar nicht hier, ich swipe weiter. Unsere Anonymität schützt uns vor der Verantwortung, die wir zur Mitgestaltung und zur Deeskalation des Raumes tragen. Die Wahrscheinlichkeit, dass du (ja du, liebe*r anonyme*r Leser*in) überhaupt regelmäßig Kommentare unter Posts schreibst, die nicht von deinen Friends sind, ist extrem gering. Und so können wir nicht weitermachen. Zumindest dann nicht, wenn wir ein ehrliches Interesse daran haben, dieser rechten Vormacht auf Social Media etwas entgegenzusetzen. Die Faschos kommentieren am laufenden Band, die meisten Antifaschos haben Angst davor, in den Diskurs zu gehen und sich dabei vielleicht selbst zur Zielscheibe zu machen. Und – don’t get me wrong – ich checke! Vor allem, wenn man zu einer Personengruppe gehört, die marginalisiert wird, macht man sich halt auch zur Zielscheibe. Seine Stimme zu erheben bedeutet laut zu sein. Laut zu sein bedeutet, Aufmerksamkeit zu ziehen. Und diese Aufmerksamkeit kann ganz schnell die Aufmerksamkeit von Leuten sein, die sich darauf einen abwichsen, dir zu sagen, dass sie dich am liebsten abknallen würden. So funktioniert diese Vorherrschaft der Gewalt: Sie nimmt sich Raum, in dem sie andere Stimmen mittels Angsteinflößen verdrängt.

Diese Angst müssen wir überwinden. Und wenn wir uns dabei nicht selbst zur Zielscheibe machen wollen, dann mit Fake Profilen. Kennst du diese geilen Vorbilder von Zivilcourage in Straßenbahnen? Diese Leute, die dagegenreden? Die es irgendwie schaffen, die Aufmerksamkeit so effektiv in eine andere Richtung lenken? Die Pöbler zur Verantwortung ziehen? Diese Leute müssen wir online sein. Kennst du das Gefühl, dich durch eine Kommentarspalte zu swipen in der Hoffnung, dass es da auch nur eine einzige vernünftige Stimme gibt? Diese Stimme musst du sein.

Das hier ist ein Plädoyer fürs Gegenreden. Ein hasserfülltes und missachtendes Miteinander verunmöglicht Begegnung, verunmöglicht Respektaufbau.

In den Hassattacken, die ich abbekommen habe, habe ich eine Beobachtung gemacht, die mir krass hilft: Wenn die Leute mich angreifen, greifen sie nicht wirklich mich an. Sie greifen das Bild an, was sie von mir haben. Sie greifen den Linksfaschisten an, den Gutmenschen, den naiven Systemling. Wenn ich es schaffe, nicht auf diesen Hass reinzufallen, sondern in meiner Antwort radikal respektvoll bleibe, verändert sich ihr Ton. Den Hass auf dieses Bild, was sie von mir haben, den haben sie gelernt. Und zwar von rechten Netzwerken, mittlerweile in einem Zeitraum von über zehn Jahren, in denen wir alle in dieser Straßenbahn immer aggressiver, immer angriffslustiger, immer zynischer und immer gleichgültiger wurden. Radikale Empathie in Kommentarspalten ist antifaschistische Praxis.

Text von Caspar Weimann