Leon Eichelbaum und ich machen zusammen eine Ausstellung — ‘There Is No Other Place Like Home’. Doch Leon kann nicht physisch anwesend sein, weder beim Auf- und Abbau noch bei der Eröffnung selbst. Grund dafür ist seine Erkrankung an ME/CFS, welche ihn an sein Zuhause, sein Bett fesselt. Die Ausstellung zeigt Leons Alltag, der sich zwischen Erschöpfung, Isolation, Schmerz und Fürsorge bewegt und die Doppeldeutigkeit des Begriffs ‘Zuhause’ thematisiert. Die Eröffnung wird per Livestream übertragen, um auch Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen die Teilnahme zu ermöglichen — darunter auch Leon. Zudem finden Redebeiträge statt, aus medizinischer Sicht von Dr. Dr. Bettina Hohberger und eine kunsthistorische Einordnung von Silvan Wilms. Musikalisch begleitet wird der Abend von Elias Gerster und Gennaro Parrotta, wobei noch eine begleitende Publikation zur Ausstellung erscheint.
Nun zurück zu Leon, der das Ganze nur per Livestream unter starken Medikamenten mitverfolgen kann. Leons Lebensrealität ist kein Einzelfall. Über 650.000 Betroffene allein in Deutschland mit ME/CFS werden unsichtbar (gemacht), da sie in ihren vier Wänden verschwinden, wie verschluckt sind. Ihnen fehlt die Kraft, auf sich selbst und ihre Erkrankung aufmerksam zu machen, auf die Straße zu gehen oder laut zu sein. Sie sind auf ihre Nächsten angewiesen, vor allem aber auf die Gesellschaft. Gemeint ist damit jede*r von uns, der oder die das Privileg hat, gesund zu sein.
Auch in der Kunst- und Kulturszene sind diese Menschen kaum sichtbar, da viele institutionelle Räume physische Präsenz voraussetzen. Damit reproduzieren sie nicht nur gesellschaftliche Verhältnisse, sondern tragen aktiv dazu bei, dass diese Menschen unsichtbar bleiben. Seit Leon erkrankt ist, zeigt er seine Kunst digital über Instagram oder seine Website. Einen physischen Raum kann er nicht bespielen.
Durch meine Auseinandersetzung mit Identitätspolitik, Privilegien und Machtstrukturen sowie der Wichtigkeit, Sichtbarkeit für ME/CFS zu schaffen, verstehe ich, wie wichtig es ist, Subjekte selbst sprechen zu lassen, anstatt über sie zu berichten. Das hängt mit Fragen von Repräsentation und der Frage zusammen, wer letztlich von ihr profitiert. In diesem Zusammenhang erscheint es mir umso wichtiger, Leon zu unterstützen, mein Privileg, gesund zu sein, zu teilen und ihm zu ermöglichen, seine Arbeiten in einer Ausstellung zu zeigen, in einer physischen realen Welt, in welcher die Gesellschaft ihm sonst keinen Platz bietet. Dabei übernehme ich die Kuration und Organisation der Ausstellung.
[Ehrlich gesagt befinden wir uns alle in einer kuratorischen Rolle— egal ob Kunstschaffende oder nicht, indem wir kreieren, konsumieren oder teilen: sei es der Wocheneinkauf, das Transportmittel oder die Playlist die wir erstellen. Mit unserem Privileg Entscheidungen treffen zu können, bestimmen wir die Verteilung von Ressourcen, unter anderem auch der der Sichtbarkeit. Es ist wichtig dem bewusst zu werden, dass mit dieser Entscheidung auch eine Verantwortung mit einhergeht, die wir nicht einfach so ablegen oder ignorieren können.]
Doch diese Kuration bedeutet für mich nicht, zu bestimmen, wie etwas zu laufen hat. Sie entsteht in der Zusammenarbeit mit Leon. Wir tauschen Ideen, Vorstellungen, Wissen und Fähigkeiten aus und entwickeln die Ausstellung gemeinsam. Dabei arbeiten wir unter besonderen Bedingungen. Die Erkrankung lässt kein Arbeiten nach Takt oder festen Zeitplänen zu. Stattdessen entwickeln wir unsere eigene Form der Kommunikation und suchen nach einem Gleichgewicht in der Verteilung von Aufgaben. Wir passen uns immer wieder an neue Situationen an, es ist ein organischer Prozess. Danke für diese Erfahrung Leon <3
Auch beim Transport sowie beim Auf- und Abbau bin ich nicht allein. Viele Menschen haben mitgeholfen und ihre Zeit, Kraft und Unterstützung eingebracht. Danke an alle Helfenden <3
Diese Ausstellung macht sichtbar, dass Kunst selten das Werk eines*einer einzelnen Künstlers*Künstlerin ist. Sie entsteht durch Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und das Teilen von Ressourcen und Privilegien. Das gilt ebenso für die Gesellschaft. Wir sind aufeinander angewiesen. Die Frage ist gar nicht mehr, ob wir Verantwortung füreinander tragen, sondern wie wir mit den Möglichkeiten umgehen, die wir haben, und ob wir bereit sind, diese mit anderen zu teilen.