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Als ich die Zusage erhielt, glaubte ich, mein Leben würde endlich beginnen. Dieses College war mein Traum. Ein Ort für die Besten. Für die Auserwählten. Für Menschen, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen und sich neu erschaffen wollten. Und genau das wollte ich. Neu werden. Neu beginnen. Frei sein.
Ich wusste nicht, dass meine Vergangenheit bereits auf mich wartete.
Das weiße Schloss
Der Palast erhob sich über dem Campus, wie ein Märchen aus Marmor. Seine weißen Wände glitzerten im Licht der Frühlingssonne. Alles wirkte makellos. Rein. Fast unwirklich. Ich konnte nicht fassen, dass dieser Moment gekommen war, das ich endlich hier war. Vor mir erhob sich das riesige Eingangsportal. Ich griff nach dem silbernen Türknauf und öffnete die hohe Glastür. Im Inneren des Palasts schlug mir plötzlich ein kalter Luftzug entgegen. Ein Schauder lief über meinen Rücken, die kleine Härchen an meinen Armen stellten sich auf. Und dann sah ich ihn. An einer Wand gelehnt. Eine Zigarette zwischen den Fingern. Als hätte er dort schon immer gestanden. Seine Augen waren eisblau. Seine Haut wirkte wie aus weißem Stein gemeißelt. Schönheit ohne Wärme. Auf seinen schmalen Lippen lag ein halbes Lächeln, während sein Blick auf mir ruhte. Hungrig. Er musterte mich wie ein Raubtier seine Beute.
Mein Herz setzte aus. Wie konnte er auch hier sein? Ich hatte geglaubt, dieser Ort würde mir gehören. Dass der Weg in diesen Palast ihm verwehrt bliebe. Dass ich endlich ein Kapitel aufschlagen könnte, in dem sein Name nicht mehr vorkam. Doch was ich damals nicht wusste: Der White Boy gehörte hierher. Vielleicht sogar mehr als ich.
Er war älter geworden. Sein Gesicht war härter. Die kurzen Haare von früher waren länger geworden und fielen ihm nun in hellen Strähnen ins Gesicht. Er sah nicht mehr aus wie der Junge aus dem Park. Er sah aus wie etwas, das in einem Schloss lebte. Wie ein Prinz hinter hohen Mauern. Jemand, der von den Türmen auf die Welt hinabblickte, als hätte er sie verstanden. Als hätte er jedes Leid gesehen, jede Wahrheit erkannt, jeden Winkel der Erde bereist. Als würde er nur darauf warten, von fernen Ländern zu erzählen. Von fremden Menschen. Von Dingen, die er schön fand, weil er sie nicht kannte und seine Fantasie darauf aufbauen konnte. Und als sich unsere Blicke trafen, wusste ich: Dieser Ort war sein Zuhause. Sein Palast.
Die Kreatur aus meinen Geschichten
Das erste Mal hatte ich ihn Jahre zuvor gesehen. Ein sonniger Nachmittag. Ich saß im Park und las. Mein Körper spürte seine Präsenz bevor ich ihn sah. Ich blickte auf, mein Blick traf seinen. Meine warmen braunen Augen seine kalten blauen. Mein Herz stockte. Er schimmerte im Licht und wirkte, als gehöre er nicht in meine Welt. Die Sonne verbrannte seine Haut, als würde das Licht ihn bestrafen. Seine Schultern wurden rosa, dann rot, dann schälten sie sich in dünnen Streifen. Trotzdem lag er stundenlang in der Sonne, rauchte Zigaretten und sah aus, als würde er leuchten. Ich konnte meinen Blick nicht mehr von ihm lösen. Ab dieser Begegnung tauchte er überall auf. Im Park. In den Straßen. An Bahnhöfen. Auf Partys. Er erinnerte mich an die Figuren aus meinen Büchern die traurigen Vampire, die verfluchten Prinzen, die Monster, die nur geliebt werden wollten. Diese Geschichten hatten von ihm erzählt. Sie hatten mir vorgegeben was meine Aufgabe war. Wie wichtig seine Existenz für die meiner war. Es gab keinen Ort mehr, an dem ich ihn nicht spürte. Keinen Moment mehr, in dem ich mich nicht nach ihm sehnte. Egal wo ich war er war auch dort. Und jedes Mal ruhte sein besitzender Blick auf mir. Er hatte sich in meinen Körper eingebrannt wie ein Mal was ich von nun an auf mir trug.
Der White Boy war zu Zentrum meines Daseins geworden. Alles was ich Tat tat ich für ihn, denn mir wurde versprochen das er mich komplett machen würde. Das ich durch ihn endlich einen Wert bekam.
Der Vampirkönig
Das erste Mal sprach er mich in einer Bar an. Es war spät. Die Nacht schien sein wahres Element zu sein. Tagsüber wirkte er schön. Nachts wirkte er mächtig. Sobald die Sonne den White Boy nicht mehr plagte,
bewegte er sich freier, als gäbe es nichts mehr, das ihn einschränken konnte.
Er stand mit dem Rücken zu mir an der Bar gelehnt, umgeben von seinen Freunden, seiner Gefolgschaft. Man traf ihn nie allein an. Blasse Jungen mit müden Augen. Sie folgten ihm durch die Straßen wie Wölfe ihrem König. Seine Wölfe waren ihm ergeben. Doch nicht Liebe hielt sie zusammen, sondern die Gier nach Macht. Sobald sie sich versammelten, schienen ihre Gedanken zu einer einzigen Stimme zu verschmelzen. Alles außerhalb ihres Kreises verlor an Bedeutung. Nur ihre Worte zählten. Nur ihre Meinungen wurden gehört, bestätigt und wiederholt. Sie verschlangen einander, ohne es zu bemerken, und alles, was in ihre Umlaufbahn geriet, wurde in ihren dunklen Strudel gezogen. Sie wussten genau, wie sie ihre Bahnen aufrechterhielten. Wie sie jemanden anlockten, einkreisten und umschlossen, bis kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Blicke fanden mich schnell. Sie musterten mich, umkreisten mich, als prüften sie, ob ich in ihr Revier gehörte. Ihre Münder waren zu schmalen Grinsen verzogen. Ihre hungrigen Gedanken standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Ich hätte gehen sollen. Meine Freund:innen waren längst verschwunden. Ich war allein. Schutzlos. Doch ich blieb. Wenn ich jetzt ging, würde ich für immer an die verpasste Möglichkeit denken. An das, was hätte sein können. Ich wollte ihm endlich gehören. Wollte in seinem Antlitz untergehen, mich vollständig in seiner Existenz auflösen.
Verloren in diesen Gedanken hob ich mein Glas an die Lippen. Der Weißwein benetzte meinen Mund. In diesem Moment spürte ich seinen Blick. Er hatte sich zu mir gedreht. Seine eisblauen Augen glitten über mein Gesicht und wanderten langsam an meinem Körper hinab. Auf seinen Lippen lag ein schmales Schmunzeln. In seinem Blick glänzte etwas Hungriges. Der White Boy hatte mich entdeckt. Er schob sein Rudel zur Seite, trat vor mich, sah auf mich hinunter und sagte: „Ich habe schon lange niemanden getroffen, den ich so attraktiv finde wie dich.“
Seine Stimme klang rau, als käme sie aus großer Ferne. Doch sie traf mich mit voller Wucht. Sie war das Versprechen all meiner Träume. Mein Herz setzte aus. Meine Existenz wich seiner. Seine Worte legten sich um mich wie ein Zauber. Er hatte mich ausgewählt. Aus all den Menschen in diesem Raum hatte er mich gesehen. Damals fühlte es sich wie eine Liebeserklärung an. Heute klingt es wie eine Warnung.
Doch der White Boy hatte mich bereits in seinen Bann gezogen. Meine Realität begann in seiner aufzugehen. Ich hatte geglaubt, gewählt zu werden, sei dasselbe wie geliebt zu werden.
Der weiße Turm
Der White Boy brachte mich in sein Reich. Ein Apartment hoch über der Stadt. Ein weißer Turm. Wenn ich dort mit ihm war, fühlte ich mich ihm nahe. Die Kälte seines Turms umhüllte mich und betäubte die Gedanken an meine eigene Welt. Seine Welt war die einzige, die für mich existierte. Sobald die Dunkelheit hereinbrach, verschwand alles außerhalb seines Turms. Es gab nur noch ihn, mich und seine Träume.
Sein Turm war voller Trophäen. Stolz zeigte er mir jede einzelne, und ich bewunderte sie ebenso wie die Geschichten seiner Errungenschaften. Er redete, ich hörte zu. Oft verstand ich seine Worte nicht vollständig, doch sie klangen so schön, dass ich ihnen glaubte. Er war älter als ich, weiser als ich und schien die Welt besser zu verstehen. Also hielt ich seine Existenz zusammen, als hinge auch meine von ihr ab.

Nachts kochten wir oft in seinem weißen Turm. Die Küche war klein. Schwummriges Licht fiel auf die Arbeitsflächen, die Fenster waren verhängt. Meine eigene Realität verlor dort ihre Bedeutung. Es gab nur noch den Traum des White Boy.
Eines Abends öffnete er ein blechernes Gefäß aus seiner Kindheit. Darin lag seine liebste Delikatesse: kleine Teigtaschen, bleich wie seine Marmorhaut, schwimmend in einer Soße, rot wie frisches Blut. Das Metall der Dose war kalt wie seine eisblauen Augen, wenn er nachts ins Leere blickte und von der Grausamkeit dieser Welt sprach, als sei nur er dazu verdammt, sie zu fühlen.
Er erwärmte das Gericht langsam auf dem Herd, als vollziehe er ein uraltes Ritual. Dann fütterte er mich mit einer silbernen Gabel, als wäre ich ein kleines Geschöpf aus dem Wald, das sich in sein Schloss verirrt hatte. Tomatensoße glänzte rot auf seinen Lippen. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen.
Ein anderes Mal brachte ich ihm eine Frucht mit. Sie war ihm fremd. Ich versuchte ihm zu zeigen, wie man sie zubereitete, wollte ihm etwas aus meiner Welt mitbringen. Doch der White Boy hörte selten zu. Die
Klinge glitt ab und schnitt in seine Hand. Blut rann über seine blasse Haut. Dunkelrot. Er lachte nur.
Schmerz empfand der White Boy nur dann, wenn er nicht bekam, was er wollte.
In seinem Schloss sprach er stundenlang über das Leid der Welt. Über Ungerechtigkeit, Kriege, Armut und das Böse in den Menschen. Er erzählte von den Ländern, die er bereist hatte, von Elend und Verlust, die er dort gesehen haben wollte. Er sprach wie ein verfluchter Prinz, der die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern trug. In seiner Welt trug er diese Last allein, denn in seiner Welt gab es nur ihn.
Und ich glaubte ihm. Ich ließ mich auf seine Erzählungen ein. Wer, wenn nicht der White Boy, wusste, wie das Universum funktionierte? Denn er war der Mittelpunkt meines. Ich dachte, wenn ich sprach, würde er irgendwann auch mir zuhören. Doch meine Aufgabe bestand darin, ihn vor dem Elend der Welt zu bewahren. Eines Nachts sprach auch ich. Ich erzählte ihm, wie fremd ich mich in seiner Welt fühlte. Wie oft ich daran erinnert wurde, dass ich nicht in sie passte. Dass die Blicke seiner Kreaturen meine bloße Existenz bestrafen wollten. Er sah mich an. Seine Augen waren tief wie ein stilles Meer, in dem ich versank. Sein Blick verschwamm, als würden die Wellen, die ich in seine Welt brachte, ihn überwältigen. Er legte den Kopf in meinen Schoß, vergrub sein Gesicht in mir und begann zu weinen. Seine bleiernen Tränen brannten auf meiner goldenen Haut. Das Schluchzen des White Boy erfüllte die Stille der Nacht.
Meine Lebensrealität brachte seine Welt zum Reißen.
Also tröstete ich ihn. Ich versuchte, die Risse in seinem Palast wieder zu schließen. Ich tröstete den White Boy, weil ihn mein Schmerz traurig machte. Weil es meine Aufgabe war, ihn zusammenzuhalten und seine Welt vor meiner zu beschützen.
Denn wenn der White Boy zerbrach, zerbrach auch ich.
Das Schloss der Ahnen
Seine Familie lebte in einem Haus voller Porträts. Generationen blasser Gesichter blickten von den Wänden herab. Männer mit schmalen Nasen. Frauen mit hellen Augen. Alle als wären sie aus dem selbem Mamor geschlagen wie er.
Ich fühlte mich dort wie eine Eindringling. Wie jemand, der versehentlich einen verbotenen Raum betreten hatte. Sie musterten mich, blickten mich an bis ich weg sah. Fragten nach meinen Eltern, fragten nach meiner Herkunft waren nie zufrieden mit meiner Antwort.

Sein Vater sprach oft über die Fremden, die Eindringlinge, die nicht in seinen Palast gehörten. Alle wussten, wen er meinte. Wenn ich nicht hinsah sahen sie mich an, ich spürte ihr Blick, sie brannten sich in meine Haut wie die Sonnenstrahlen die sich in ihre brannte.
Seine Worte trafen mich wie Pfeile, ließen mich mit blutenden Wunden zurück. Doch niemand hielt ihn auf. Niemand widersprach. Niemand sagte etwas. Der White Boy schwieg. Und ich schwieg ebenfalls. Mit der Zeit wurde Schweigen leichter. Ich hatte gelernt, wie man in Schlössern überlebt, dessen Mauer gebaut waren um mich fern zu halten. Ich wurde kleiner. Leiser. Unsichtbarer. Während der White Boy immer weiter über Liebe sprach. Von Gleichheit. Von Mitgefühl. Er sprach über die Grausamkeit der Welt. Während die Dunkelheit in seinem eigenen Schloss unbemerkt blieb.
Die Sammlung
Mit der Zeit begann ich Dinge zu bemerken.
Ich verstand nie, warum er mich wollte. Wir hatten nichts gemeinsam. Seine Welt bestand aus Menschen wie ihm. Blassen Gesichtern. Alten Familien. Und trotzdem begehrte er Frauen wie mich. Er fragte, ob meine Haare echt seien. Strich durch meine Locken, als hätte er etwas fremdes entdeckt was es galt zu besitzen. Er sah mich an, als wäre ich keine Person. Sondern eine Fantasie. Dass so etwas in seiner Welt existieren konnte, schien ihn zu faszinieren. Manchmal hielt er seinen hellen Arm neben meinen und strich über meine Haut, als würde er etwas betrachten, das nicht ganz real war. Er sah mich an, als wäre ich keine Person, sondern eine Fantasie. Eine Vorstellung. Er erzählte mir, dass er von mir träumte. Dass ich sein Schatz sei. Seine Trophäe. Da verstand ich.
Er hatte nie wirklich mich gemeint. Nicht mich als Mensch. Er meinte die Vorstellung von mir. Das Bild, das er sich erschaffen hatte. Die Projektion. Den Traum, den er in seinem eigenen Turm zusammengesponnen hatte. In seinen Blicken schien oft nur mein Körper zu existieren, etwas für ihn Fremdes, Begehrenswertes, Etwas, das perfekt auf seine Fantasie zugeschnitten war. Und ich war nicht die Einzige.
Er sammelte uns wie Trophäen. Er sah sie als Objekte seiner Begierde die Sehnsucht verkörperte, die mehr mit ihm zu tun hatte als mit uns selbst.
Das Monster
Der White Boy wollte besitzen, nicht verstehen. Wenn ich widersprach, wurde er traurig, dann wütend. Wenn ich Abstand brauchte, wurde er verzweifelt. Wenn ich ging, verglühte sein Herz, und seine Sehnsucht nach mir verwandelte sich in Hass. Seine Fantasie wurde zu meinem Albtraum.
Er wusste nicht, damit umzugehen, wenn ich nicht mehr das Objekt seiner Begierde war. Wenn ich mich entfernte, zog er mich zurück. Immer wieder. Wie ein Fluch. Und ich blieb. Weil ich dachte, Liebe müsse weh tun. Weil alle Geschichten mir das erzählt hatten. Die Bücher. Die Filme. Die Vampire. Die Monster. Doch mit der Zeit verlor seine Schönheit ihren Zauber. Sein Schloss bekam Risse. Er warf die Gefäße seiner Fantasien gegen die Wände seines Turms. Sie zersprangen in Trümmer, und mit jedem weiteren Wurf riss er ein immer größeres Loch in seinen Palast. Seine Worte klangen hohl. Er sprach von Liebe. Doch was ich in seinen Augen sah, war Hunger. Ich sah ihn nicht als Gott. Nicht als Vampirkönig. Nicht als verfluchten Prinzen. Sondern als Mann. Und mit diesem Blick zerbrach das Schloss. Die Mauern stürzten nicht an einem einzigen Tag ein. Sie zerfielen langsam. Stein für Stein. Wort für Wort. Bis nichts mehr übrig blieb, außer einer Ruine. Und inmitten dieser Ruine stand der White Boy. Nicht mächtig. Nicht göttlich. Nur ein Junge, der sein Spiegelbild für ein Königreich gehalten hatte.
Epilog
Ich drehte mich um und verließ seinen Palast, vielleicht war es nie ein Palast gewesen. Vielleicht war es von Anfang an nur eine Ruine. Ein Ort, der aus seinen unerfüllbaren Sehnsüchten gebaut worden war. Aus Projektionen. Aus Hunger.
Manchmal sehe ich ihn noch.
Den White Boy.
Nachts. Er ist immer noch auf der Jagd. Läuft mit seinem Gefolge durch die dunklen Gassen. Gierige Blicke auf meinem Körper. Doch das Mal, was er einst hinterließ war verblasst, nur eine kleine Narbe blieb zurück, die unter dem Blick brannte. Und wenn sie brannte frage ich mich, ob Vampire jemals wirklich lieben können. Oder ob sie dazu verdammt sind, ewig nach etwas zu suchen, das sie niemals besitzen werden. Dann schließe ich die Augen. Und irgendwo in der Ferne sehe ich das weiße Schloss. Seine Tür steht offen. Als würde es noch immer auf mich warten. Als würde es glauben, ich könnte zurückkehren. Doch diesmal kenne ich den Weg hinaus. Doch diesmal gehe ich nicht hinein.