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Chronic illness umfasst eine Sammlung von sechs Texten und Illustrationen von einer Gruppe chronisch kranker Burgis, die sich zur AG „chronisch kranke & be_hinderte Burgis“ zusammengeschlossen haben.

Illustration von Leandra

Kraniche 
Chronische Erkrankungen können zu sozialer Isolation führen. In Freund*innenschaften entsteht Distanz und die Angst, vergessen zu werden. Kleine Gesten der Verbundenheit, wie Postkarten oder Briefe können helfen, Verbindungen aufrechtzuerhalten. Die Kraniche im Postkartenformat überwinden weite Strecken mit Selbstverständlichkeit und kehren zuverlässig zurück.

Letzten Herbst habe ich mich an der Hand verletzt. Das Röntgenbild des kleinen rechten Fingers zeigte eindeutig einen Bruch. Der Finger musste nun in eine permanente Streckung gebracht werden, damit sich der Teil des Knöchels, der abgebrochen war, nicht weiter vom restlichen Knochen entfernt und die Strecksehne wieder anwachsen kann. Dafür wurde der abgerissene Teil des Knöchels durch eine Operation mit einem Draht fixiert, die zwei auseinandergebrochenen Teile wieder aneinandergefügt. Zusätzlich musste ich eine Schiene tragen, die den kleinen Finger in pausenlos ausgestreckter Form hielt. Mein kleiner Finger stand immer ab und konnte sich nicht verstecken. Die Oberfläche der Schiene war aus Aluminium, scheinendes Silber, ausgepolstert mit dunkelblauem Kunststoff.

Egal, wo ich war, wurde ich auf die Verletzung angesprochen, gute Wünsche und Mitgefühl wurden mir entgegengebracht. Aber kannst du inzwischen wieder alles bewegen?, schrieb mir vor Kurzem eine Bekannte. Die Verletzung war sehr anschlussfähig. Wie leicht es plötzlich schien, sich auf etwas zu beziehen, das sichtbar und benennbar ist. Einen Finger zu benutzen: zum Schreiben, Gemüse schneiden, Duschen, Abspülen und all die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn einer der zehn Finger nicht mitmacht. Es öffnete sich eine Fülle von Alltagserfahrungen, auf die alle zugreifen konnten.

Einmal saß ich einem Kind in der Bahn gegenüber, Arm im Gips, wir schauten uns gegenseitig anerkennend an.

Die Aufmerksamkeit war mir unangenehm. Ich hatte das Gefühl, ich müsse die Menschen korrigieren, ihnen sagen, wie egal mir diese Verletzung eigentlich war. Wie wenig sie im Vergleich zum Ausmaß meiner durchgehenden körperlichen Einschränkungen bedeutete. Und dass ich schlicht immer wieder vergaß, dass der Finger gebrochen war.

Alle haben einen Körper, aber nicht in der Lage zu sein, diesen von hier nach dort zu bewegen, scheint kaum vorstellbar. Wir reden von Erschöpfung und Müdigkeit und benennen das, was aufgrund der fehlenden Kraft nicht möglich ist. Noch schwieriger wird es, wenn man versucht, das Neue, das sich durch den Kraftmangel konstituiert, zu beschreiben. Schmerz durch Reize, grundsätzliche und allumfassende Überreizung des ganzen Systems, ein Fehlen von Schutz, ein Zuviel durch ein Zuwenig.

Und wie müde bist du dann?, wurde ich letztens gefragt.

So müde, dass ich nicht weiß, wie ich den Heimweg schaffe. Mein Körper ist so müde, dass es ein Kraftakt ist, aufrecht zu sitzen. Müde bis in die Zähne und ins Zahnfleisch. Eine Freundin schickt mir den Link zu einem Lied: In welchem Leben war das möglich, Musik zu genießen? So müde. Ich bin so müde, dass ich das Gefühl habe, die Müdigkeit sei eine Form spirituellen Zustands, in dem einem ein anderer Zugang zur Welt möglich ist. So müde, dass der Einkauf eine Tagesaufgabe ist und ich Angst habe es nicht zu schaffen, mir etwas zu essen zu machen. Ob meine Kraft reicht, den Abwasch zu machen.

Am Tag der OP, in der die Drähte wieder entfernt werden sollten, wusste ich nicht, wie ich den Weg von Halle nach Leipzig schaffen soll. 

Was ist ME/CFS

ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom) ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die oft zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führt. In Deutschland sind Schätzungen zufolge ca. 650.000 Menschen an ME/CFS erkrankt. Auslöser ist häufig eine Infektion durch z.B. Epstein-Barr-Virus oder Covid. 

Die Lebensqualität von ME/CFS-Erkrankten ist sehr niedrig. Ein Viertel aller Patient*innen kann das Haus nicht mehr verlassen, viele sind bettlägerig und auf Pflege angewiesen. 

Charakteristisch für ME/CFS ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM), eine durch körperliche oder kognitive Anstrengung ausgelöste, zeitversetzt eintretende, langanhaltende Verschlechterung einzelner oder aller Symptome. Betroffene leiden außerdem unter schwerer Fatigue (unverhältnismäßige Entkräftung), die das Aktivitätsniveau erheblich einschränkt. Hinzu kommen verschiedenste Begleitsymptome, Schmerzen und Schlafstörungen. 

Sick & Tired

Chronisch krank & be_hindert zu sein an der Burg bedeutet oft, gleichzeitig sichtbar und unsichtbar zu sein. Sichtbar in den Momenten, in denen man zu spät kommt, Fristen nicht einhalten kann, den Raum verlassen muss, oder Hilfsmittel braucht. Unsichtbar, wenn wir bei sozialen Verabredungen nach der Uni, Konsum 3000 Partys, Abschlusspräsentationen, in der viel zu lauten Mensa, in Arbeitsräumen und Werkstätten fehlen. Es gibt viele Dinge, die man uns nicht ansehen kann: tägliche Erschöpfung, Schmerzen, ständiges Warten auf Arzttermine, Anträge, Atteste, die Kraft die es kostet, ständig unsere Grenzen abzuschätzen und zu kommunizieren, die Angst vor einer Symptomverschlechterung, die ständige Organisation des eigenen Überlebens in einem System, das auf permanente Verfügbarkeit ausgelegt ist.

Der Alltag chronisch kranker Studierender besteht oft aus permanenten Abwägungen: Gehe ich heute zur Uni, oder riskiere ich dann einen Crash? Kaufe ich Lebensmittel, oder bezahle ich Medikamente? Sage ich ehrlich, wie schlecht es mir geht, oder verstecke ich es, um andere nicht zu belasten? Kann ich es mir leisten, nach Hilfe zu fragen, oder nerve ich irgendwann? Andauernde Schuldgefühle, Scham oder Angst davor, nicht genug zu leisten.

Die Kunsthochschule steht dabei nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie reproduziert genau dieselben Logiken, die auch sonst dominieren: Leistung, Effizienz, Produktivität. Wert bekommt, wer viel schafft, schnell arbeitet, präsent ist, Netzwerke pflegt, Ausstellungen kuratiert, nachts durcharbeitet und Belastbarkeit performt. Wer dabei krank wird, stört. Denn chronische Krankheit und Be_hinderung stellt die Grundannahmen der Leistungsgesellschaft infrage: dass der Mensch immer leistungsfähig sein soll, dass der Wert einer Person messbar ist und nur Produktivität über Würde entscheidet.

Illustration von einer Qualle mit medizinischer Maske

Keine freiwilligen Pausen zu machen, heißt für eine chronisch kranke/be_hinderte Person vom Körper zu Pausen gezwungen zu werden, bei einem Crash dann für mehrere Tage bis Wochen. Bei ME/cfs kann ein Crash auch zu einer dauerhaften Symptomverschlechterung führen, die den Schweregrad der Erkrankung erhöht. Das System belohnt die, die ausblenden können, wie es ihnen und dadurch auch, wie es anderen geht. Wehrt euch gegen diese Verrohung und Isolation! Fragt euch, wie es euch geht! Erinnert euch gegenseitig daran, Pausen und Feierabend zu machen! Schaut nach, wer fehlt!

Denn dieses System funktioniert nach kapitalistischer Logik, die Profit und Effizienz über Bedürfnissorientierung und Nachhaltigkeit stellt. Auch die Burg, obwohl sie sich oft mit Begriffen wie Freiheit, Kritik, Diversität oder Offenheit schmückt, funktioniert innerhalb neoliberaler Bedingungen. Erfolg wird an Output gemessen: Projekte, Ausstellungen, Publikationen, Wettbewerbe, Drittmittel, Sichtbarkeit. Wer langsam arbeitet oder Pausen braucht, gilt schnell als unzuverlässig oder nicht engagiert genug. Zugang existiert oft nur formal. Die Realität der Hochschule bleibt an Körper angepasst, die da mithalten können. 

Chronisch kranke und be_hinderte Menschen werden dadurch systematisch isoliert. Nicht unbedingt immer durch offene Ablehnung, sondern durch Strukturen, die ihre Existenz unsichtbar machen. Seminare ohne hybride Teilnahme. Anwesenheitspflichten. Räume ohne Rückzugsmöglichkeiten. Abgaben ohne Flexibilität. Lehrende, die Krankheit als individuelles Problem behandeln. Räume die nur über Stufen zugänglich sind. Gleichzeitig entsteht sozialer Druck: Wer ständig absagt, fehlt bei Gruppenprozessen, Freundschaften, Projekten. 

Dahinter steht genau die Frage, welche Leben als wertvoll gelten. Die Eugenik der NS Zeit und Ableismus haben ihre Kontinuität in unserem Alltag, als gesellschaftliche Vorstellung davon, welche Körper „nützlichsind und welche nicht. Wer gilt als produktiv? Wer kostet nur Ressourcen? Warum zählt vor allem Quantität, Geschwindigkeit und permanente Leistungsfähigkeit? Wir erleben oft, dass unser Wert an unserer Arbeitskraft gemessen wird. Nicht daran, dass wir existieren, fühlen, denken, Beziehungen aufbauen oder eben Kunst machen. Chronisch kranke und be_hinderte Menschen trifft das besonders hart. Aktuell will die Bundesregierung die Eingliederungshilfen einkürzen, welche für viele Notwendig sind, um selbstbestimmt leben (und arbeiten!!) zu können. Friedrich Merz bezeichnete diese Inklusions- und Jugendhilfen als nicht länger akzeptabelund fordert u.A. die Betreuung von be_hinderten Kindern nicht mehr individuell zu fördern. Die AfD hat noch viel schlimmere Pläne, sie wollen eine homogene Volksgemeinschaft, dazu gehört, neben rassistischer, misogyner und queerfeindlicher Politik, auch der gesunde Volkskörper. So sagt z.B. Björn Höcke im Sommerinterview (2023)  „Unter anderem müssen wir das Bildungssystem auch befreien von Ideologieprojekten, beispielsweise der Inklusion [].Die AfD plant, Menschen mit Be_hinderungen und chronischen Krankheiten aus Regelschulen und dem ersten Arbeitsmarkt auszuschließen und zu Personen zweiter Klasse, ohne gleiche Rechte zu machen. 

Diese Logik zeigt sich nicht nur bei der CDU und AfD, sondern schlägt sich in der breiten Gesellschaft nieder. Besonders drastisch seit der Pandemie. Covid Denialismist allgegenwärtig: eine gesellschaftliche Haltung, die Krankheit, Behinderung und Tod als akzeptablen Kollateralschaden behandelt, solange Wirtschaft und Normalität weiterlaufen. Es wird so getan, als sei die Pandemie vorbei, obwohl weiterhin Menschen sterben oder durch Infektionen chronisch krank werden. Noch immer gibt es Diskussionen darüber, ob Masken zumutbarseien. Noch immer existiert kaum ausreichende Forschung oder Versorgung für Betroffene von Long Covid, ME/cfs, oder anderen postviralen Erkrankungen. Die gesellschaftliche Reaktion basiert oft auf Verdrängung: der Vorstellung, selbst nicht betroffen sein zu können. 

Illustration einer Katze mit Brille

Wer darf gesund bleiben? Wer wird geopfert? Welche Leben gelten als schützenswert? Wer wird dem Tod überlassen? Schutzmaßnahmen werden abgebaut, Gesundheitsversorgung gekürzt und chronisch kranke Menschen auf Eigenverantwortung verwiesen, nicht erstgenommen, oder psychologisiert. Grenzen werden Dicht gemacht und Menschen  die nicht arbeiten können werden abgeschoben. Das alles passiert nicht aus dem nichts, sondern ist immer eine politische Entscheidung! Wohin fließen Ressourcen, wer bekommt spezialisierte Behandlungen und wieviel Profit darf dafür drauf gehen?

Aktuell gibt es an der Burg Möglichkeiten einen Nachteilsausgleich zu bekommen, dafür kann ein Antrag beim Prüfungsamt gestellt werden um individualisiert einen Ausgleich zu schaffen. Ein Recht an deutschen Hochschulen, das durch eine organisierte Be_hintertenrechts-Bewegung erkämpft wurde. In den 70ern organisierten sich sogenannte Krüppelgruppen, die gegen Bevormundung protestierten und so z.B. 1981 in Dortmund das Krüppeltribunal durchführten, bei dem sie über Selbstvertretung von Be_hinderten und die Fehlenden Mittel des Sozialstaats sprachen. Grundrechte, wie der Schutz vor Diskriminierung und die Behindertenrechtskonvention der UN sind hart umkämpft und werden auch aktuell von der Politik angegriffen. 

Diese Angriffe sind Teil des autoritären Gesellschaftsumbaus. Grundrechte, Arbeitsrechte, Pflegestrukturen und soziale Sicherungssysteme werden zunehmend ausgehöhlt. Sichtbar, war das schon in Ländern wie Ungarn und den USA. Die wirtschaftliche Verwertbarkeit wird gesteigert,  staatliche Verantwortung abgebaut, Solidarität u.A. durch staatliche Repression geschwächt und öffentliche Versorgung eingestampft. Gesundheit wird zur Privatsache und damit immer stärker zur Klassenfrage. Wer Geld hat, kann sich Schutz, Therapie, Ruhe und Behandlung eher leisten. Wer arm ist, muss oft weiterarbeiten, auch krank. Arbeitsbedingungen werden schlechter, Tage länger, Urlaub weniger, Löhne werden runter gedrückt, soziale Absicherung durch den Staat wird eingespart und Krankheit soll jetzt laut Bundesregierung Prozentsache werden in Abstufung von 25%: Wieviel Arbeit kann auch aus kranken Menschen rausgequetscht werden, um den Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiv zu machen?

Illustration von einem Krokodil mit Kopfhörern

Der faule Sozialleistungsbeziehende, der sich nur einen gelben Schein holt, dient dabei als politischer Strohmann, um Rechte von Arbeitenden und Kranken abzubauen. Dass heute selbst Krankschreibungen zunehmend delegitimiert werden, zeigt einen allgemeinen Angriff auf das Recht, nicht permanent funktionieren zu müssen.

Wer ständig um die eigene Existenz kämpft, hat weniger Kapazität, über strukturelle Ausschlüsse nachzudenken. Dabei betreffen Barrieren letztlich alle. Chronisch kranke und behinderte Menschen sind häufig die Kanarienvögel in der Mine: Sie spüren gesellschaftliche Krisen zuerst und am stärksten. Aber die Bedingungen, die sie ausschließen, treffen langfristig alle. Burnout, Überarbeitung, psychische Erkrankungen oder prekäre Lebensverhältnisse sind allgegenwärtig. Wenn wir nicht selbst zum Pflegefall werden, haben wir Angehörige die gepflegt oder Kinder die versorgt werden müssen. Wieviele Projekte zu Stress gab es schon an dieser Hochschule? Wie oft reden alle davon, dass es so nicht weitergehen kann?

Eine befreite Gesellschaft kann nur existieren, wenn wirklich alle frei sind. Zugang und Solidarität dürfen nicht als Sonderlösungen verstanden werden, sondern müssen kollektive Lernprozesse und gesellschaftlicher Wandel sein. Wir müssen Bedürfnisse aushandeln, Bedingungen ändern und grundlegend umdenken, was Erfolg eigentlich ist. Was macht Arbeit wertvoll? Muss Kunst/Design schnell entstehen, um relevant zu sein? Warum wird Erschöpfung romantisiert? Warum sind Studierende Stolz darauf über ihre Grenzen zu gehen? Wem dient diese Vorstellungen von Produktivität? Warum seid ihr nicht alle extrem wütend so viel leisten zu müssen und merkt, dass so viele Menschen wegbrechen und aus dem Leben verschwinden?

Auch die Lehre an der Burg (und allgemein an Kunsthochschulen) muss radikal neu gedacht werden. Sie basiert viel zu oft auf informellen Erwartungen, ständiger Verfügbarkeit und Selbstaufopferung. 

Eine Taube mit Ohrschützern

Konkrete Maßnahmen die den Alltag von Betroffenen vereinfachen könnten sind: hybride Teilnahme dauerhaft zu ermöglichen, Fristen flexibel zu gestalten, Masken zu tragen und Luftfilter in allen Räumen zu installieren, Rückzugsräume zuschaffen (die ruhig und abgedunkelt sind und eine Möglichkeit haben zu liegen), Sitzgelehenheiten auf den Fluren, finanzielle Absicherung auszubauen, Lehrpositionen zugänglicher zu machen für Betroffene und chronisch kranke Perspektiven aktiv einzubeziehen. Vor allem aber, den Wert eines Menschen nicht an dessen Produktivität zu messen. Schafft die Noten ab! Gegen Vergleichbarkeitszwang, Verschulung und Konkurrenz am Arbeitsmarkt! 

Chronisch krank und/oder be_hindert sein, öffnet neue Definitionen davon, was ein gutes Leben eigentlich ist. Erfolg heißt, sich heute nicht schlechter zu fühlen, als gestern. Heißt Vertrauen auf eine völlig neue Art zu lernen, weil durch die Support Needs, Abhängigkeiten vom sozialen Umfeld entstehen. Manchmal fühlt sich dieses Angewiesensein auf Hilfe ohnmächtig an, aber es ist auch extrem schön Menschen zu haben, die Aufgaben abnehmen und die Isolation durchbrechen. Die Einkäufe machen, Rezepte abholen, Wäsche waschen, Fahrdienste übernehmen, putzen oder zuhören, wenn die Trauer zu groß wird. Solidarität kann Barrieren durchbrechen und viele Dinge möglich machen. Solidarität ist lebensnotwendig, wenn Menschen ohne Unterstützung ihren Alltag nicht mehr schaffen, nicht kochen können, wenn schwerstbetroffene von ME/cfs nicht mehr ohne Hilfe essen, oder sich waschen können. Diese Solidarität ist notwendig, weil der Staat bisher keine ausreichenden Angebote für ME/cfs Betroffene hat, es gibt eine absolute Unterversorgung, kein einziges Krankenhaus mit einer Spezialisierten Abteilung, die durch z.B. Reizreduzierung Rücksicht auf PEM (Post Exertielle Malaise) Symptomatiken nimmt. Weil einen Pflegegrad oder einen Grad der Behinderung zu beantragen ein kafkaesker Prozess voller Formulare und Gutachten ist, aber Unterstützung SOFORT benötigt wird.

Ein Bär im Rolli

Organisiert den Widerstand gegen medizinische Vernachlässigung! Fragt eure Hausärzt*innen, ob sie die kanadischen Kriterien und den Bell Score kennen (auch wenn ihr selbst nicht betroffen seid)! Geht zu Liegenddemos für Menschen die nicht selbst demonstrieren können! Fordert euch Pausen ein und weigert euch Länger als 8h am Tag in der Uni zu verbringen! Arbeitsschutz sollte auch für Studierende gelten! Fragt einander wie es euch geht und bietet euch gegenseitig Hilfe an! Nehmt an der Aktion Plank4ME teil und postet ein Foto oder Video von euch, in dem ihr Planked mit dem hashtag #plank4ME! Denkt Be_hinderungen und chronische Krankheiten in euren Projekten mit! Demonstriert gegen den Sozialstaatsabbau der Merz Regierung!

Wir wollen Rampen und Treppenlifte in der Villa, der Unterburg und dem Hermes! Sitzgelegenheiten auf allen Fluren! Barrierefreie Klos auf allen Etagen! Akustikpanele in der Mensa und allen Arbeitsräumen! Ruheräume und hybride Angebote für alle, die sie brauchen! Flexible und Bedürfnisorientierte Lehre, auch ohne Attest! Weniger Leistungsdruck und Abgaben! Keine Präsenzpflicht! 

Wir wollen langfristig nicht nur einen Zugang zu bestehenden Strukturen und irgendwie auch mitmachen dürfen. Sondern grundsätzlich infrage stellen, warum diese Strukturen überhaupt auf Ausschluss, Konkurrenz und Überforderung aufgebaut sind. Warum die Würde von Menschen in diesem System nichts wert ist. Wie Autor*in, Aktivist*in und Lyriker*in Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha es in Care Work - Dreaming Disability Justice beschreibt, fordern wir eine Crip Utopia in der ALLE bekommen was sie brauchen. 

The Future is Disabled!

Text von Eva

Was helfen könnte

Achtsamkeit 

Atemübungen

antivirale Aminosäuren

Akupunktur

Ayahuasca

Aktivierung

Bettruhe

Brain-Retraining

Chaga

Dankbarkeit

Demut

Eigenblut

Eisbaden

Ergotherapie

Fasten

Feng shui

Geduld

Globuli

Gott

Grüner Tee

Heilpilze

Hoffnung

Hypnose

Histamindiät

Infrarotlicht

Inhalieren

Immunglobuline

Journaling

lte

Kneipen

Kurkuma

Luft

leichte Bewegung

L-Lysin

Magnetfeldmatten

Meditation

Mindset

Nikotinpflaster

Osteopatie

Ozempic 

Propolis

Physiotherapie

Psychotherapie

Qi-Atmung

Reiki

Ruhe

Sonne

Selleriesaft

Schwarzkümmelöl

Schlaf

Tee

Urlaub

Vagusnerv-Stimulation

Vitamine

Wärme

Wasser

Weihrauch

Waldspaziergänge

Yoga

Zitronenwasser

Zuversicht

Text & Illustration von Isi

Treppe Isiliegen liegen liegen liegen. schlafen. aufwachen. liegen liegen. bad. frühstück machen. essen. davon erschöpfter sein. liegen liegen liegen. versuchen sachen im bett zu machen. liegen. es klingelt. die post? nicht aufmachen können. liegen liegen. telefonieren im bett. eigentlich müsst ich mal wäsche machen? liegen liegen liegen. heute geh ich mal raus. juhuu! schönes outfit raussuchen. haustürschlüssel. stufen stufen stufen stufen stufen. ebike anschalten. haustür zu. sonne. luft holen. wann war ich das letzte mal draußen? autos. geschäftig laufende menschen. hunde. ich hätte auch so gerne einen hund! fahrrad fahren. fahrtwind. freiheit. zu viele reize. in turbo modus schalten. berg geschafft. bekanntes gesicht sehen. "na wie gehts". scheiße. und weiterfahren. zurück. haustür aufsperren. treppen treppen treppen treppen. wie weit noch. treppen treppen. ich kann nicht mehr. treppen treppen treppen. es hört nicht auf. treppen. wohnungstüre endlich. schlüssel umdrehen. tür zu. auf den boden setzen. atmen. scheiße. war es zu viel? atmen. symptomverschlechterungen. atmen. flur. zimmertür zu. fenster abdunkeln. bett. endlich. kann nicht mehr. war zu viel. liegen liegen liegen liegen liegen. schlafen. liegen liegen. liegen liegen liegen. einsam. liegen liegen. wann wird es besser werden? liegen liegen. was ist das für ein komisches leben. liegen.

Text von Mak

Stell dir vor, du willst einfach nur studieren 

Menschen mit Einschränkungen und medizinischen Hilfsmitteln wie Gips, Krücken oder Schienen können gesehen werden, natürlich brauchst du Unterstützung.

Und dann läufts aber auch anders mit dem Verständnis: Du warst ja letztes Mal wieder nicht daund

Krank? Du siehst gar nicht krank aus..

Danke, du siehst auch nicht aus wie eine Person mit medizinischer Expertise, und trotzdem reden wir über den imaginierten Maßstab, wie eine Person mit Einschränkungen aussehen soll, deiner Meinung nach. 

Stell dir vor, du willst einfach in die Vorlesung. Zum Seminar. In die Kompaktwoche.

Stundenlange Vorlesungen am Stück. Pflichtanwesenheit. Seminare im Denkmalgeschützen Altbau, natürlich ohne Aufzug.

Und wenn du fragst, ob eine digitale Teilnahme möglich wäre, reagieren manche Dozierende, als hättest du vorgeschlagen, die Vorlesung künftig auf einem Einhorn abzuhalten. Oder schlimmer, die Erinnerung an die Pandemie Zeit sitzt immer noch so tief, dass die Digitalisierung zum Glück endlich ein Ende gefunden hat und jetzt bloß nicht wieder aufgelebt werden soll. 

Studierende sollen ja bitte die Vorlesungsräume füllen und nicht zu Hause sitzen!

Also selbst organisieren. Du willst nicht das dritte Jahr versuchen die auf ein Jahr ausgelegte Vorlesung endlich komplett zu besuchen. Das heißt, andere schon wieder fragen, ob sie dich digital mitnehmen können im VL Saal mit Empfangsschwäche. WLAN fällt aus. Du kannsts ja nacharbeiten.“  

Ja klar. Weil Nacharbeiten das gleiche ist wie dabei sein. Let me just crank my von Erkrankung gefressene Kappas to 3000. Ich muss nicht auf die Party kommen, mir werden ja später die leeren Chips Tüten geschickt. Thanks for including me.

Stell dir vor, du willst einfach nur Mittag essen. 

In der Mensa? Der Ort an dem eine, wegen deinen Unverträglichkeiten/Allergien nötige, Beilagenänderung, entweder durch den Geräuschpegel des mit Auszeichnung verliehenen Gewölbes nicht gehört wird, oder behandelt wird wie ein Systemfehler.

Aber du versuchst es. Wieder. Fragst. Diesmal vorsichtig nach Reis statt Kartoffeln.

Die Person an der Essensausgabe schaut dich an, als hättest du verlangt, dass sie die Kartoffeln persönlich neu anbaut. In Mensen gibt es eine heilige Ordnung, verdammt!  

Das Essen ist ein Verwaltungssystem. Kulinarisches Gerrymandering. Selbst Brokkoli hat hier Zuständigkeitsbereiche. 

Die gehören nämlich zu Gericht A.  

Der Reis aber eben zu Gericht B.  

Wenn du auch nur versuchst zu kombinieren, löst du wahrscheinlich irgendwo einen Hochschul-Alarm aus.

Am Ende musst du dann komplett auf (Kartoffel-)Beilage verzichten. Zahlen musst du aber das selbe. Das Weiß des Tellers füllt jetzt über die Hälfte und die Vorlesungen gehen noch bis viertel vor 8 abends.  

Aber ja, selbst schuld, hättest mal selbst was gemacht und mitgenommen, lauf halt schnell malzum Konsum. Und du bist emotional zu erschöpft, um eine weitere Diskussion über Kartoffeln zu führen.

Aber ich beantworte brav die Umfrage. Auch dieses Semester wieder. Über die Mensen und das Essen. Diesmal scheint der Fokus darauf zu liegen, ob ich bereit bin, mehr für regionale Produkte zu zahlen.

Das Ding ist, niemand will Sonderbehandlung. Wirklich niemand wacht morgens auf und denkt:  

Heute hätte ich gern organisatorische Hürden und medizinische Diskussionen.“  

Menschen wollen einfach teilnehmen können, ohne jedes Mal einen Antrag, drei Atteste und die Zustimmung des Mondes (der sich gerade in retrograde befindet und deswegen neue Office Hours hat) zu brauchen.

 

Cranes2

Die AG "chronisch kranke & be_hinderte Burgis" ist ein Austauschort für alle betroffenen Studierenden. Schreib uns gern über be_hindert@burg-halle.de um Teil der Vernetzung zu werden!

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Credits im Text
<![CDATA[Räume, um anzufangen]]> https://gurk-halle.de/articles/raeume_um_anzufangen https://gurk-halle.de/articles/raeume_um_anzufangen Sun, 12 Jul 2026 21:08:31 GMT Text von Simon Wahlers // Studio Zweifel // www.zweifel.jetzt

Es ist Samstag Nachmittag, das Mail-Postfach geschlossen, das Telefon in der Tasche und ein leeres Dokument vor mir. Arial, 12 Punkt, 1,5-facher Zeilenabstand. Ich habe die letzten Tage seit der Anfrage für diesen Textbeitrag immer wieder darüber nachgedacht, worüber ich schreiben möchte. Aber vor allem habe ich mich gefragt, wie ich anfange. Wann ich genug Gedanken und Notizen gesammelt habe, mich hinsetze, ein leeres Dokument öffne und beginne, Wörter zu tippen.

Ich schreibe viel – E-Mails, Kurznachrichten, Förderanträge, Anschreiben, Absagen. Aber wie fange ich an, wenn ich ein weißes Blatt vor mir habe und quasi über alles schreiben könnte? Ich erinnere mich an eine Situation in meiner Schulzeit – ein großer Raum, brauner Teppichboden, orangefarbene Pressspanwände, Einzeltische und knarzende Stühle mit schwingender Lehne: Klassenarbeit Deutsch, Aufsatz, Essay. Vier linierte Doppelbögen mit breitem Seitenrand, ein roter Lamy-Füller, königsblaue Tinte und ein Tintenkiller. Trotz dieser sehr präsenten bildlichen Erinnerung weiß ich weder, worüber wir schreiben sollten, noch wie uns in den Wochen vorher vermittelt wurde, wie man einen Essay schreibt. Was mich an der Erinnerung aber so fasziniert, ist die Ruhe und Konzentration, die ich von heute aus mit dieser Situation verbinde. Es klingt verrückt, aber ich verspüre sogar so etwas wie Sehnsucht danach – nach einer Prüfungssituation. Wirklich? Nun ist dieser Text keine Klassenarbeit, ich bekomme keine Note dafür, ich habe nicht 4 Schulstunden, sondern 4 Tage Zeit, und ich sitze an einem Bildschirm. Trotzdem hat mich die Erinnerung dazu gebracht, es zu versuchen. Einfach anzufangen. Und zu schauen, was passiert.

Aus meiner Tätigkeit als Gestalter kenne ich ein ähnliches Gefühl. Eine Art Flow-Zustand, in dem ich die Welt um mich herum für eine Zeit vergesse und in der kreativen Arbeit versinke. Zugegeben, diese Momente sind mir über die Jahre leider mehr und mehr abhandengekommen. Mein Arbeitsalltag besteht inzwischen vielmehr aus der Aneinanderreihung von Mikro-Aufgaben, Video-Konferenzen und Korrektur-Runden. In den kleinen Lücken dazwischen wische ich zur Belohnung auf meinem Telefon über endlos aneinandergereihte Bilder und Videos. Inmitten dieser Zerstreuung ist es denkbar schwer, die Aufmerksamkeit für längere Zeit auf eine Sache zu lenken, sich zu verlieren und in diesen Arbeitsfluss zu kommen.

Was ist passiert? Wir haben doch immer mehr nützliche Tools und Services erfunden, die das Leben einfacher machen sollen. Schneller, als wir denken können, sind Sprachnachrichten um die Welt geschickt. In doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Eins, zwei, drei Stichpunkte und die unangenehme Mail ist höflich, aber bestimmt formuliert. Prompt kommt die Antwort: höflich, aber bestimmt. Dienstreisen waren noch nie so bequem wie mit dem Komfort-Check-in . Alle 5 Minuten schallt eine Erinnerung daran durch die Lautsprecher im Ruheabteil. Ein Glück gibt es Noise-Cancelling-Kopfhörer. Überall Ablenkung, Überforderung und immer neue kleine Tools mit großen Versprechen. Ich habe den leisen Verdacht, dass all diese Dinge das Rauschen nicht reduzieren.

Deshalb nochmal zurück zum Anfang: Ich will wirklich niemanden davon überzeugen, dass Klassenarbeiten eine gute Sache sind und die Klassenzimmer, in denen ich groß geworden bin, mich inspiriert haben. Trotzdem war das einzig Vernünftige in der Situation, einfach anzufangen. Mutig Wort für Wort aufs Papier zu bringen. Nur der Tintenkiller konnte uns helfen, ein paar Wörter zurückzuspringen . Ansonsten ging es irgendwie vorwärts. Dabei ist bestimmt keine Weltliteratur entstanden, aber es hat allermeistens zur Versetzung gereicht. Und viel wichtiger als das, was geschrieben wurde, ist vielleicht, dass geschrieben wurde. Dass diese Situation geschaffen wurde, in der man für ein paar Stunden unverbunden war mit der Welt. Und sich so ganz in den eigenen Gedanken verlieren konnte. Das ist die Sehnsucht!

Natürlich hat es nicht geklappt, diesen Text an einem Stück zu schreiben – inzwischen ist es Montag Nachmittag. Aber ich habe angefangen. Und mich durch das Schreiben vom einen zum nächsten Gedanken bewegt – aufgeschrieben, verworfen, gezweifelt, umgestellt. Und dabei gemerkt, wie wichtig es für mein kreatives Schaffen ist, bewusst Situationen und Räume mit wenig Ablenkung zu schaffen, die das Anfangen und Dranbleiben leichter machen, damit etwas wirklich Neues entstehen kann.

Wie wäre es, wenn wir mit dem, was wir als Designer*innen oder Künstler*innen können, Räume gestalten, die es anderen leichter machen, anzufangen und dran zu bleiben? Alternative Klassenräume zum Beispiel, in denen es Spaß macht, zu schreiben, zu zweifeln und eigene Gedanken in Worte zu fassen. Orte, an denen Platz ist für Fehler und Verunsicherung. An denen Menschen mutig ihre eigene Stimme finden können und wir uns zuhören. Analoge Räume, in denen wir offline aber als Kollektiv verbunden sind und zusammen produktiv, intelligent und kreativ sein können. Aber auch Räume, in denen wir unproduktiv sind, uns das Leben ganz ohne Komfort schwer machen und Leichtigkeit zurückgewinnen. Klar ist: Wir können uns all dem Quatsch, der um uns herum passiert nicht so einfach entziehen, wir sind ein Teil davon. Umso wichtiger, dass wir versuchen, diese Räume und Gelegenheiten zu schaffen, in denen wir noch selbstbestimmt denken, handeln und zusammen unverbunden sein können. Fangen wir an.

Foto von Laura Markert

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Credits im Text
<![CDATA[There is no other place like home]]> https://gurk-halle.de/articles/there_is_no_other_place_like_home https://gurk-halle.de/articles/there_is_no_other_place_like_home Sun, 12 Jul 2026 21:08:17 GMT Text von Kati Schubin // IG: @kati.schubin

Leon Eichelbaum und ich machen zusammen eine Ausstellung — ‘There Is No Other Place Like Home’. Doch Leon kann nicht physisch anwesend sein, weder beim Auf- und Abbau noch bei der Eröffnung selbst. Grund dafür ist seine Erkrankung an ME/CFS, welche ihn an sein Zuhause, sein Bett fesselt. Die Ausstellung zeigt Leons Alltag, der sich zwischen Erschöpfung, Isolation, Schmerz und Fürsorge bewegt und die Doppeldeutigkeit des Begriffs ‘Zuhause’ thematisiert. Die Eröffnung wird per Livestream übertragen, um auch Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen die Teilnahme zu ermöglichen — darunter auch Leon. Zudem finden Redebeiträge statt, aus medizinischer Sicht von Dr. Dr. Bettina Hohberger und eine kunsthistorische Einordnung von Silvan Wilms. Musikalisch begleitet wird der Abend von Elias Gerster und Gennaro Parrotta, wobei noch eine begleitende Publikation zur Ausstellung erscheint.

Nun zurück zu Leon, der das Ganze nur per Livestream unter starken Medikamenten mitverfolgen kann. Leons Lebensrealität ist kein Einzelfall. Über 650.000 Betroffene allein in Deutschland mit ME/CFS werden unsichtbar (gemacht), da sie in ihren vier Wänden verschwinden, wie verschluckt sind. Ihnen fehlt die Kraft, auf sich selbst und ihre Erkrankung aufmerksam zu machen, auf die Straße zu gehen oder laut zu sein. Sie sind auf ihre Nächsten angewiesen, vor allem aber auf die Gesellschaft. Gemeint ist damit jede*r von uns, der oder die das Privileg hat, gesund zu sein.

Auch in der Kunst- und Kulturszene sind diese Menschen kaum sichtbar, da viele institutionelle Räume physische Präsenz voraussetzen. Damit reproduzieren sie nicht nur gesellschaftliche Verhältnisse, sondern tragen aktiv dazu bei, dass diese Menschen unsichtbar bleiben. Seit Leon erkrankt ist, zeigt er seine Kunst digital über Instagram oder seine Website. Einen physischen Raum kann er nicht bespielen.

Durch meine Auseinandersetzung mit Identitätspolitik, Privilegien und Machtstrukturen sowie der Wichtigkeit, Sichtbarkeit für ME/CFS zu schaffen, verstehe ich, wie wichtig es ist, Subjekte selbst sprechen zu lassen, anstatt über sie zu berichten. Das hängt mit Fragen von Repräsentation und der Frage zusammen, wer letztlich von ihr profitiert. In diesem Zusammenhang erscheint es mir umso wichtiger, Leon zu unterstützen, mein Privileg, gesund zu sein, zu teilen und ihm zu ermöglichen, seine Arbeiten in einer Ausstellung zu zeigen, in einer physischen realen Welt, in welcher die Gesellschaft ihm sonst keinen Platz bietet. Dabei übernehme ich die Kuration und Organisation der Ausstellung.

[Ehrlich gesagt befinden wir uns alle in einer kuratorischen Rolle— egal ob Kunstschaffende oder nicht, indem wir kreieren, konsumieren oder teilen: sei es der Wocheneinkauf, das Transportmittel oder die Playlist die wir erstellen. Mit unserem Privileg Entscheidungen treffen zu können, bestimmen wir die Verteilung von Ressourcen, unter anderem auch der der Sichtbarkeit. Es ist wichtig dem bewusst zu werden, dass mit dieser Entscheidung auch eine Verantwortung mit einhergeht, die wir nicht einfach so ablegen oder ignorieren können.]

Doch diese Kuration bedeutet für mich nicht, zu bestimmen, wie etwas zu laufen hat. Sie entsteht in der Zusammenarbeit mit Leon. Wir tauschen Ideen, Vorstellungen, Wissen und Fähigkeiten aus und entwickeln die Ausstellung gemeinsam. Dabei arbeiten wir unter besonderen Bedingungen. Die Erkrankung lässt kein Arbeiten nach Takt oder festen Zeitplänen zu. Stattdessen entwickeln wir unsere eigene Form der Kommunikation und suchen nach einem Gleichgewicht in der Verteilung von Aufgaben. Wir passen uns immer wieder an neue Situationen an, es ist ein organischer Prozess. Danke für diese Erfahrung Leon <3

Auch beim Transport sowie beim Auf- und Abbau bin ich nicht allein. Viele Menschen haben mitgeholfen und ihre Zeit, Kraft und Unterstützung eingebracht. Danke an alle Helfenden <3

Diese Ausstellung macht sichtbar, dass Kunst selten das Werk eines*einer einzelnen Künstlers*Künstlerin ist. Sie entsteht durch Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und das Teilen von Ressourcen und Privilegien. Das gilt ebenso für die Gesellschaft. Wir sind aufeinander angewiesen. Die Frage ist gar nicht mehr, ob wir Verantwortung füreinander tragen, sondern wie wir mit den Möglichkeiten umgehen, die wir haben, und ob wir bereit sind, diese mit anderen zu teilen.

Fotografien von Kati Schubin abgebildete Arbeiten: Leon Eichelbaum

Text von Leon Eichelbaum // Fotografien von Leon Eichelbaum // IG: @leoneichelbaum // Website: leoneichelbaum.de

So viel weiß ich gar nicht mehr von dem Tag, wenn ich ehrlich bin. Ich denke, das liegt an dem vielen Lorazepam. Ich tausche Nüchternheit und Symptome gegen meine Erinnerung. Irgendwie unfair. Eigentlich wollte ich euch von meiner Ausstellung erzählen. Von der Ausstellung, auf der ich selbst gar nicht gewesen bin. Speziell wollte ich über die Vernissage schreiben, über den Abend des 9. Mai 2026.

Mit ME muss man alles auf die Waage legen, wörtlich und metaphorisch. Medikamente muss ich abwiegen, um genau zu wissen, wie viel ich nehme, da mein Stoffwechsel gestört ist und selbst kleinste Mengen wirken können wie der ganze Blister. Aber auch Ereignisse, Momente, Lebensfreude und Tränen muss ich abwiegen. Ich darf nicht zu viel davon haben. Ich darf nicht zu viel lachen, zu viel weinen oder zu viel gucken, weil ich dafür ganz schön teuer bezahlen kann.

Abwiegen, langsam sein und immer zu früh aufhören. Anders geht es nicht. Wobei das nicht stimmt: Es geht eben schon anders, nur danach halt nie wieder.

So haben Kati und ich unsere Arbeit fleißig rationiert, haben abgewogen und zu früh aufgehört. Wir haben telefoniert, aber nicht zu lang. Haben uns Bilder geschickt, aber nicht zu viele. Haben Pause gemacht und gewartet. Manchmal haben wir ein bis zwei Wochen nicht geredet, weil wir warten mussten, bis der Schmerz leichter wurde, der Schwindel sich besserte, die Übelkeit verebbte oder meine Mitochondrien wieder emsig ATP produzierten.

Kati hat sich aber von all den Aufgaben, Schwierigkeiten und Besonderheiten nicht abbringen lassen. Im Gegenteil: Manchmal können Schwierigkeiten auch zu Stärken werden.

Wir haben überlegt, was Abwesenheit überhaupt bedeutet.

Egal, wie kryptisch Kunst manchmal sein mag, egal, wie schwer es ist, Werke in ihren Kontext zu setzen oder eine Idee zu formulieren: Eine Sache war jedem auf der Vernissage klar. Ich war nicht da denn ME kennt keine Gnade. ME kennt keinen Spielraum. Jeder Fehler wird bestraft, und aus einem kurzen Moment von „Ich denke, wir können noch fünf Minuten reden“ können schnell sieben Tage Schmerzen werden. Und weil Schmerzen so ein abstrakter Begriff sein können, möchte ich das in Relation setzen. Nicht, um euch Angst zu machen, sondern um Verständnis zu schaffen.

Schmerzen sind für mich ein Spektrum. Grundsätzlich habe ich immer Schmerzen, diese sind aber meist auszuhalten. Es gibt also diese „normalen“ Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen etc. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen die Schmerzen zunehmen. Manchmal langsam über Stunden, manchmal explosionsartig über Sekunden. Dann drücken die Schmerzen vom Inneren meines Körpers nach außen. Es fühlt sich an, als würden meine Muskeln platzen, zerreißen, verbrennen. Es fühlt sich an, als wären meine Venen statt mit Blut mit Glasscherben gefüllt. Und es fühlt sich an, als würden meine Knochen in sich zerfallen. Verstehst du? 
Das Schlimmste: Die ganze Sache ist eine hoffnungslose Nummer. Herkömmliche, rezeptfreie Schmerzmittel wirken nicht oder verschlimmern Symptome teils sogar. Opiate sind bei ME oft zu gefährlich, und viele andere Schmerzmittel müssen über lange Zeiträume vorsichtig eindosiert werden. Was machst du also?

Genau: nichts.

Du hältst aus. Du wartest. Du musst warten.

Abwesenheit wird so zum Zeichen von Solidarität und Teilhabe. Abwesenheit ist plötzlich der springende Punkt in der Kontextualisierung. Es gibt eben keine direkte Erklärung des Künstlers, warum auf dem Bild eine leere Medikamentenschachtel zu sehen ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage der Teilhabe, denn wir sind verschwunden und verschluckt. Wir sind seit Tagen, Monaten, Jahren, Jahrzehnten allein in dunklen Zimmern, hinter verschlossenen Fenstern und Türen, mit Augenmasken und Kopfhörern. Wir sind unsichtbar und wir können nicht anders. Die Kunst kann aber anders. Die Kunst kann und muss die Politik entwaffnen und die Unsichtbarkeit aufrüsten. Was bisher Schwachstelle war, wird so zum Angriff. Meine Arbeiten schaffen es aus der fragilen Idee meiner vier Wände durch die Solidarität meiner Freund*innen hinaus unter die Augen Fremder. Aber niemand kann mich fragen, wie es mir geht.

Ist Kunst nicht einfach nur Kontext? Ist Kontext nicht einfach nur Politik?

Mein Kontext sind meine Freund*innen, denn ohne sie würde mich nichts mehr halten. ME ist einfach nur Folter ohne Hoffnung. Jede Minute finden andere Symptome den Weg in meine Zellen, und jede Minute muss ich mich aufs Neue damit auseinandersetzen. Es gibt keine Pause, es gibt keinen Urlaub.

Was es aber gibt, sind Freund*innen. Und was sie tun, ist: mich halten. Bin ich das Bild, sind sie die Wand. Allein wäre ich bestimmt machtlos, aber sie kämpfen für mich da draußen in einer Welt, die ich nicht mehr betreten kann. Einer Welt, die eine biologische Erkrankung krampfhaft psychosomatisiert und das Leid von allein 650.000 Menschen in Deutschland verharmlost.
ME ist eine der Erkrankungen mit der allerniedrigsten Lebensqualität und gleichzeitig eine der unerforschtesten schweren Erkrankungen, die uns bekannt sind. Naja, Zeit hätten wir ja gehabt. Wir kennen ME schließlich seit 1969. Aber wie das eben so ist bei Erkrankungen, die hauptsächlich weiblich gelesene Personen betreffen, lässt es sich leicht sagen, es sei nur „Hysterie“ oder „chronische Erschöpfung“.

Haha.

Jedenfalls war mir klar: Der Abend der Vernissage wird nicht leicht für mich. Ich bin nicht da, und trotzdem sind alle meine Freund*innen da. Sie schauen genau hin. Sie sind laut für mich. Ich war mir sicher, dass das in einem Crash enden würde — einer extremen Verschlechterung aller Symptome nach Belastung. Und wie das so ist bei einem Crash: Man spielt immer mit der Gefahr, sich nicht mehr daraus zu erholen.

Abwiegen. Portionieren.

Ich muss mich also fragen: Halte ich das aus? Kann ich den Livestream vielleicht kurz anschauen? Also gut. Ich kann Lorazepam nehmen. Ich kann sogar viel Lorazepam nehmen. Manchmal macht das den Crash leichter, aber dafür kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich habe also den Livestream geschaut. Ich habe also Lorazepam genommen. Ich habe sogar viel Lorazepam genommen. Ich war dabei. Ich erinnere mich an gar nichts mehr.

Das ist jetzt irgendwie wie Schrödingers Katze oder so. Leons Ausstellung auf Lorazepam. War ich dabei oder nicht?

Und wie bei so vielen anderen Fragen in dieser Erkrankung, zum Beispiel: „Kann ich jemals wieder ein normales Leben führen?“, „Werden die Schmerzen jemals leichter?“ oder „Kann ich nächstes Jahr wieder alleine auf die Toilette gehen?“, heißt die Antwort wie immer: Ich weiß es nicht.

Ach, und hört der Crash bald auf?

Ja, genau. Jetzt hab ich’s ja schon gesagt. Ich weiß es nicht.

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Credits im Text
<![CDATA[Orte zum Weinen]]> https://gurk-halle.de/articles/orte_zum_weinen https://gurk-halle.de/articles/orte_zum_weinen Sat, 11 Jul 2026 09:40:30 GMT From a Performance by Laurie Young, After Work Tours #1 im Rahmen von Never Work. Never Work, Sophiensæle, 2026

Orte zum Weinen – war ein reflexiver Raum zur Beschäftigung mit (sexualisierter) Gewalt, Machtmissbrauch, Diskriminierung, Schutz & Sicherheit im Kunsthochschulkontext. Über zwei Semester haben sich hier Studierende austauschen können. Leitende Fragen waren: Wie sieht eine multiperspektivische Annäherung aus? Welche Zugänge zum gewaltfreien Umgang mit Gewalt gibt es? „Nothing happens in the „real“ world unless it happens in our heads“ (Gloria Anzaldúa)

Über Workshops, Vorträgen und Exkursionsangeboten gab es vor allen Dingen einen Raum der offen war für Austausch und Mitgestaltung. Zu den Gästen zählten u.a. Fem*ergenz1, Jeremiah Day, Tectonic Movement2 und Stefanie Beckmann3 – mit der das folgende Interview stattfand.

Stefanie Beckmann:  Ihr habt das Angebot „Orte zum Weinen” genannt. Dieses fand im Rahmen der Innovativen Lehre statt. Wie kamt Ihr auf diesen Namen und welchen Bedarf wolltet Ihr damit adressieren?

Anike Joyce Sadiq:  Ich war zu Beginn meiner Professur an der AdBK Nürnberg gleich in der zweiten Woche mit einer herausfordernden Situation in der Klasse konfrontiert. Wenn ich mich richtig erinnere, hat eine Studierende mir gegenüber in diesem Zusammenhang von den fehlenden Orten zum Weinen auf dem Campus gesprochen.  In der Auseinandersetzung mit einzelnen Fällen werden oft strukturelle Fragestellungen und Missstände sichtbar und verhandelbar.

Was in diesem Fall sichtbar wurde ist, dass es für die Mediation und Aushandlung von Konflikten, Ängsten und Traumata in der Gruppe keine Strukturen an der Hochschule vorhanden sind. Es gibt Anlaufstellen und eine Beschwerdeverfahren, die jedoch aus verschiedenen Gründen bestimmte Konflikte individualisieren und die Dynamik und die Bedingtheit der Konflikte in Bezug auf die Strukturen des Studiums nicht berücksichtigen.

Es klafft eine Lücke zwischen den Risiken, die in der einer künstlerischen Auseinandersetzung nötig werden können und den fehlenden Strukturen, die es erlauben diese Risiken einzugehen.

Diese strukturellen Fragen interessieren mich grundsätzlich als Künstlerin und in der Position als Professorin. In der Institution der Akademie und darin im Klassenverband geht es ständig um die Aushandlung komplexer Dynamiken – in der Gruppe wie in der Auseinandersetzung mit Kunst. Dabei finde ich es auch künstlerisch wichtig, persönliche Betroffenheit und Positionalität mit gesellschaftlichen Fragestellungen auf struktureller Ebene verorten zu können. Sozusagen um über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

Anschließend an die Gespräche in der Klasse, die du begleitet hattest, war es letztlich die Entscheidung, die strukturelle Aushandlung zu Fragen von (sexualisierter) Gewalt, Machtmissbrauch und Diskriminierung aus dem Klassenverband herauszunehmen und auch für andere Studierende an der Akademie zu öffnen.

SB: Das Angebot wurde dann in Kooperation von Dir, Studierenden, der Studierendenvertretung und der AG Gleichstellung entwickelt. Wie habt Ihr diese strukturiert?

AJS:  Die AG Gleichstellung wurde da gerade von der Hochschule aufgelöst, bzw. nicht weiterfinanziert. Aber die Studierendenvertretung (Soap und Miki) waren sehr engagiert und hatten Interesse daran, einen Raum für diese Fragen zu schaffen – den es so nicht zu geben schien. Ich habe angeboten aus meiner Position als Professorin heraus den Antrag auf finanzielle Mittel in Kooperation mit ihnen zu stellen. Wir haben dann gemeinsam ein Programm erstellt, um Schwerpunkte bzw. Veranstaltungen zu setzen. Trotzdem sollte es auch Freiräume für gemeinsame Entscheidungen aller Beteiligten geben.

SB:  Als Klassenleitung und Professorin hast Du eine machtvollere Position. Ich finde dabei die Differenzierung von „Macht über”, die teils vorschnell mit Grenzüberschreitungen assoziiert wird und „Macht für” sehr hilfreich, da bei letzterer die 
Position bzw. Funktion genutzt wird, um Einfluss auf Strukturen zu nehmen und z.B. bessere Rahmenbedingungen für andere zu schaffen. Wie sahst Du Deine Rolle in dem Angebot?

AJS:  Ich verstehe meine Rolle als Professorin als eine der Impulsgeberin, Moderation und Unterstützung. Das Kunststudium innerhalb des Klassenverbands basiert auf intensiver persönlicher Betreuung in der Entwicklung der künstlerischen Position der Studierenden. Das schafft ein sehr enges, hierarchisches Abhängigkeitsverhältnis. Macht über fängt bei der Aufnahme an die Akademie an und setzt sich über die Benotung fort. Aber auch das Vorschlagen zu Stipendien oder das Teilen von Netzwerken gehört dazu. Es ist gleichzeitig mit Verantwortung verknüpft (z.B. auch dafür mit welchen Diskursen die Studierenden in Berührung kommen).

Als Professorin habe ich gesetzliche Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten gehört die Sicherstellung der körperlicher Unversehrtheit während der Lehre und in den Klassenräumen, dazu zählt eben auch die psychische Unversehrtheit im Rahmen der Lehre. Das findet gesellschaftlich – und deshalb auch an den Hochschulen, gegenüber physischer Unversehrtheit wenig Beachtung. Macht für ist hingegen stark mit Ermächtigungsprozessen, mit Agency verbunden. Ich habe das Gefühl, Studierenden ist manchmal ihre eigene Macht nicht bewusst. Meine Macht für begreife ich wie du sagt, für die Schaffung der Rahmenbedingung des gemeinsamen sich-aufeinander-Beziehens in Aushandlung mit den Studierenden im Klassenverband. 

Aus der konkreten Situation heraus sah ich meine Aufgabe diesen Raum „Orte zum Weinen” für diese spezifische Auseinandersetzung zu bieten, zu begleiten und letztlich auch Verantwortung dafür zu übernehmen. 

SB:  Im Rahmen meines Workshops haben wir viel über den Aspekt des Schutzes und der Sicherheit gesprochen. Du brachtest in dem Zusammenhang neben dem Safe Space bzw. Safer Space auch die „Spaces of Acceptable Risk” ein. Worin besteht für Dich ein möglicher Mehrwert dieses Konzeptes?

AJS:  In einem Gespräch während dem Symposium „Somewhere beyond right and wrong, there is a garden. I will meet you there* Rumi“ der BAS/Graduiertenschule an der udk Berlin brachte Alexandre Achour (Performer und Choreograf) den Begriff auf. Er hat sofort bei mir resoniert, da ich selbst skeptisch gegenüber der Idee eines Safe Spaces war. Laura Rikard und Amanda Rose Villarreal gehen in ihrem Aufsatz „Focus on Impact, Not Intention: Moving from ‚Safe‘ Spaces to Spaces of Acceptable Risk” sehr gut darauf ein. Darin zitieren sie auch Baldwin mit „safety is always necessarily an illusion”.

„Most of us, no matter what we say, are walking in the dark, whistling in the dark. Nobody knows what is going to happen to him from one moment to the next, or how one will bear it. This is irreducible. And it‘s true of everybody. Now, it is true that the nature of society is to create, among its citizens, an illusion of safety; but it is also absolutely true that the safety is always necessarily an illusion. Artists are here to disturb the peace.4“

Die Aufgabe von Künstlerinnen besteht aus seiner Sicht also darin gesellschaftliche Simulation von Sicherheit (durch Regeln, Normen, Strukturen) – diesen falschen Frieden zu stören, Fragen zu stellen, Grenzen zu überschreiten, Unbequemes sichtbar zu machen. 

Genau deshalb birgt das Kunststudium Risiken. Ich kann als Professorin also kein Safe Space versprechen, der den künstlerischen Prozess und die Auseinandersetzung damit im Keim ersticken würde, aber ich kann sagen: „Eure Arbeiten werden kritisiert, ihr müsst euch öffnen, es gibt Machtgefälle. Hier sind die spezifischen Risiken dieser Klasse. Hier sind die Werkzeuge, die wir nutzen, um damit umzugehen (z.B. Feedback-Regeln, Vereinbarung zum Umgang, Anlaufstellen). Ich bin da, um euch zu unterstützen, wenn ihr Fragen oder Grenzen habt.” Es geht um die Ermächtigung der Studierenden, ihre eigenen Grenzen zu wahren und Risiken bewusst zu wählen. Aber es geht auch darum zu lernen wie wir produktiv Kritik üben, Missstände und abweichende Meinungen und Ansichten formulieren, ohne dabei zu verletzen.

Wir sind ein Ort des Lernens und des Übens, wir laufen im Dunkeln, aber wir tun es gemeinsam und mit klaren Absprachen. 

SB:  Wir haben in dem Workshop daran gearbeitet, wie man Räume für sich und auch andere z.B. durch Selbstregulation, Kommunikation und klare Verabredungen besser halten kann. Welche Überlegungen hattet Ihr hinsichtlich der physischen Räume, die Ihr bespielt habt, so dass sie zu „Orte zum Weinen” werden konnten?

AJS:  Der physische Raume ist Teil dieser Infrastruktur und daran beteiligt, wie wir uns aufeinander beziehen können. Wie ist die Atmosphäre, wie viel Ablenkung und Rückzugsmöglichkeiten es gibt, wie exponiert sind wir etc. Aber auch: gibt es Getränke und Snacks? Mit dir waren wir im LeonardoZentrum weil es dort einen tollen Seminarraum gab, der nicht nur aus Tischen und Stühlen bestand. Als wir das Bildungskollektive Fem*ergenz zu transformativer Gerechtigkeit in Bildungskontexten eingeladen haben, haben auch sie das explizit erbeten. Während der Vortrag an der Akademie stattfand, hatten wir für den Workshop wieder einen Ort außerhalb der Akademie gesucht und das Kunsthaus Nürnberg angefragt.

Wir hatten mit einem Transporter extra Teppiche und Kissen angefahren. Der Raum, den wir dann betreten haben, war das Gegenteil von dem, was wir uns vorgestellt hatten. Wir standen vor der Frage, Wie viel Energie wir in dieser Situation aufwenden sollten, um kurzfristig noch in einen anderen Raum ziehen zu können. Schließlich war es den Kraftaufwand wert – der neue Raum war hell und freundlich, zwar von Glas umgeben, aber so hoch im Gebäude, dass es keine Einsichtsmöglichkeiten gab. 

SB:  Welche Erfahrungen oder Erkenntnisse nimmst Du für Deine Lehrtätigkeit und vielleicht auch Deine eigene künstlerische Arbeit aus dem Angebot „Orte zum Weinen” mit?

AJS:  Orte zum Weinen ist eher Teil einer größeren Beschäftigung, die sich durch meine Lehrtätigkeit und auch künstlerischer Praxis zieht. Die Lehre sehe ich wie meine eigene künstlerische Praxis als ein Ort der ständigen Verhandlung und Selbsthinterfragung. Aus afro-deutscher Perspektive ist natürlich auffällig, wie wenig race und auch Klasse darin aktuell thematisiert werden oder es ein Bewusstsein dafür gibt.

Im Rahmen der Klasse und des Fachbereichs Kunstpädagogik, für die ich hauptsächlich mitverantwortlich bin, lassen sich konkrete strukturelle Änderungen und Überarbeitungen ableiten.

Aus neurodivergenter Perspektive spielen die Frage nach Strukturiertheit und Offenheit, sowie Selbstfürsorge eine immer wichtigere Rolle. Bei Orte zum Weinen, in der Klasse und auch für meine Lehre ist das ein prekäres Gleichgewicht zwischen den eigenen Ressourcen und Prioritäten und der Verantwortungsübernahme gegenüber der ganzen Arbeitsgruppe.

Zu deiner Tätigkeit: Könntest du etwas über deine Arbeit alssystemische Coach*in mit Spezialisierung auf den Kunst- und Kulturbereich erzählen? Was machst du genau, und wie kam es zu dieser Spezialisierung?

SB:  Da ich meine beruflichen Wurzeln im Theaterkontext habe, war mein ursprüngliches Anliegen Systemische Coaching für die darstellenden Künste und insbesondere den Probenprozess zu entwickeln. Mein Arbeitsschwerpunkt hat sich dann aber sehr schnell auf die verschiedenen Arbeitsbereiche und auch die verschiedenen künstlerischen Disziplinen sowie Organisationsformen ausgeweitet. Das sind Kultureinrichtungen aller Größen, freie Künstler*innen, Kollektive, Hochschulen, etc.

Wichtig an dem systemischen Ansatz finde ich, dass ich als Coach nicht beratend tätig bin, sondern Gespräche oder Prozesse, wie eben den Workshop für euch, anbiete, innerhalb derer Menschen selbst zu Lösungen kommen können, die zu ihnen und ihrem „System“ passen. Seit einigen Jahren arbeite ich auch mit systemischen Strukturaufstellungen, die ich gerade für die Aspekte, die wir noch nicht gut in Worte fassen können, sehr erkenntnisreich finde. Ich schreibe einiges auf meiner Webpage5 dazu. 

AJS:  Zu deinem Workshop: Kannst du etwas über deine Schwerpunktsetzung im Workshop berichten? Was war dir dabei wichtig und warum?

SB:  Für den Workshop habe ich kein fertiges Programm mitgebracht. Stattdessen führte ich im ersten Schritt mit den inhaltlich Verantwortlichen – in diesem Fall mit drei Studierenden und dir – ein Gespräch über eure Anliegen und Bedarfe. 

Wir haben uns auf vier Workshopelemente verständigt:

  1. Mit Teilnehmenden, die euch im Vorfeld Interesse oder Bereitschaft zu kontinuierlicherer Mitarbeit signalisiert hatten, sollte ein Modus der Zusammenarbeit entwickelt werden – inklusive Verabredungen, wie sie diese (selbst-)fürsorglich miteinander und für später hinzukommende Teilnehmende gestalten können.
  2. Dazu untersuchten wir, was gute Voraussetzungen für „wahrhaftige Begegnungen“ sein könnten.
  3. Ausbildung einer Awareness für das Wirken von Bindungssystemen, Nervensystem und Spiegelneuronen.
  4. Konkrete Übungen zur Selbstregulation.

Daraufhin entwickelte ich das Workshopdesign.

AJS:  Zur Situation an Kunstakademien: Unterscheidet sich aus deiner Perspektive und Erfahrung die Situation an Kunstakademien von anderen Bereichen in Kunst und Kultur? Wenn ja, worin liegt der Unterschied?

SB: Diese Frage finde ich sehr komplex. Lass mich bitte auf das Studium und meine Erfahrung in der Arbeit mit Studierenden fokussieren – und nicht zusätzlich über die Kontexte sprechen, in denen Menschen in Kunst und Kultur tätig sind. Auch wenn es in beiden Systemen etwa Hierarchien, Arbeitskulturen, Abhängigkeiten und Gestaltungsspielräume gibt.

Was ich in meiner Arbeit als Coach in den Künsten im Ausbildungskontext wahrnehme: Schon die Ausbildungsinstitutionen – ob Schauspielschule, Musikhochschule oder Kunstakademie – können sich aufgrund ihres Bildungsauftrags etwa in ihrem Lehrverständnis, im Grad oder der Art der Einflussnahme auf die professionelle Entwicklung – durch Einordnungsversuche oder Rückmeldungen zu Arbeiten der Studierenden – stark unterscheiden. Auch die Rahmenbedingungen und Mitgestaltungsspielräume für Studierende werden sehr unterschiedlich definiert, etwa durch die Konsultation von Vertretungen oder die Teilhabe an ausgewählten Abstimmungsprozessen.

Lass uns das Beispiel Studium nehmen: Bestenfalls bietet es den Studierenden Raum für Reflexion, Umsetzung, Ausprobieren – und damit für die Entwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit. Sie fühlen sich sicher genug, um formulieren zu können, welches Maß an Beratung sie von Lehrenden und Kommiliton*innen im Moment unterstützend finden – und an welcher Stelle sie für den nächsten Schritt mehr Autonomie brauchen. Dies soll im Rahmen der institutionellen Vorgaben stattfinden, um die Voraussetzungen für ein Studium zu erfüllen.

Diese Trias – 1. Studienanforderungen, 2. das Erkennen und Steuern des eigenen Bedarfs an fachlich inhaltlicher Beratung oder Feedback, 3. die Entwicklung der eigenen künstlerischen Ausrichtung – birgt bereits eine relevante Komplexität. Sowohl für die Selbstführung und -organisation der Studierenden – als auch für die Lehrenden.

Für viele fällt das Studium in eine natürliche Phase des Lebens, in der Fragen nach der eigenen Identität und Haltung sowie der Existenzsicherung eine neue Dringlichkeit erfahren. Wir beobachten vielerorts ein sogenanntes Work-Life-Blending: Die Zeiten, in denen wir uns beruflichen Tätigkeiten einerseits und anderen sozialen Verpflichtungen oder Freizeit andererseits widmen, sind immer schlechter voneinander zu trennen. Daher werden Fragen etwa nach klaren Offline-Zeiten oder täglichen Gewohnheiten, in denen Selbstversorgung, Regeneration oder soziale Interaktionen stattfinden, wichtig. Und dabei rede ich nicht von Lifestyle, sondern von existenziellen Grundbedürfnissen.

Bild von einem iphone mit Notiz:

Es ist kein Alleinstellungsmerkmal der Künste, dass Fragen nach der professionellen Identität einerseits, der sogenannten Privatperson andererseits und zusätzlich der eigenen Präsentation – etwa in sozialen Medien – komplizierter zu beantworten sind, diffus zusammenfallen oder Identitätskonzepte sich in dieser Vielfalt auflösen. Doch diese Fragen werden hier – mit Blick auf die Entwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit und des Selbstverständnisses als Künstler*in – in einer anderen Intensität gestellt.

Parallel dazu beobachte ich die Suche nach einer stärkeren Verankerung „in sich selbst“ – eine Integrität, die sich auf ein „Ich“ bezieht, um sich mit dem Leben und all seinen Chancen und Herausforderungen in Beziehung setzen zu können. Ein „Ich“, das nicht nur als Selbstkonstruktion gedacht, sondern irgendwie auch als etwas „in mir“ empfunden werden kann. Hier kommen die Sinneswahrnehmung und das Körperempfinden wieder ins Spiel. 

Und dieses Zusammenspiel von „Was denke ich?“, „Was löst dieser Gedanke in mir aus?“, „Wie fühle ich mich daraufhin?“ und „Wie handle ich infolgedessen?“ kann lösungsorientiert betrachtet eine andere Kongruenz zwischen Haltung und Handlungen ermöglichen; wenn diese erstrebenswert erscheint.

Ein letzter Punkt: Kein Studierender ist ein Solitär. Es gibt Aspekte innerhalb des Studiums, die des Kollektivs – etwa der Klasse – bedürfen. Sei es bei der Organisation wiederkehrender Aufgaben für die Klasse, der Planung von Exkursionen oder gemeinsamen Ausstellungen oder im Gespräch über die Arbeiten im Rahmen von Klassenbesprechungen. Dass das Miteinander gelingt, ist kein Selbstläufer.

Und wenn wir uns diese auch nur grob umrissene Situation von Studierenden ansehen, dann finde ich, dass sich daraus sehr relevante Fragen auftun:

  • Wofür muss und kann eine Akademie Angebote und Rahmenbedingungen schaffen?
  • Welche Aspekte von Entwicklung müssen auch weiterhin in der Eigenverantwortung der Studierenden bleiben?
  • Was kann derzeit nicht in die Zuständigkeit einer Akademie fallen, weil die Kompetenz dafür noch fehlt?
  • Wo kann eine Akademie Kooperationen oder Netzwerke ausbauen, um im Bedarfsfall darauf zu verweisen?
  • Welche neuen Bereiche von Lehre und Entwicklung wollen Akademien mittelfristig entwickeln, um auch zukünftig für Studierende attraktiv zu bleiben?


Und damit haben wir die Situation und Fragestellungen der Lehrenden oder die Herausforderungen der Akademieleitungen angesichts sich verändernder Bedarfe der Studierenden, sich wandelnder Kunstwelten und -märkte, erforderlicher Struktur- und Reformarbeiten, Konsolidierungsauflagen, Digitalisierung etc. noch gar nicht mitgedacht.

Als ich vor ca. 14 Jahren mit meiner Arbeit als Coach anfing, hieß es oft: „Stefanie, Coaching in den Künsten, braucht kein Mensch!“ Diesen Satz höre ich nicht mehr.

AJS:  Zu Hilfsangeboten und Gruppendynamik: Ich hatte dich bereits vor Orte zum Weinen in die Klasse eingeladen, weil die bestehenden Hilfsangebote – etwa nach AGG oder durch die Gleichstellungsbeauftragten als erste Anlaufstelle bei Problemen und Beschwerden – sehr
individualisiert sind und sich nicht auf Gruppenarbeit beziehen. Als Professor*innen sind wir zudem nicht darin ausgebildet, Gruppendynamiken oder Konflikte zu begleiten. Gibt es Best-Practice-Beispiele, die für Kunstakademien interessant sein könnten?

SB:  Ich glaube, es ist sehr verantwortungsvoll, wenn Lehrende ihre Grenzen kennen. Auch ich als Coach bin keine Psychologin und muss die Grenzen meiner Profession kennen – und darauf verweisen.

Mein Eindruck ist: Alle profitieren, wenn Angebote und Weiterbildungen genutzt werden, die das Bewusstsein für die eigene Rolle und Kommunikation z.B. mit Studierenden schärfen. Auch halte ich eine Ausbildung zum Ersthelfer Mental Health First Aid für sehr sinnvoll. Das ist sozusagen ein Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit, um im Krisenfall eine „Erstversorgung“ anbieten zu können – und dann an fachlich qualifizierte Personen zu übergeben.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie die Rolle z.B. als Klassenleitung in den unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen mit Studierenden ausgefüllt wird. Wo ist viel Verantwortungsübergabe an bzw. Partizipation der Studierenden angemessen und sinnvoll? In welchen Fällen hat die Klassenleitung die Verantwortung, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen – und dafür den Widerstand der Gruppe in Kauf zu nehmen? Hier erlebe ich in allen Bereichen meiner Arbeit eine große Sorge von Verantwortungsträger*innen, diese direktivere Rolle einzunehmen – oft aus Sorge vor dem Vorwurf des Machtmissbrauchs.

Hilfreich finde ich auch Angebote, wie sie für deine Klasse bzw. die Orte zum Weinen organisiert wurden: z.B. zur Aufklärung über Formen von Grenzüberschreitungen bis hin zu Straftaten.

Weiter finde ich eine produktive Differenzierung in der Debatte über Macht sehr relevant. Wenn das Angebot der bereits existierenden Anlaufstellen auch ausbaufähig ist, finde ich es sehr wichtig, dass es diese gibt und dass sie angesichts drohender Sparauflagen und Backlashes unbedingt verteidigungswürdig sind.

Darüber hinaus empfehle ich allen Beteiligten sehr gerne drei Kompetenzen:

  1. Richtig Feedback geben: Wahrnehmung – Wirkung – Wunsch
  2. Aktives Zuhören üben: Abgleich mit der Gesprächsperson darüber, was man verstanden hat und ob es das war, was die Person ausdrücken wollte. Das heißt: Klärung statt Eskalation aufgrund eines möglichen Missverständnisses
  3. Lösungsorientierung üben: Die Aufmerksamkeit auf Gelingendes, Potenziale und Lösungen richten

AJS:  Zur Nervensystemregulation: Die Regulation des Nervensystems spielt eine wichtige Rolle – oder? Gleichzeitig ist ein überreiztes Nervensystem ein Warnsignal. Wie ordnest du das ein?

SB:  Wir alle kennen sicherlich Situationen, in denen wir unbewusst in einer Weise reagieren, die uns im Nachhinein unangemessen erscheint: entweder wir überreagieren, verfallen in eine Art Schockstarre, entziehen uns einer Situation oder werden zum überengagierten „People Pleaser“. Das alles können Überlebensstrategien sein, die wir – insbesondere in unseren ersten Lebensjahren, aber auch durch spätere prägende bis hin zu traumatischen Erlebnissen – ausgebildet haben. Kurz: Angriff, Flucht, „Tot stellen“ oder Unterwerfung.

In diesen Überlebensmodus können wir geraten, wenn uns eine Situation suggeriert, dass wir in Gefahr sind – und die Gehirnaktivitäten, mit denen wir normalerweise analysieren und einschätzen könnten, ob die angenommene Gefahr real ist, nicht mehr voll zur Verfügung stehen. 

Das Wissen um die eigenen Triggerpunkte – die Reize, die dieses musterhafte Verhalten auslösen – halte ich für sehr wichtig, um Strategien für den Umgang mit herausfordernden Situationen zu erarbeiten und möglichst regelmäßig Übungen zu praktizieren, die das Nervensystem in Balance bringen. Das können je nach Fall aktivierende, körperliche Tätigkeiten sein als auch beruhigende.

Der Psychologe und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl schrieb dazu: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Wenn wir uns diese Freiheit bewahren und die Spielräume nutzen wollen, innerhalb derer wir selbstwirksam agieren können, halte ich das für ein wertvolles Wissen und eine lebensbejahende Praxis.

Wie Du merkst, passt viel von dem, was wir gerade miteinander besprechen, nicht zu dem Narrativ einer zerrissenen, selbstausbeuterischen und impulsiv, aus einer inneren Not oder Wunde handelnden Künstlerpersönlichkeit. Ich denke, dass Teil der Entscheidungsfreiheit sein kann, sich weiterhin für dieses Konzept zu entscheiden und ebenso sich die Frage zu erlauben: Was könnte eine ebenso interessante Alternative für mich und mein Leben als Künstler*in sein?

AJS:  Zu Resilienz vs. Widerständigkeit: In den letzten Jahren wurde die Frage der Resilienz auch in der Kunst vielfach verhandelt. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass der Begriff der „psychischen Widerstandsfähigkeit“ (resilience) an die Eigenverantwortung des Einzelnen appelliert, „funktionsfähig“ zu sein bzw. zu bleiben. Während „Widerständigkeit“ (resistance) eine komplexere, gesellschaftlich-strukturelle Dimension beschreibt. Wie siehst du das aus der Perspektive des systemischen Coachings?

SB:  Ich finde diese Differenzierung von Resilienz und Widerständigkeit auch hinsichtlich des Zusammenhangs von Kunst und Aktivismus sehr spannend zu untersuchen. An dieser Stelle würde ich am liebsten auf deine Arbeit „Visited by a Tiger“ verweisen, die dazu so viel Wichtiges sagt.

Die Arbeit an der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit halte ich für einen wesentlichen Schritt, um auch mit dem umgehen zu können, was sich unserer Kontrolle oder mehr oder vollständig unserer Einflussnahme entzieht. Im Coaching finde ich dazu das Modell „Circle of Influence“ von Stephen Coveys hilfreich. In der Zone of Control – also dort, wo wir direkte Kontrolle haben – geht es um unsere innere Haltung, unsere Entscheidungen und Handlungen: etwa um Klarheit über die eigenen Werte oder die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und aus Erfahrungen zu lernen. Die Zone of Influence umfasst das, was wir durch proaktives Handeln in Interaktionen mit anderen beeinflussen können: Beziehungen, Gruppendynamiken, die wir durch Sicherheit, Verhandeln oder Kollaboration gestalten, oder Ergebnisse, die wir kollektiv verantworten. Und schließlich die Zone of Concern, wo Ereignisse oder äußere Umstände außerhalb unserer Macht liegen. Hier gilt es, Ängste anzuerkennen, den Einsatz von Aufmerksamkeit und Sorgen zu hinterfragen – Und darum Resilienz zu trainieren!

Mit Blick auf die eigenen Werte, Kräfte und Einflussmöglichkeiten halte ich es für legitim bewusste Entscheidungen zu treffen:

  • Wo suche ich aktiv die Irritation im anderen oder in etwas anderem, weil das ein wesentliches Moment von Begegnung ist und der Weiterentwicklung der eigenen Sicht auf die Welt dient? Es eine basale Demokratie-Kompetenz ist.
  • Wo entscheide ich mich für ein Engagement, weil es um etwas Entscheidendes geht. Selbst wenn es mir im Moment mehr Kräfte abverlangt, um etwa gemeinsam mit anderen, Einfluss auf komplexere, gesellschaftlich-strukturelle Themen zu nehmen?
  • Und: Choose your battles!: In welche Widerstände muss und will ich investieren? Und welche lasse ich aus?

Mit dieser Vielfalt und bestenfalls Koexistenz von Engagements und Werten gilt es übrigens auch in einer Klasse umzugehen. Teilweise bedarf es ebenso gute Abgrenzungsmechanismen zu entwickeln, die dieses Engagement zwar tolerieren, respektieren und sogar schätzen, doch ohne es zwingend zum Eigenen zu machen. Gruppendynamisch ist das für die einzelne Person nicht immer leicht auszuhalten, da es neben allem Autonomiebestreben auch ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit gibt.

Für mich gibt es rund um die Arbeit an Resilienz oder Widerständigkeit noch einen anderen Aspekt: Die Frage nach der Verteilung von Verantwortung. Also wer hat das Mandat für die Gestaltung, Aufrechterhaltung oder Veränderung von Strukturen? Gelegentlich wird durch die Bereitstellung von Coachings oder Resilienz-Trainings, etc. die Verantwortung für eine Problemlösung implizit delegiert. Aus meiner Sicht als Systemische Coach ist daher hilfreich, die Befähigung der Einzelnen im Zusammenwirken mit der Kultur innerhalb einer Organisation und den übergeordneten Strukturen zu betrachten und ggf. anzugehen, wenn nachhaltige Lösungen gefunden werden sollen.

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<![CDATA[Ohne dich kriegen wir die Krise]]> https://gurk-halle.de/articles/ohne_dich_kriegen_wir_die_krise https://gurk-halle.de/articles/ohne_dich_kriegen_wir_die_krise Fri, 10 Jul 2026 22:03:26 GMT

Der Flyer ist Teil von Josephine Schroeders Masterarbeit in Kooperation mit dem Rosa e.V.  Gemeinsam machen sie eine Kampagne zur Landtagswahl, in der sie sich gegen Misogynie, Trans- und Queerfeindlichkeit und weiteren Diskriminierung von marginalisierten Gruppen einsetzten.

Im Rahmen meiner Masterarbeit  habe  ich in Kooperation mit dem ROSA e.V. die mobile Aktionsstation „Verrad am Patriarchat”ausgearbeitet. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sichere und niedrigschwellige Räume für FLINTA*-Personen, insbesondere in kleineren Städten Sachsen-Anhalts entstehen und erhalten bleiben können, um sich politisch zu engagieren und sichtbar zu sein. Das Projekt dreht sich um  ein Lastenfahrrad, das als mobile Aktions- und Begegnungsstation für Workshops, Vernetzung und politische Bildungsarbeit dient. Ergänzt wird die Station durch eine Kampagne und eine Radtour zur Landtagswahl 2026. Das Projekt untersucht, wie Gestaltung, politische Vermittlung und queerfeministische Praxis zusammenwirken können, um Sichtbarkeit, Solidarität und kollektive Handlungsfähigkeit zu stärken.

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<![CDATA[Der erweiterte Blick]]> https://gurk-halle.de/articles/der_erweiterte_blick https://gurk-halle.de/articles/der_erweiterte_blick Sun, 12 Jul 2026 21:14:43 GMT Erste Erkenntnisse aus der empirischen Untersuchung zur Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland von Marie Köhler

Redaktionsteam der Gurk Biegichenstein

Dieser Artikel steht in Zusammenhang mit dem Artikel Über Grundlagenlehre und Machtposition aus der GURK #4, in welchem das Redaktionsteam der Gurk an die studentisch geführte Umfrage „Anonyme Meinungssammlung zur Forderung multidiverser Perspektiven im Grundlagenstudium“ von 2023 erinnerte, über die Reaktion der Professur aufklärte und hinterfragte, was sich letzlich getan hatte. In diesem Zuge schickten wir auch eine Anfrage an die Grundlagenprofessur, um in den Austausch darüber zu gehen, wie sich jener Diskurs auf Lehrinhalte ausgewirkt hat, welche Verbesserungen und Veränderungen, welche sich gewünscht wurden, umgesetzt wurden. Ein konstruktiver Austausch wurde damals allerdings abgelehnt. Im Sommersemester 2026 stellten wir die Anfrage erneut und erhielten die selbe Reaktion.  Marie Köhler, Medienkünstlerin, Dozentin und Promotionsstipendiatin der Bauhaus Universität Weimar,  unterstützte damals die Ausarbeitung der Online - Umfrage der Studierenden. Im Rahmen ihrer Promotion untersuchte Köhler bereits damals die Gestaltungslehre an Kunst - und Designhochschulen in Deutschland. Die Ergebnisse sind nun ausgewertet und dieser Artikel gibt einen Einblick in ihre Arbeit.

Umfrage Der erweiterte Blick – Zahlen und Fakten

Mit 868 teilnehmenden Personen hatte die Umfrage nach Beendigung der Laufzeit von vier Monaten eine sehr hohe Fallzahl. Studierende, Lehrende und wissenschaftlich Beschäftigte aus rund 50 gestaltungsrelevanten Hochschulen in Deutschland haben sich beteiligt. Ihre Rückmeldungen sind widersprüchlich, vielstimmig, vorsichtig und zugleich deutlich.

In der Rollenverteilung dominieren Studierende (76,9%), gefolgt von Lehrenden (14,4%), wissenschaftlich Beschäftigten (4,6%) und Sonstigen (4,1%). Schwerpunkt bildeten Hochschulen aus Nordrhein-Westfalen. Geschlechterverteilung: weiblich 64,4%, männlich 28,3%, nicht-binär/genderqueer 5,3%. Fachlicher Schwerpunkt: Kommunikationsdesign (254), Design (154), freie Kunst (86), Fotografie (68). 24,9% äußern Unzufriedenheit mit der Gestaltungslehre, 43,1% Zufriedenheit; 60,1% sprechen sich für Veränderung aus. 64,3% der Studierenden berichten über Lücken in der Wissensvermittlung.

Es gab in meinem eigenen Fotografiestudium an der Fachhochschule Dortmund und auch im Anschluss, während meines Kunststudiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln, immer wieder Momente, in denen mir bewusst wurde, dass das, was in den Seminaren als ein „gutes Bild", eine „funktionierende Serie“, als eine „künstlerische wertvolle Arbeit“ galt, nicht einfach ästhetische Qualität beschrieb – sondern eine bestimmte Art zu sehen widerspiegelte.

Eine Art zu sehen, die nicht für alle gleich und als selbstverständlich zu gelten schien. Eine Art zu sehen, die gelernt werden musste. Eine Art zu sehen, welche sich nach, westlichen ästhetischen Sehkonventionen, vom „wahren Schönen1“ richtete.

Denken, ein Denken, das mit der Wirklichkeit zu tun hat, findet nicht im Elfenbeinturm der Isolierung statt, sondern nur im Vorgang der Kommunikation. Wenn es wahr ist, dass Denken nur Sinn hat, sofern es durch das Handeln an der Welt entsteht, dann wird die Unterordnung der Schüler unter die Lehrer unmöglich.2

Paulo Freire

Die individuelle Betrachtung und auch die Wahrnehmung einer Gesellschaft richten sich nach aktuellen Trends, der Mode, der eigenen kulturellen Prägung, der politischen und wirtschaftlichen Situation im eigenen Land, sowie Einflüssen von außen (soweit diese, im Hinblick auf staatliche Zensur, zugelassen werden).3 So entstehen in jeder Gesellschaft ganz unterschiedliche Sehgewohnheiten4 und damit auch unterschiedliche Einflüsse auf die Bildgestaltung.5

Wenn das Sehen unser Denken prägt und unser Handeln beeinflusst, dann sind es die Bilderwelten, die uns umgeben, die hinterfragt oder zumindest befragt werden sollten.

Der nachfolgende Text gibt einen kleinen ersten Einblick in die Ergebnisse meiner Untersuchung zur Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland. Die Umfrage „Der erweiterte Blick – Braucht es eine kritische Reflexion über die Vermittlung ästhetischer Praktiken in der Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Deutschland?" ist ein zentraler Forschungsbestanteil meiner Promotion an der Bauhaus Universität in Weimar.

Mein Promotionsvorhaben hinterfragt Gestaltungspraktiken, die – so die These – nach wie vor in der Grundlagenlehre gestaltungsrelevanter Studiengänge oftmals zu Stereotypenbildung und hegemonialen Erzählweisen beitragen. Dabei gilt es zu ergründen, ob die Wissensvermittlung von tradierten Bildpraktiken zu Vorurteilen, Voreingenommenheit und Leerstellen in der Bildung von Studierenden führt und inwiefern diese aus einer gender-, machtkritischen und dekolonisierenden Perspektive hinterfragt werden muss. Mein Interesse richtet sich konkret darauf, welches Wissen von welcher Wissensbasis und aus welcher gesellschaftlichen Position heraus in die Gestaltungslehre mit einbezogen wird, und ob dies dazu führt, dass Dominanzverhältnisse im gesellschaftlichen Miteinander eher verstärkt als abgebaut werden.

Im Zuge dessen habe ich im Frühjahr 2025 eine Umfrage konzipiert und durchgeführt. Die anonyme Online-Umfrage richtete sich an Studierende, Lehrende und wissenschaftliche Beschäftigte an Design- und Kunsthochschulen in Deutschland. Der finale Aufbau der Umfrage ist in enger Zusammenarbeit mit einer kleinen studentischen Forschungsgruppe der HS Düsseldorf im Fachbereich Design erarbeitet worden. Sie ist als kritische empirischen Studie angelegt, die quantitative und qualitative Methoden verbindet. Die Umfrage kombiniert quantitative Fragen zur Einordnung der Zufriedenheit mit einem umfangreichen offenen Antwortenformat. Sie diente nicht dazu, zu zeigen, wie „richtig" gelernt und gelehrt wird, sondern vielmehr dazu, eine Studie darüber zu bekommen, welche Perspektiven uns möglicherweise fehlen und welche Sichtweisen wir in der Lehre noch nicht ausreichend berücksichtigen.

Ziel der Umfrage war es, eine möglichst aussagekräftige Studie darüber zu bekommen, welche Perspektiven uns möglicherweise fehlen und welche Sichtweisen wir in der Lehre noch nicht ausreichend berücksichtigen. Zudem sollte im besten Falle ein Archiv entstehen, in dem möglichst viele inspirierende Beispiele und Methoden aus dem Erfahrungswissen von Studierenden und Lehrenden zusammenkommen, die zeigen, wie Lehre auch anders gestaltet werden kann. Am Ende der Umfrage gab es für alle Teilnehmenden die Möglichkeit, eine eigene Frage zu formulieren. Das Formulieren offener Fragen stellt hierbei einen Kernaspekt der gesamten Herangehensweise da, da durch diesen kollektiven Akt, nicht nach einfachen Lösungen gefragt wird, sondern die Dringlichkeit nach einem dialogischen Prozess sichtbar wird. Die abschließende Fragensammlung lässt sich als kollektives Reflexionsarchiv verstehen. Eine Übersicht findet sich auf www.marie-koehler.com

Nachfolgend kann hier in diesem Rahmen, nur ein Teil der zentralen Ergebnisse der einzelnen Themenfelder zusammengefasst werden.

Grundlagenlehre zwischen Freiheit und Überforderung

64,3% der befragten Studierenden geben an, dass ihnen in der Wissensvermittlung, im Bezug auf die Grundlagenlehre, etwas fehlt. Dabei geht es weniger um den Wunsch nach Verschulung als um das Bedürfnis nach Orientierung zu Beginn des Studiums. Viele Studierende berichten, dass Eigeninitiative sehr früh eingefordert wird, zu einem Zeitpunkt, an dem zentrale Grundlagen noch nicht ausreichend vermittelt wurden. Besonders deutlich wird dies in Rückmeldungen, die von Unsicherheit, Scham und dem Gefühl handeln, mit impliziten Erwartungen konfrontiert zu sein, die nie klar benannt wurden.

Dabei wird immer wieder betont, dass die Voraussetzungen zu Beginn des Studiums sehr unterschiedlich sind – etwa im Hinblick auf technische Kenntnisse, theoretisches Vorwissen oder gestalterische Praxis.

„Ich habe das Gefühl, uns werden keine tatsächlichen Grundlagen vermittelt. Man muss sich alles selbst beibringen und schauen, wo man bleibt. Ich lerne z. B. oft in einem YouTube-Tutorial zu Videobearbeitung mehr als in einem ganzen Semester in einem Kurs."

Die Kritik richtet sich dabei ausdrücklich nicht gegen Eigenverantwortung oder selbstständiges Arbeiten. Vielmehr wird der Wunsch nach einer Lehre formuliert, die Freiheit ermöglicht, ohne sie vorauszusetzen. Eine Lehre, die unterschiedliche Ausgangspunkte ernst nimmt und Gestaltungsgrundlagen, als etwas versteht, das gemeinsam erarbeitet wird.

„Wie kann man Studierende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen bei den Grundlagen so abholen, dass es für alle spannend bleibt, ohne eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu erzeugen?“

„Da die Grundlagenlehre an unserer Hochschule darauf ausgerichtet ist, die Studierenden auf alle Studienschwerpunkte vorzubereiten, ist es sehr herausfordernd für die Lehrenden in der Grundlagenlehre, die Breite abzubilden. Eine intensive kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Blickwinkeln, den blinden Flecken unserer vermittelten Perspektiven, was sinnvollerweise in der Verknüpfung zwischen Theorie und der Praxis der Gestaltung stattfinden sollte, gibt es sicherlich nicht ausreichend.“

Aus vielen Antworten lässt sich erkennen, dass eine Freiheit in der Entwicklung gestalterischer Arbeiten, dort als produktiv erlebt wird, wo sie begleitet, erklärt und eingeordnet wird. Offenheit ohne Struktur hingegen verstärkt bestehende Ungleichheiten und fördert Unsicherheiten.

Bewertung, ästhetisches Urteil, Geschmack und Macht

Viele Studierende schildern eine große Unsicherheit darüber, nach welchen Kriterien ihre Arbeiten beurteilt werden. Bewertung erscheint häufig als subjektiv, schwer nachvollziehbar und stark abhängig von einzelnen Lehrenden. Dies scheint auch damit zusammenzuhängen, dass Lehrende selbst oft in einer Tradition ausgebildet wurden, in der die eigenen ästhetischen Urteile nicht hinterfragt, sondern als neutrale Maßstäbe vorausgesetzt wurden, anstatt die eigene Perspektive, Verortung und Sozialisation transparent zu machen, aus der heraus gelehrt wird.

Zwischen individueller Freiheit, professionellen Maßstäben und institutionellen Anforderungen entsteht ein Spannungsfeld, das selten explizit thematisiert wird. Die Umfrage macht sichtbar, dass gerade der fehlende Diskurs darüber, nach welchen Kriterien und Anforderungen beurteilt und bewertet wird, Seminarräume nicht selten zu Orten verdeckter Macht und Unsicherheit werden lässt.

„Wie ist es möglich, Arbeiten zu bewerten, ohne dass das persönliche Verständnis von Ästhetik der Dozierenden dominiert?“

Einige Studierende berichten, dass sie lernen, sich an vermutete Erwartungen anzupassen – aus Angst vor schlechter Benotung. Abweichungen von etablierten ästhetischen Normen und normierten Erzählstrukturen werden als Risiko wahrgenommen.

„Generell ist sehr viel Chaos an der Hochschule, der Altersdurchschnitt der Professur ist zu hoch und diese reflektieren ihre Lehrmethoden teilweise (!) kaum. Die Bewertung ist sehr vom subjektiven Geschmack abhängig und davon, mit wem man gut klarkommt. Viele Lehrende bewerten tagesformabhängig und haben keine wirkliche pädagogische Methode, wie man eine Kritik neutral ausdrückt, ohne dass sie einen direkt sehr verunsichert.“

Gleichzeitig betonen einige Lehrende die Notwendigkeit, individuelle gestalterische Handschriften zu fördern und starre Normen zu vermeiden. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Offenheit nicht immer von klaren kommunikativen Strukturen begleitet wird, wodurch Machtasymmetrien zwischen Lehrenden und Studierenden verstärkt werden.

Kanon, Eurozentrismus und Sichtbarkeit

Besonders deutlich und mit großer Übereinstimmung fällt die Kritik am bestehenden Kanon aus. Viele Studierende erleben die Lehre als stark eurozentrisch geprägt. Westliche, häufig männlich weiße Positionen dominieren die Referenzen, während andere Perspektiven nur punktuell auftauchen.

„Oft sind Inspirationen und Beispiele sehr westlich geprägt. Manche Lehrende bemühen sich, mehr Diversität zu repräsentieren, jedoch häufig ohne viel kritische Auseinandersetzung, warum das gerade wichtig ist.“

„Die Lehre ist bei uns viel zu eurozentrisch ausgelegt. Es wird immer von Design ist politisch berichtet, aber nur aus der westlichen Perspektive. Nicht intersektional.“

Die Antworten zeigen deutlich, dass multidiverse Perspektiven oft auf repräsentative Sichtbarkeit reduziert bleiben, ohne strukturell in Curricula, Prüfungsordnungen oder Grundlagenfächer integriert zu sein. Insbesondere in der Design- und Kunstgeschichte sowie in den gestalterischen Grundlagenfächern wird eine Dominanz westlicher Perspektiven kritisiert.

Multidiverse Ästhetiken, alternative Wissensformen oder Perspektiven marginalisierter Personengruppen werden zwar teilweise erwähnt, jedoch selten als selbstverständlicher Bestandteil der Lehre in die Wissensvermittlung integriert und erscheinen vielfach als Ergänzung oder „Spezialthema“, nicht jedoch als gleichwertiger Bestandteil der Wissensvermittlung.

„Die hegemoniale didaktische Form der Seminare ist das Referat oder die Gesprächsrunde. So sourcen die Lehrenden ihre Aufgabe der Wissensvermittlung an die Studierenden aus und beschränken sich auf eine mehr oder weniger gelungene Moderationsfunktion. Unter dem Vorwand, nicht als Autorität auftreten zu wollen, behalten sie ihre Expertise für sich und sorgen so dafür, dass sich die Machtverhältnisse ungleich verteilten. Ich würde mir mehr Vorträge von externen Referent:innen wünschen.“

„Ich würde mich freuen, wenn wir nicht nur die ästhetischen Positionen aus der europäischen Kultur kennenlernen würden. Was ist mit all den anderen Positionen, die aus ganz anderen Kulturen stammen? Oder was ist mit den auch weniger bekannten Positionen aus der Kunstgeschichte? Momentan kommt es eher zur Dopplung der immer gleichen Namen.“

Darüber hinaus verweisen zahlreiche Studierende auf Machtverhältnisse innerhalb der Lehre, die alternative ästhetische Positionen implizit abwerten. Abweichungen von etablierten Sehgewohnheiten oder formalen Normen werden teils als „nicht passend“ oder „nicht professionell“ markiert. Hier stellt sich die Frage, inwieweit diese Mechanismen sich unmittelbar auf die Selbstwahrnehmung und gestalterische Entwicklung der Studierenden auswirken.

„Ich erinnere mich an einen Kommilitonen aus Syrien, dem ein Professor sagte, er habe einfach kein Gefühl für Typografie, weil er angeblich keinen kulturellen Bezug zum lateinischen Alphabet hätte. Dann kam noch ein seltsamer Zusatz, dass er ja selbst auch keine arabischen Buchstaben setzen könnte.“

Der Wunsch der Befragten, richtet sich weniger auf Ergänzungen als auf eine grundlegende Erweiterung der Perspektive. Gefordert wird eine Lehre, die nicht von einem normativen Zentrum ausgeht und andere Positionen daran misst, sondern von Beginn an multiperspektivisch denkt.

Gestaltung, Politik und Gesellschaft

Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, dass politische und gesellschaftliche Themen in der Lehre thematisiert werden. Gleichzeitig beschreibt ein signifikanter Anteil diese Auseinandersetzungen als oberflächlich, sporadisch oder stark abhängig von einzelnen Lehrpersonen.

Auffällig ist die wiederkehrende Thematisierung von Unsicherheit und Vorsicht im Umgang mit politischen Inhalten. Lehrende berichten von der Schwierigkeit, kontroverse Themen anzusprechen, ohne Studierende zu überfordern oder zu Konflikten unter den Studierenden beizutragen. Studierende hingegen nehmen politische Diskussionen häufig als vermieden, entschärft oder auf „konsensfähige“ Themen beschränkt wahr.

Besonders sensibel werden Fragen rund um Feminismus, Rassismus, Kolonialgeschichte, den Nahostkonflikt, den Rechtsruck in Europa sowie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beschrieben.

„Zumindest aktuelle relevante Themen werden besprochen, aber vielleicht auch eher übergeordnet, wie Klimawandel, Nachhaltigkeit etc. Viele wichtige Themen wie Rassismus, Sexismus, der Nahostkonflikt usw. werden eher umgangen“

Die Antworten verdeutlichen, dass Gestaltung zwar überwiegend als gesellschaftlich wirksam verstanden wird, die Lehre jedoch oft zwischen dem Anspruch politischer Verantwortung und dem Wunsch nach Neutralität oszilliert. Die Umfrage zeigt weniger einen Mangel an Interesse als vielmehr eine Unsicherheit darüber, wie kritische Auseinandersetzungen in der Lehre aussehen können, ohne zu moralisieren oder zu überfordern.

„Wenn Professorinnen und Professoren eine bestimmte Haltung zu einem Thema vertreten, sind wir oft gezwungen, dieser zuzustimmen – denn sonst bleibt man als Einziger im Raum, der widerspricht. Das betrifft vor allem sensible Themen wie Feminismus, Rassismus, Islam oder andere, bei denen es schwer ist, allein eine abweichende Meinung zu äußern.“

Praxis, Übergänge – Was kommt nach dem Studium?

Viele Studierende beschreiben eine grundlegende Unsicherheit im Hinblick auf Arbeitsfelder, Berufswege und die Frage, wie das im Studium Erlernte außerhalb der Universität anschlussfähig wird. Dabei wird weniger ein konkreter Beruf angestrebt als vielmehr Orientierung eingefordert und ein Verständnis dafür, wie Gestaltung jenseits des geschützten Hochschulraums funktioniert und welche Berufsmöglichkeiten es in diesen Bereichen überhaupt gibt.

Kritisiert wird vor allem, dass viele Arbeiten und Projekte eher dahin gedrängt werden, eine „visuelle Einzigartigkeit“ aufzuweisen oder „künstlerisch hochwertig“ sein sollen, als dass ein Bezug zum Markt und zu möglichen Kund:innen gesucht wird.

„Wie funktioniert das alles im echten Leben? In der Uni ist man sehr geschützt, viele kennen die Realität kaum.“

„Mir fehlt sehr der Praxisbezug: Wie finde ich später eine Arbeit? Wie kann ich meine Arbeiten aus dem Studienkontext in die „reale Praxis" bringen?"

Gefordert werden keine simplen Anpassungen an den Markt, sondern viel mehr praxisnahe Erfahrungen außerhalb der Hochschule. Gewünscht werden Einblicke in unterschiedliche Arbeitsfelder, realitätsnahe Projekte, Austausch mit externen Akteur:innen und die Möglichkeit, Erfahrungen außerhalb der Hochschule in die Lehre zu integrieren.

Care, mentale Gesundheit und unterschiedliche Lebensrealitäten

Auffällig häufig thematisieren die Teilnehmenden Aspekte wie mentale Gesundheit, Care-Arbeit und Neurodiversität, die in klassischen Curricula bislang kaum verankert sind.

„Häufig wird die psychische Ebene im kreativen Schaffen gänzlich unberücksichtigt. Ich fände es zum Beispiel wirklich hilfreich, Prozesse, die man in der kreativen Selbstfindung durchläuft, zu beleuchten, damit man Schaffenskrisen einordnen kann und diese nicht am Selbstwert nagen.“

„Mir fehlt ganz eindeutig die psychologische Ebene im Studium, damit man sich auf innere Konflikte besser vorbereiten kann: Perfektionsdruck, Identitätskonflikte, existentielle Ängste, innere Zensur, Spannung zwischen künstlerischer Freiheit und kommerzieller Erwartung, Resilienz, um Rückschläge besser aushalten zu können.“

Die Rückmeldungen machen deutlich, dass psychische Belastungen nicht als individuelles Problem verstanden werden, sondern als etwas, das in engem Zusammenhang mit den Studienstrukturen steht. Leistungsdruck, Perfektionsansprüche, kurze Abgabefristen und lange Präsenzzeiten sind oft Alltag vieler Studierender gestaltungsrelevanter Studiengänge.

„Lehre muss unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenken."

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Lehre an Kunst- und Designhochschulen nicht nur Wissen vermittelt, sondern Lebensbedingungen strukturiert. Starre Zeitmodelle, lange Präsenzzeiten und fehlende Flexibilität werden dabei als strukturelle Hürden erlebt – insbesondere für Studierende mit Care-Verantwortung, chronischen Erkrankungen oder psychischen Belastungen.

Positive Rückmeldungen und neue mögliche Lehransätze

In den Rückmeldungen finden sich zahlreiche Hinweise auf Lehrpraktiken und Methoden, die den benannten Leerstellen mögliche Alternativen gegenüberstellen. Diese Ansätze existieren – getragen von persönlichem Engagement und theoretischer Reflexion.

„Ja, ich versuche, multidiverse Positionen gezielt in meine Seminare einzubinden. In der Designgeschichte liegt mein Fokus auf bislang marginalisierten Akteur: innen – etwa weiblich gelesenen Designer:innen sowie nicht-westlich geprägten Positionen, die im Kanon oft übersehen werden."

„Ich betrachte meine Seminare als Lehr-Lerngemeinschaft. Ich binde das erfahrene und erlebte Wissen meiner Studierenden in unsere gemeinsame Seminarzeit mit ein. Ich beziehe folgende Themen mit ein: multidiverse Perspektiven und Erzählweisen, das Hinterfragen der eigenen Position – von wo aus spreche ich, über wen und warum?"

Mehrfach wird beschrieben, wie die Grundlagenlehre genutzt wird, um unterschiedliche kulturelle, ökologische und gesellschaftliche Perspektiven erfahrbar zu machen. Materialien, Techniken und Herstellungsprozesse werden dabei nicht nur formal vermittelt, sondern in ihren historischen, sozialen und nachhaltigen Zusammenhängen betrachtet. Gestaltung wird als etwas, das sich nicht auf ein einziges „richtiges“ Verfahren reduzieren lässt, vermittelt.

Auch multidiverse ästhetische Positionen werden in vielen Lehrformaten bewusst eingebunden, allerdings weniger als vollständiger Überblick, denn als kollektive Praxis. Lehrende betonen, dass ein multidiverser Blick immer fragmentarisch bleibt und auf Austausch angewiesen ist – auf Studierende, auf externe Akteur*innen, auf zivilgesellschaftliche Kontexte.

In der Auseinandersetzung mit Design- und Kunstgeschichte zeigen sich zudem Ansätze, die einen westlich geprägten Blick kritisch hinterfragen und Gestaltung als machtvolle, kontextabhängige Praxis thematisieren. Feministische, intersektionale und queere Perspektiven werden nicht als Zusatz verstanden, sondern als notwendige Werkzeuge, um Gestaltung als gesellschaftliches Handlungsfeld begreifbar zu machen.

Diese Ansätze sind oft nicht institutionell abgesichert, aber sie existieren – getragen von persönlichem Engagement, theoretischer Reflexion und dem Versuch, Lehre als gemeinsamen Prozess zu gestalten.

Was bleiben kann und was sich verändern muss – Abschlussgedanke

Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild der aktuellen Gestaltungslehre an Kunst- und Designhochschulen in Bezug auf die vermittelten Grundlagenparameter. Die Mehrheit der Teilnehmenden beschreibt strukturelle Defizite, die sich über verschiedene Hochschultypen und Studiengänge hinweg ähneln. Diversität ist zwar diskursiv präsent, wird jedoch selten strukturell verankert.

Bestimmte Vorstellungen und Perspektiven von Ästhetik werden durchgesetzt, während andere weiterhin unterrepräsentiert bleiben. Mit der Begründung der Lesbarkeit wird in eine „richtige ästhetische Sprache“ und eine im Gegensatz dazu „schwache Position“ aufgeteilt.

Viele Rückmeldungen zeigen somit deutlich, dass die Grundlagenlehre in gestaltungsrelevanten Kunst- und Designhochschulen sich nach wie vor an gewohnten, europäischen ästhetischen Praktiken und Präsentationsformen orientiert und sich sehr an europäischen Schulen und Strömungen, an einflussreichen westlichen Positionen und dominierenden Aufmerksamkeitsökonomien abarbeitet, ohne eine Vielzahl anderer Strömungen, Stimmen und multidiverse Ästhetiken mit einzubeziehen.

Wenn gestalterische Qualität implizit an dominante ästhetische Normen gekoppelt ist, entstehen subtile Ausschlussmechanismen. Die Studie zeigt, dass Studierende diese Dynamiken wahrnehmen und ihr eigenes Arbeiten entsprechend anpassen – ein Befund, der auf ein Festhalten an einem europäischen Verständnis von Ästhetik hinweist.

Es ist daher zu befürchten, dass eine weiterhin sehr eurozentrische, tradierte Wissensvermittlung im Hochschulkontext maßgeblich zu einer eingeschränkten Sicht- und Denkweise in der Bildung von Studierenden beitragen kann, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Was hat die Studie konkret bewirkt?

Sie hat Prozesse initiiert, Diskurse angestoßen, die vorher nicht sichtbar waren. Eines der eindrücklichsten Ergebnisse ist die Fragensammlung, die am Ende der Umfrage entstand – über 140 Fragen, die Teilnehmende selbst formuliert haben. Sie lässt sich als kollektives Reflexionsarchiv verstehen. Die Fragen reichen von sehr konkreten didaktischen Anliegen bis zu grundsätzlichen Überlegungen über Verantwortung und Macht in der Gestaltung.

Woher bekommen wir ein erweitertes ästhetisches Wissen? Was ist ein ästhetisches Verstehen? Wer bestimmt die Inhalte der Grundlagenlehre und wessen Perspektiven werden mitbedacht? Wie kann man verlernen, sich selbst als Norm wahrzunehmen?

Diese Fragen verlangen nicht nach schnellen Lösungen. Sie verlangen nach strukturellen Veränderungen, nach Räumen, in denen kritisch-reflexive Praxis verhandelt werden kann.

Es wird grundsätzlich zu klären sein, wie sich Denken und Wahrnehmung im Hinblick auf die Erschaffung und Betrachtung visueller Medien sensibilisieren und verändern lassen. Zudem wird zu klären sein, inwieweit sich eine Unterrichtsmethode entwickeln lässt, die in der gestalterischen Grundlagenlehre Studierenden und Lehrenden die Möglichkeit eröffnet, multidiverse Gestaltungspraktiken in die Wissensvermittlung und Wissensaneignung mit einzubeziehen. Auch wird zu klären sein, wer in Zukunft die Lehre gestaltet, welche Positionen mit einbezogen werden und wie auf die lauter werdenden Forderungen Studierender nach einer diverseren Lehre geantwortet werden kann. bell hooks' schreibt dazu treffend:

Wenn wir uns der Aufgabe stellen wollen, die Universität so umzugestalten, dass sie zu einem Ort wird, an dem kulturelle Vielfalt den Aspekt unseres Lernens prägt, müssen wir bereit sein, zu kämpfen und Opfer zu bringen. Wir dürfen uns nicht sofort entmutigen lassen. Wir dürfen nicht verzweifeln, wenn es Konflikte gibt. Unsere Solidarität erfordert den gemeinsamen Glauben an einen Geist der intellektuellen Offenheit, der die Diversität feiert, den Dissens willkommen heißt und anerkennt, dass alle im Grunde nur nach Wahrheit streben.6

Als Bildermacher*innen, als Gestalter*innen, Lehrende und Kulturschaffende tragen wir die Verantwortung dafür, dass sich in Bezug auf die Bildmacht, die Macht über die Bilder und das Bildermachen strukturell etwas verändert.

In Bezug auf die Lehre braucht es methodische Konzepte, die einen Raum öffnen, in dem Studierende, Lehrende, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zusammenkommen, um an den zentralen Fragen gemeinsam zu forschen und neue Denkansätze in der Kooperation und im Austausch entwickeln zu können. Die Studie zeigt deutlich, dass es mehr Lehrkonzepte braucht, in denen ein kritisches, analytisches, aber auch kreatives Denken mittels eines kooperativen, multiperspektivischen Austauschs möglich ist.


1 Susan Sontag, Standpunkte beziehen – Fünf Essays, Reclam, Stuttgart 2016, S. 26.

2 Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückung – Bildung als Praxis der Freiheit, Rohwohlt, Hamburg 1973, S. 20

3 Megumi Kuwabara, Jannette Alonso, Ayala Darlene, Cultural Differences in Visual Contents in Picture Books, frontiers 25 February 2020, www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.00304/full

4 Ebd.

5 Ebd.

6 bell hooks, Die Welt verändern lernen – Bildung als Praxis der Freiheit, Unrast, Münster 2023, S. 42.

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Credits im Text
<![CDATA[White Boy, Pale Castle]]> https://gurk-halle.de/articles/white_boy_pale_castle https://gurk-halle.de/articles/white_boy_pale_castle Sat, 11 Jul 2026 09:20:51 GMT #DarkRomance #FatedLove #DarkPrince #GoldenBoy #BeautifulMonster #HauntedPast #EliteSchool #DarkAcademia #ObsessiveLove #FirstLove #BadBoy #Vampire

Als ich die Zusage erhielt, glaubte ich, mein Leben würde endlich beginnen. Dieses College war mein Traum. Ein Ort für die Besten. Für die Auserwählten. Für Menschen, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen und sich neu erschaffen wollten. Und genau das wollte ich. Neu werden. Neu beginnen. Frei sein.
Ich wusste nicht, dass meine Vergangenheit bereits auf mich wartete.

Das weiße Schloss

Der Palast erhob sich über dem Campus, wie ein Märchen aus Marmor. Seine weißen Wände glitzerten im Licht der Frühlingssonne. Alles wirkte makellos. Rein. Fast unwirklich. Ich konnte nicht fassen, dass dieser Moment gekommen war, das ich endlich hier war. Vor mir erhob sich das riesige Eingangsportal. Ich griff nach dem silbernen Türknauf und öffnete die hohe Glastür. Im Inneren des Palasts schlug mir plötzlich ein kalter Luftzug entgegen. Ein Schauder lief über meinen Rücken, die kleine Härchen an meinen Armen stellten sich auf. Und dann sah ich ihn. An einer Wand gelehnt. Eine Zigarette zwischen den Fingern. Als hätte er dort schon immer gestanden. Seine Augen waren eisblau. Seine Haut wirkte wie aus weißem Stein gemeißelt. Schönheit ohne Wärme. Auf seinen schmalen Lippen lag ein halbes Lächeln, während sein Blick auf mir ruhte. Hungrig. Er musterte mich wie ein Raubtier seine Beute.

Mein Herz setzte aus. Wie konnte er auch hier sein? Ich hatte geglaubt, dieser Ort würde mir gehören. Dass der Weg in diesen Palast ihm verwehrt bliebe. Dass ich endlich ein Kapitel aufschlagen könnte, in dem sein Name nicht mehr vorkam. Doch was ich damals nicht wusste: Der White Boy gehörte hierher. Vielleicht sogar mehr als ich.

Er war älter geworden. Sein Gesicht war härter. Die kurzen Haare von früher waren länger geworden und fielen ihm nun in hellen Strähnen ins Gesicht. Er sah nicht mehr aus wie der Junge aus dem Park. Er sah aus wie etwas, das in einem Schloss lebte. Wie ein Prinz hinter hohen Mauern. Jemand, der von den Türmen auf die Welt hinabblickte, als hätte er sie verstanden. Als hätte er jedes Leid gesehen, jede Wahrheit erkannt, jeden Winkel der Erde bereist. Als würde er nur darauf warten, von fernen Ländern zu erzählen. Von fremden Menschen. Von Dingen, die er schön fand, weil er sie nicht kannte und seine Fantasie darauf aufbauen konnte. Und als sich unsere Blicke trafen, wusste ich: Dieser Ort war sein Zuhause. Sein Palast.

Die Kreatur aus meinen Geschichten

Das erste Mal hatte ich ihn Jahre zuvor gesehen. Ein sonniger Nachmittag. Ich saß im Park und las. Mein Körper spürte seine Präsenz bevor ich ihn sah. Ich blickte auf, mein Blick traf seinen. Meine warmen braunen Augen seine kalten blauen. Mein Herz stockte. Er schimmerte im Licht und wirkte, als gehöre er nicht in meine Welt. Die Sonne verbrannte seine Haut, als würde das Licht ihn bestrafen. Seine Schultern wurden rosa, dann rot, dann schälten sie sich in dünnen Streifen. Trotzdem lag er stundenlang in der Sonne, rauchte Zigaretten und sah aus, als würde er leuchten. Ich konnte meinen Blick nicht mehr von ihm lösen. Ab dieser Begegnung tauchte er überall auf. Im Park. In den Straßen. An Bahnhöfen. Auf Partys. Er erinnerte mich an die Figuren aus meinen Büchern die traurigen Vampire, die verfluchten Prinzen, die Monster, die nur geliebt werden wollten. Diese Geschichten hatten von ihm erzählt. Sie hatten mir vorgegeben was meine Aufgabe war. Wie wichtig seine Existenz für die meiner war. Es gab keinen Ort mehr, an dem ich ihn nicht spürte. Keinen Moment mehr, in dem ich mich nicht nach ihm sehnte. Egal wo ich war er war auch dort. Und jedes Mal ruhte sein besitzender Blick auf mir. Er hatte sich in meinen Körper eingebrannt wie ein Mal was ich von nun an auf mir trug.

Der White Boy war zu Zentrum meines Daseins geworden. Alles was ich Tat tat ich für ihn, denn mir wurde versprochen das er mich komplett machen würde. Das ich durch ihn endlich einen Wert bekam.

Der Vampirkönig

Das erste Mal sprach er mich in einer Bar an. Es war spät. Die Nacht schien sein wahres Element zu sein. Tagsüber wirkte er schön. Nachts wirkte er mächtig. Sobald die Sonne den White Boy nicht mehr plagte,
bewegte er sich freier, als gäbe es nichts mehr, das ihn einschränken konnte.

Er stand mit dem Rücken zu mir an der Bar gelehnt, umgeben von seinen Freunden, seiner Gefolgschaft. Man traf ihn nie allein an. Blasse Jungen mit müden Augen. Sie folgten ihm durch die Straßen wie Wölfe ihrem König. Seine Wölfe waren ihm ergeben. Doch nicht Liebe hielt sie zusammen, sondern die Gier nach Macht. Sobald sie sich versammelten, schienen ihre Gedanken zu einer einzigen Stimme zu verschmelzen. Alles außerhalb ihres Kreises verlor an Bedeutung. Nur ihre Worte zählten. Nur ihre Meinungen wurden gehört, bestätigt und wiederholt. Sie verschlangen einander, ohne es zu bemerken, und alles, was in ihre Umlaufbahn geriet, wurde in ihren dunklen Strudel gezogen. Sie wussten genau, wie sie ihre Bahnen aufrechterhielten. Wie sie jemanden anlockten, einkreisten und umschlossen, bis kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Blicke fanden mich schnell. Sie musterten mich, umkreisten mich, als prüften sie, ob ich in ihr Revier gehörte. Ihre Münder waren zu schmalen Grinsen verzogen. Ihre hungrigen Gedanken standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Ich hätte gehen sollen. Meine Freund:innen waren längst verschwunden. Ich war allein. Schutzlos. Doch ich blieb. Wenn ich jetzt ging, würde ich für immer an die verpasste Möglichkeit denken. An das, was hätte sein können. Ich wollte ihm endlich gehören. Wollte in seinem Antlitz untergehen, mich vollständig in seiner Existenz auflösen.

Verloren in diesen Gedanken hob ich mein Glas an die Lippen. Der Weißwein benetzte meinen Mund. In diesem Moment spürte ich seinen Blick. Er hatte sich zu mir gedreht. Seine eisblauen Augen glitten über mein Gesicht und wanderten langsam an meinem Körper hinab. Auf seinen Lippen lag ein schmales Schmunzeln. In seinem Blick glänzte etwas Hungriges. Der White Boy hatte mich entdeckt. Er schob sein Rudel zur Seite, trat vor mich, sah auf mich hinunter und sagte: „Ich habe schon lange niemanden getroffen, den ich so attraktiv finde wie dich.“ 

Seine Stimme klang rau, als käme sie aus großer Ferne. Doch sie traf mich mit voller Wucht. Sie war das Versprechen all meiner Träume. Mein Herz setzte aus. Meine Existenz wich seiner. Seine Worte legten sich um mich wie ein Zauber. Er hatte mich ausgewählt. Aus all den Menschen in diesem Raum hatte er mich gesehen. Damals fühlte es sich wie eine Liebeserklärung an. Heute klingt es wie eine Warnung.

Doch der White Boy hatte mich bereits in seinen Bann gezogen. Meine Realität begann in seiner aufzugehen. Ich hatte geglaubt, gewählt zu werden, sei dasselbe wie geliebt zu werden.

Der weiße Turm

Der White Boy brachte mich in sein Reich. Ein Apartment hoch über der Stadt. Ein weißer Turm. Wenn ich dort mit ihm war, fühlte ich mich ihm nahe. Die Kälte seines Turms umhüllte mich und betäubte die Gedanken an meine eigene Welt. Seine Welt war die einzige, die für mich existierte. Sobald die Dunkelheit hereinbrach, verschwand alles außerhalb seines Turms. Es gab nur noch ihn, mich und seine Träume.

Sein Turm war voller Trophäen. Stolz zeigte er mir jede einzelne, und ich bewunderte sie ebenso wie die Geschichten seiner Errungenschaften. Er redete, ich hörte zu. Oft verstand ich seine Worte nicht vollständig, doch sie klangen so schön, dass ich ihnen glaubte. Er war älter als ich, weiser als ich und schien die Welt besser zu verstehen. Also hielt ich seine Existenz zusammen, als hinge auch meine von ihr ab. 

Pferd in neblingen Wald. Text über Bild:

Nachts kochten wir oft in seinem weißen Turm. Die Küche war klein. Schwummriges Licht fiel auf die Arbeitsflächen, die Fenster waren verhängt. Meine eigene Realität verlor dort ihre Bedeutung. Es gab nur noch den Traum des White Boy.

Eines Abends öffnete er ein blechernes Gefäß aus seiner Kindheit. Darin lag seine liebste Delikatesse: kleine Teigtaschen, bleich wie seine Marmorhaut, schwimmend in einer Soße, rot wie frisches Blut. Das Metall der Dose war kalt wie seine eisblauen Augen, wenn er nachts ins Leere blickte und von der Grausamkeit dieser Welt sprach, als sei nur er dazu verdammt, sie zu fühlen.

Er erwärmte das Gericht langsam auf dem Herd, als vollziehe er ein uraltes Ritual. Dann fütterte er mich mit einer silbernen Gabel, als wäre ich ein kleines Geschöpf aus dem Wald, das sich in sein Schloss verirrt hatte. Tomatensoße glänzte rot auf seinen Lippen. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen.

Ein anderes Mal brachte ich ihm eine Frucht mit. Sie war ihm fremd. Ich versuchte ihm zu zeigen, wie man sie zubereitete, wollte ihm etwas aus meiner Welt mitbringen. Doch der White Boy hörte selten zu. Die
Klinge glitt ab und schnitt in seine Hand. Blut rann über seine blasse Haut. Dunkelrot. Er lachte nur.

Schmerz empfand der White Boy nur dann, wenn er nicht bekam, was er wollte.

In seinem Schloss sprach er stundenlang über das Leid der Welt. Über Ungerechtigkeit, Kriege, Armut und das Böse in den Menschen. Er erzählte von den Ländern, die er bereist hatte, von Elend und Verlust, die er dort gesehen haben wollte. Er sprach wie ein verfluchter Prinz, der die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern trug. In seiner Welt trug er diese Last allein, denn in seiner Welt gab es nur ihn.

Und ich glaubte ihm. Ich ließ mich auf seine Erzählungen ein. Wer, wenn nicht der White Boy, wusste, wie das Universum funktionierte? Denn er war der Mittelpunkt meines. Ich dachte, wenn ich sprach, würde er irgendwann auch mir zuhören. Doch meine Aufgabe bestand darin, ihn vor dem Elend der Welt zu bewahren. Eines Nachts sprach auch ich. Ich erzählte ihm, wie fremd ich mich in seiner Welt fühlte. Wie oft ich daran erinnert wurde, dass ich nicht in sie passte. Dass die Blicke seiner Kreaturen meine bloße Existenz bestrafen wollten. Er sah mich an. Seine Augen waren tief wie ein stilles Meer, in dem ich versank. Sein Blick verschwamm, als würden die Wellen, die ich in seine Welt brachte, ihn überwältigen. Er legte den Kopf in meinen Schoß, vergrub sein Gesicht in mir und begann zu weinen. Seine bleiernen Tränen brannten auf meiner goldenen Haut. Das Schluchzen des White Boy erfüllte die Stille der Nacht.

Meine Lebensrealität brachte seine Welt zum Reißen.

Also tröstete ich ihn. Ich versuchte, die Risse in seinem Palast wieder zu schließen. Ich tröstete den White Boy, weil ihn mein Schmerz traurig machte. Weil es meine Aufgabe war, ihn zusammenzuhalten und seine Welt vor meiner zu beschützen.

Denn wenn der White Boy zerbrach, zerbrach auch ich.

Das Schloss der Ahnen

Seine Familie lebte in einem Haus voller Porträts. Generationen blasser Gesichter blickten von den Wänden herab. Männer mit schmalen Nasen. Frauen mit hellen Augen. Alle als wären sie aus dem selbem Mamor geschlagen wie er.
Ich fühlte mich dort wie eine Eindringling. Wie jemand, der versehentlich einen verbotenen Raum betreten hatte. Sie musterten mich, blickten mich an bis ich weg sah. Fragten nach meinen Eltern, fragten nach meiner Herkunft waren nie zufrieden mit meiner Antwort.

Pferd an einem Bergsee. Text über Bild:

Sein Vater sprach oft über die Fremden, die Eindringlinge, die nicht in seinen Palast gehörten. Alle wussten, wen er meinte. Wenn ich nicht hinsah sahen sie mich an, ich spürte ihr Blick, sie brannten sich in meine Haut wie die Sonnenstrahlen die sich in ihre brannte. 

Seine Worte trafen mich wie Pfeile, ließen mich mit blutenden Wunden zurück. Doch niemand hielt ihn auf. Niemand widersprach. Niemand sagte etwas. Der White Boy schwieg. Und ich schwieg ebenfalls. Mit der Zeit wurde Schweigen leichter. Ich hatte gelernt, wie man in Schlössern überlebt, dessen Mauer gebaut waren um mich fern zu halten. Ich wurde kleiner. Leiser. Unsichtbarer. Während der White Boy immer weiter über Liebe sprach. Von Gleichheit. Von Mitgefühl. Er sprach über die Grausamkeit der Welt. Während die Dunkelheit in seinem eigenen Schloss unbemerkt blieb.

Die Sammlung

Mit der Zeit begann ich Dinge zu bemerken.
Ich verstand nie, warum er mich wollte. Wir hatten nichts gemeinsam. Seine Welt bestand aus Menschen wie ihm. Blassen Gesichtern. Alten Familien. Und trotzdem begehrte er Frauen wie mich. Er fragte, ob meine Haare echt seien. Strich durch meine Locken, als hätte er etwas fremdes entdeckt was es galt zu besitzen. Er sah mich an, als wäre ich keine Person. Sondern eine Fantasie. Dass so etwas in seiner Welt existieren konnte, schien ihn zu faszinieren. Manchmal hielt er seinen hellen Arm neben meinen und strich über meine Haut, als würde er etwas betrachten, das nicht ganz real war. Er sah mich an, als wäre ich keine Person, sondern eine Fantasie. Eine Vorstellung. Er erzählte mir, dass er von mir träumte. Dass ich sein Schatz sei. Seine Trophäe. Da verstand ich.

Er hatte nie wirklich mich gemeint. Nicht mich als Mensch. Er meinte die Vorstellung von mir. Das Bild, das er sich erschaffen hatte. Die Projektion. Den Traum, den er in seinem eigenen Turm zusammengesponnen hatte. In seinen Blicken schien oft nur mein Körper zu existieren, etwas für ihn Fremdes, Begehrenswertes, Etwas, das perfekt auf seine Fantasie zugeschnitten war. Und ich war nicht die Einzige.

Er sammelte uns wie Trophäen. Er sah sie als Objekte seiner Begierde die Sehnsucht verkörperte, die mehr mit ihm zu tun hatte als mit uns selbst.

Das Monster

Der White Boy wollte besitzen, nicht verstehen. Wenn ich widersprach, wurde er traurig, dann wütend. Wenn ich Abstand brauchte, wurde er verzweifelt. Wenn ich ging, verglühte sein Herz, und seine Sehnsucht nach mir verwandelte sich in Hass. Seine Fantasie wurde zu meinem Albtraum. 

Er wusste nicht, damit umzugehen, wenn ich nicht mehr das Objekt seiner Begierde war. Wenn ich mich entfernte, zog er mich zurück. Immer wieder. Wie ein Fluch. Und ich blieb. Weil ich dachte, Liebe müsse weh tun. Weil alle Geschichten mir das erzählt hatten. Die Bücher. Die Filme. Die Vampire. Die Monster. Doch mit der Zeit verlor seine Schönheit ihren Zauber. Sein Schloss bekam Risse. Er warf die Gefäße seiner Fantasien gegen die Wände seines Turms. Sie zersprangen in Trümmer, und mit jedem weiteren Wurf riss er ein immer größeres Loch in seinen Palast. Seine Worte klangen hohl. Er sprach von Liebe. Doch was ich in seinen Augen sah, war Hunger. Ich sah ihn nicht als Gott. Nicht als Vampirkönig. Nicht als verfluchten Prinzen. Sondern als Mann. Und mit diesem Blick zerbrach das Schloss. Die Mauern stürzten nicht an einem einzigen Tag ein. Sie zerfielen langsam. Stein für Stein. Wort für Wort. Bis nichts mehr übrig blieb, außer einer Ruine. Und inmitten dieser Ruine stand der White Boy. Nicht mächtig. Nicht göttlich. Nur ein Junge, der sein Spiegelbild für ein Königreich gehalten hatte.

Epilog

Ich drehte mich um und verließ seinen Palast, vielleicht war es nie ein Palast gewesen. Vielleicht war es von Anfang an nur eine Ruine. Ein Ort, der aus seinen unerfüllbaren Sehnsüchten gebaut worden war. Aus Projektionen. Aus Hunger.

Manchmal sehe ich ihn noch.

Den White Boy.

Nachts. Er ist immer noch auf der Jagd. Läuft mit seinem Gefolge durch die dunklen Gassen. Gierige Blicke auf meinem Körper. Doch das Mal, was er einst hinterließ war verblasst, nur eine kleine Narbe blieb zurück, die unter dem Blick brannte. Und wenn sie brannte frage ich mich, ob Vampire jemals wirklich lieben können. Oder ob sie dazu verdammt sind, ewig nach etwas zu suchen, das sie niemals besitzen werden. Dann schließe ich die Augen. Und irgendwo in der Ferne sehe ich das weiße Schloss. Seine Tür steht offen. Als würde es noch immer auf mich warten. Als würde es glauben, ich könnte zurückkehren. Doch diesmal kenne ich den Weg hinaus. Doch diesmal gehe ich nicht hinein.

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<![CDATA[Contemporary Housing]]> https://gurk-halle.de/articles/contemporary_housing https://gurk-halle.de/articles/contemporary_housing Fri, 10 Jul 2026 17:04:43 GMT Text von sven k. (2026)

always four of us maybe three maybe two
Zahlen sind Zähne
du musst sie nur richtig verschieben
verschieben bis sie knirschen
verschieben bis sie zermahlen sind
mit Abstand sind es doch wieder Berge
und mit der nötigen Distanz sind es dann wieder Wolken aber es ist nicht mit regen zu rechnen
15:03:02 es wird kein regen geben
15:14:31
Zahlensysteme sind vorgegeben
und ich kann immer nur an zehn denken
zehn Zähne
aber die Haufen die ich hinterlasse sind meine Haufen sind publizierte Reiseerinnerungen
wo meine Haufen jetzt wohl sind?
dein ist jetzt mein
im Urlaub sind es Muscheln und hier Steine
returning the stone
vielleicht sollte ich einmal alle meine Steine und Muscheln zurückbringen dann war ich wohl dieses Contemporary Housing
und habe sie verschoben und transportiert

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<![CDATA[Oma]]> https://gurk-halle.de/articles/oma https://gurk-halle.de/articles/oma Fri, 10 Jul 2026 17:06:28 GMT Text von Ela Sevim Kapici

Ich kann dir deine Trauer nicht nehmen.
Das letzte Mal als ich sie sah, sagte ich, Gott solle 
ein paar Jahre meines Lebens ihr schenken.
Ich bekam dafür Ärger von Papa, aber ich meinte es ernst.
Sie hatte mich nicht ganz verstanden _ ich weiß nicht, 
ob sie ihr Hörgerät drinnen hatte.
Sie entschuldigte sich, dass ich sie so sehen musste.
Sie schämte sich; es brach mir das herz.
Es ekelte mich gar nicht an, sie im Bett Zähneputzen zu sehen.
Mich störte, dass sie nicht anders konnte.
Mich störten die ganzen Medikamente _ die Hälfte davon, 
um den Nebenwirkungen entgegenzuwirken.
Die Woche drauf besuchte ich sie nicht.
Ein paar Wochen später saß ich in diesem viel zu langsamen 
Zug, meinen weinenden Papa in meinen Ohren der sagte, 
ich solle nicht kommen.
Als ich ankam, traf es mich wie einen Schlag.
Oma hob noch ihren Arm, als ich reinkam _ eine Reaktion
vielleicht.
Ihr fehlten die oberen Zähne.
Ihr Wixxer Zahnarzt wollte nicht vorbeikommen, um sie einzusetzen;
dafür müsse sie schon selber kommen.
Meine Oma, die sich die Hüfte gebrochen hatte und im Sterben lag.
Im sterben liegen. Das ist komisch.
Stundenlang vor der Intensivstation zu sitzen und zu warten.
Warten auf Besserung oder den Tod und irgendwie wartet man
einfach, weil man ja auch nicht weiß wohin.
Ihr Körper wollte nicht mehr. Wir dachten, sie würde das schon
packen, es schien so als würde sie uns was erzählen wollen.
Ich rief meine Brüder an, sie sollen kommen, um sich zu
verabschieden.
Alle viel zu weit weg.
Und dann kam auch schon die Frage, 
wer ist der Sohn von Frau Kapici.
Wir sollen uns entscheiden, 
ob wir die Geräte laufen lassen wollen.
Ist das denn kein Mord?
Wann hört das Leben denn auf?
Sie roch schon so kalt und war so nass geschwitzt.
Meine Oma, meine Wurzel.
Ein leben voller leid. Ein Leben und kein ankommen. 
Alles immer fremd und einsam.
Eine riesen Last und dennoch brachte sie mich immer zum lachen.
Die Finger mit Henna bemalt.
Die Haare_ Ich kämmte noch ihre Haare und stricht ihr übers Gesicht;
Versuchte sie mir einzuprägen,
Aber doch bitte nicht so_
Das schwere Atmen; 
das laute piepsen der Maschinen;
 ihre kalte, angeschwollene Hand, die trockene Zunge; 
der offene Mund; der Schlauch in ihrer Nase;
Die vorsichtigen Berührungen; 
der Schock, der Kontrollverlust.
All die Taschentücher _ nie reichten sie aus, diese weichen
Taschentücher, die meiner wunden Nase 
und den geschwollenen Augen
ein wenig Schutz spendeten.
Nichts reicht aus.
Etwas geht verloren und niemand weiß davon.
Ein Teil von mir ist für immer nicht da und alles, was ich habe,
sind die verblassenden Erinnerungen, die ich nicht festhalten
kann.
Alles was ich habe ist diese riesige Wut.
Alles, was ich habe ist ganz leise.
Text von Ela Sevim Kapici

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<![CDATA[Ausländer Behörde]]> https://gurk-halle.de/articles/auslaender_behoerde https://gurk-halle.de/articles/auslaender_behoerde Thu, 16 Jul 2026 22:12:36 GMT I take tram nine from Marktplatz and find an empty seat. I rarely take this route since I live in Innenstadt, apparently it is very popular. A group of teenage boys starts to walk down the tram, they look at me as if I’m an intruder in their house. More people come in and the teenage boys bunch around my seat while speaking Turkish to each other. Inconveniently for me, they occupy the space around and above me, and I stay in my seat trying not to inconvenience to them.

One of them, probably around twelve years old (I am impressed by how casually he’s wearing a leopard shirt with matching leopard shorts) takes out his phone and starts scrolling through TikTok with the sound on. The tram fills up with snippets of songs and noises, one abruptly follows the other, a high pitched American voice gets interrupted by a low Turkish voice, German rap follows, then American English again. The other two boys next to me seem to be arguing with each other, or maybe they are just eagerly discussing something. Both act as if they own this crowded tiktok-bewitched tram. When they speak to each other, their bodies are involved: their hands gesture in front of my face and above me, they shift from foot to foot as if impatient. They own this tram and this space around me and above my head. I sit and listen, identifying familiar words. I wonder if we are going to the same place, but they seem too restless and self-assured. The smell of teenage sweat mixed with cheap perfume makes me envy their confidence. The smell of my adult sweat and expensive perfume makes me feel insignificant.

They leave at the stop Schwimmhalle, still talking and simultaneously watching TikToks, they go in the direction of the mall. Good for them. I also leave at this stop, but my destination is a bit further away. I know the place, I’ve been here several times already. A couple next to me is going in the same direction as I am, they talk to each other calmly, with no hand gestures. Their hands are busy with colorful plastic folders: light pink and bright green. She is wearing a dark brown headscarf, the makeup is impeccable. I also have my plastic folder. It is matte black and awaiting to be bothered in my backpack. I also did my makeup today, it does not look as good as hers, but I know that both of us are getting photographed today.

I see the colorful building of a swimming pool and turn right, because I already know the shortcut. Another brown man with a plastic folder joins my path — it is not his first time as well. His folder is also thicker than mine. We reach our destination without checking our phones for directions, we know where we are going. We sit there — me, the guy with a thick folder, the couple with pink and green folders, forty other people of color that make up about 80% of everyone in the room, all with our coloured folders. We sit and wait until somebody tells us what to do. Here, people do not feel like they own the place, in fact, they act as if they don’t own anything.

There is no smell, the walls are painted with brick red paint, the chairs are cushioned with fabric that matches the colour of the walls. Ugly. The seats are stained with sweat and dirt. It is unpleasant to sit on the stains when everything smells of nothing. All of us here have nothing to do but sit and wait. I see people sitting in groups quietly exchanging short words. A family of three: young couple and their child. The boy is around seven years old. I try to imagine what their house looks like. Somewhere quiet and clean, no stains on the cushioned chairs, plywood kitchen cabinets, all of them are carefully closed and no crumbs are left on the table after breakfast. Their fridge is filled with greens that you can only buy in Asia-Markt on Tuesdays, and a cabinet under the sink has a bin specifically for (un)wanted plastic bags of different colors. The boy is too young to be on Tiktok, but sometimes he is allowed to watch Peppa Wutz before school. The family gets called out by a man in uniform.

Sprecht ihr Deutsch?", all three of them nod in agreement and another man in uniform leads them somewhere behind the walls. I can’t see them anymore — gray movable walls divide the big space into two parts: one with stained seats and another with office chairs. Air is the only thing we share with the people in the office chairs.

To talk to people in the office chairs a special operation must be followed. All people from the stained seats have to first, apply for a Termin, and then:

  1. Wait until the Termin is given (time and date cannot be chosen).
  2. Collect a folder of papers (the combination and number of papers differs from person to person, it may take weeks or months to collect them).
  3. Wait until the allocated time and date.
  4. Wait until they are allowed to enter the building after proving their identity to a man in uniform.
  5. Wait until another man in uniform calls their name.
  6. Wait until another man in uniform leads them to the person in an office chair.

The procedure must be repeated if the person in the office chair is left unsatisfied. In case of positive resolution of the initial procedure, one must bear in mind that the satisfaction of the person in the office chair almost always has an expiration date, therefore the procedure must be repeated periodically. The process can take an indefinite amount of time, yet the time required to complete the procedure is definite.

 I cannot help but remember hours spent in Russische Botschaft in Berlin. You arrive at Brandenburger Tor, feel like a naive tourist approaching the gate and then take a left turn. As soon as the street opens to you, you can suspect anyone on it of being a fellow Russian. My gaze lands on a family of three. They are silently walking down the street a couple of steps ahead of me. They are Russian. You see it in the woman's golden jewelry with diamonds paired up with an everyday flower-top, you know it from her dyed red hair, and her freshly manicured hand that is holding a bright red plastic folder. Her husband is clenching a handle of a fully stuffed black leather briefcase, the other hand is holding his child’s wrist. The girl, not older than seven, is dragging after her arm that is tightly clasped by her father.

They walk quickly, in short strides. I don’t have enough time to look at the parents’ faces, but I bet they have stopped fighting right before they made a turn to Behrenstraße.

There’s already a crowd at the entrance of the Botschaft. A corridor of metal fences is constructed right in front of the door, so people could form a line. The entrance to the corridor is locked, so naturally people are scattered in disorganised groups around the fences. Everyone is speaking Russian, tightly clenching their red passports. I take out mine as well. A man in uniform lets people in one by one after checking our small red books. Everyone walks through a metal detector. Bag check. Pat down. Third floor to the left.

Стены покрыты щебенкой, пахнет старой женщиной; за перегородкой с окошками, обрамленными в каменные рамы, сотрудники говорят механическими голосами в микрофоны. Вызывают мою фамилию, мужчина за окном молча показывает на табличку «положите документы в лоток и сядьте на место», подчиняюсь. Два ребенка спят, качаясь на руках матерей, даже не подозревая, что прямо перед ними женщина и её муж разводят старую бабушку на квартиру. Та даже не понимает, что подписывает. 

Кавказская женщина суетливо бегает от окна к окну, перебирая и приглаживая свои бордовые волосы она ищет с кем поговорить, параллельно снимает комочки туши с густо накрашенных ресниц. Улыбается мне — я улыбаюсь в ответ, вспоминая маму. В молодости у неё были такие же мягкие красные волосы. Однажды на рынке ее назвали армянкой, и она перекрасилась, но армянкой называть её от этого не перестали. Красноволосая женщина поворачивается к мужу и нахмуренно жестикулирует ему: «Ты чё стоишь без дела?». Меня направляют в следующее окно, показывают на табличку: «75 евро». Кавказская женщина тут как тут, любовно рассматривает мои короткие голые ногти пока я набираю пин-код на терминале.

Обратно в предыдущее окно. Мужчина за стеклом достает из-под стола еще одну табличку и отворачивается «Подпишите соглашение, положите его вместе с чеком в лоток. Пройдите на фотографию». Из другого конца зала слышно, как красноволосая женщина ругается с кем-то за окном.

«А что если я не умею читать? Почему вы со мной нормально не разговариваете? Вы что, немой?»

Фотографируюсь на большой сенсорный экран, пока младенцы перекрикивают друг друга. Чьи-то дети познакомились и играют в догонялки носясь по залу. Я сделала уже четыре разные фотографии, ни одна мне не нравится. Матери младенцев, кавказская семья, бегающие дети, бабушка и её предприимчивая семья — все наблюдают за моими неудачными селфи на большом экране. Наверное, здесь не часто бывают лысые кавказские девушки. Делаю пятую попытку, она еще хуже, чем прошлые. Скорее нажимаю «готово» и снова иду к молчаливому мужчине за окном, он указывает на кресла за мной: опять ждать.

Сушилка для рук включается, когда я открываю дверь в туалет. На деревянную дверь наклеен лист А4, где жирным курсивом написано:

RAUCHEN VERBOTEN!
НЕ КУРИТЬ! 
FEUWEHRALARM SCHALTET SICH AUTOMATISCH AN! 

Пропущенная буква “R” в слове Feuerwehralarm пририсована сверху простым карандашом. Сушилка для рук продолжает заполнять пространство обжигающим воздухом. Я смотрю на свои разгоряченные щеки в зеркало, оно кривое, как те, что стояли раньше в парке Горького. Голова растянута в форме яйца, оно красное, как пасхальное. Надеюсь, мне больше не придется сюда возвращаться.

Ausländerbehörde does not smell of any sweat or perfume, it’s only this thick air. But it is not hot and sticky like the air in my small bedroom on a warm rainy day, no, it's concentrated, as if there isn’t enough room for all the molecules in here. They are sitting close to each other, vibrating from all the energy inside them, inevitably touching each others’ molecular shoulders and stepping on each others’ molecular toes. They can’t really do anything about it — what could they? No one is allowed to open a window or a door to lüften. The particles are just left to tremble in their designated places. That is how the air feels.

More people come into the room and sit down on the dirty cushioned chairs. While I wait for my turn to speak to the person in the office chair, I hear Russian speech. Ukrainian family. Two women, one of them is older, and a man. A friend from Hannover is visiting, I overhear. They plan a menu and put together a grocery list. I imagine their house: it is cozy and warm, floral tablecloth on the kitchen table with four wooden stools around it, a huge plant next to the fridge, and a pile of slippers in the corridor.

Frau Kuranova!”, we lock eyes with the man in uniform. He will hand me over to another man, and then that one will lead me to the one sitting in the office chair behind the wall. The man in the chair will be left satisfied with my case, but his satisfaction will only last a year till I will have to come back to this place again.


The text is a part of the book “Hallo, Mein Name ist Lesya, ich komme aus Russland und studiere Grafikdesign” by Lesya Kuranova, which she wrote and designed as her Master's thesis. The book consists of short notes and autofictional stories that give a glimpse into Lesya’s life since migrating to Germany. From observations gathered during unavoidable visits to Ausländerbehörde to doubts, accompanying professional identity crisis — everything gets woven into a net of (un)relatable experiences. Lesya graduated from the Masterstudiengang “Visual Strategies and Stories” at Burg in March 2026.

Since the number of printed copies was so limited, feel free to email Lesya [ lesyakuranova@gmail.com ] to get a full PDF of the book.

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<![CDATA[Eşim Karakuyu]]> https://gurk-halle.de/articles/esim_karakuyu https://gurk-halle.de/articles/esim_karakuyu Sun, 12 Jul 2026 21:18:58 GMT

Sketchnote von Jana Mitnacht zum Vortrag von Esim Karakuyu im Rahmen der migrationspädagogischen Fachtagung in Wien am 30.05.2026
Literatur: Karakuyu, Glanzl, Reicher: Die alternative Held:innenreise. Digital Storytelling von Unten (2025). @abladeinesvertrauens

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<![CDATA[Schreib heute noch fünf Kommentare]]> https://gurk-halle.de/articles/schreib_heute_noch_fuenf_kommentare https://gurk-halle.de/articles/schreib_heute_noch_fuenf_kommentare Sun, 12 Jul 2026 21:19:46 GMT

Text von Caspar Weimann

Es ist schon irgendwie bemerkenswert, wie nachhaltig und effektiv rechte Netzwerke Ende der 10er Jahre mit ihren organisierten Hassattacken in Kommentarspalten waren. Es ging ihnen damals nicht nur darum, ihre Themen aggressiv in den Mainstream-Diskurs zu ziehen. Es ging ihnen auch nicht nur darum, einzelnen Menschen schwer zuzusetzen und sie so aus diesem Diskurs rauszuziehen. Es ging ihnen auch und vor allem darum, den Diskurs selbst zu vergiften. Hass und Missachtung in Kommentarspalten sind nicht nur alltäglich, sondern ein von der breiten Öffentlichkeit getragener Status Quo im Umgang miteinander.

Kommentarspalten sind ein bisschen wie Straßenbahnen. Wir sind da relativ anonym unterwegs und manchmal (in Kommentarspalten wesentlich öfter als in Straßenbahnen) pöbelt jemand rum, beleidigt, attackiert. Was ist in der Straßenbahn das beschissenste, was man dann machen kann? Weggucken. Und was machen wir in Kommentarspalten? Lieber nichts, ich bin gar nicht hier, ich swipe weiter. Unsere Anonymität schützt uns vor der Verantwortung, die wir zur Mitgestaltung und zur Deeskalation des Raumes tragen. Die Wahrscheinlichkeit, dass du (ja du, liebe*r anonyme*r Leser*in) überhaupt regelmäßig Kommentare unter Posts schreibst, die nicht von deinen Friends sind, ist extrem gering. Und so können wir nicht weitermachen. Zumindest dann nicht, wenn wir ein ehrliches Interesse daran haben, dieser rechten Vormacht auf Social Media etwas entgegenzusetzen. Die Faschos kommentieren am laufenden Band, die meisten Antifaschos haben Angst davor, in den Diskurs zu gehen und sich dabei vielleicht selbst zur Zielscheibe zu machen. Und – don’t get me wrong – ich checke! Vor allem, wenn man zu einer Personengruppe gehört, die marginalisiert wird, macht man sich halt auch zur Zielscheibe. Seine Stimme zu erheben bedeutet laut zu sein. Laut zu sein bedeutet, Aufmerksamkeit zu ziehen. Und diese Aufmerksamkeit kann ganz schnell die Aufmerksamkeit von Leuten sein, die sich darauf einen abwichsen, dir zu sagen, dass sie dich am liebsten abknallen würden. So funktioniert diese Vorherrschaft der Gewalt: Sie nimmt sich Raum, in dem sie andere Stimmen mittels Angsteinflößen verdrängt.

Diese Angst müssen wir überwinden. Und wenn wir uns dabei nicht selbst zur Zielscheibe machen wollen, dann mit Fake Profilen. Kennst du diese geilen Vorbilder von Zivilcourage in Straßenbahnen? Diese Leute, die dagegenreden? Die es irgendwie schaffen, die Aufmerksamkeit so effektiv in eine andere Richtung lenken? Die Pöbler zur Verantwortung ziehen? Diese Leute müssen wir online sein. Kennst du das Gefühl, dich durch eine Kommentarspalte zu swipen in der Hoffnung, dass es da auch nur eine einzige vernünftige Stimme gibt? Diese Stimme musst du sein.

Das hier ist ein Plädoyer fürs Gegenreden. Ein hasserfülltes und missachtendes Miteinander verunmöglicht Begegnung, verunmöglicht Respektaufbau.

In den Hassattacken, die ich abbekommen habe, habe ich eine Beobachtung gemacht, die mir krass hilft: Wenn die Leute mich angreifen, greifen sie nicht wirklich mich an. Sie greifen das Bild an, was sie von mir haben. Sie greifen den Linksfaschisten an, den Gutmenschen, den naiven Systemling. Wenn ich es schaffe, nicht auf diesen Hass reinzufallen, sondern in meiner Antwort radikal respektvoll bleibe, verändert sich ihr Ton. Den Hass auf dieses Bild, was sie von mir haben, den haben sie gelernt. Und zwar von rechten Netzwerken, mittlerweile in einem Zeitraum von über zehn Jahren, in denen wir alle in dieser Straßenbahn immer aggressiver, immer angriffslustiger, immer zynischer und immer gleichgültiger wurden. Radikale Empathie in Kommentarspalten ist antifaschistische Praxis.

Text von Caspar Weimann

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<![CDATA[Neue Wahl gleiche Rektorin]]> https://gurk-halle.de/articles/neue_wahl_gleiche_rektorin https://gurk-halle.de/articles/neue_wahl_gleiche_rektorin Sun, 12 Jul 2026 21:21:15 GMT Interview durch Redaktionsteam der Gurk

Professorin Bettina Erzgräber kandidiert als einzige Bewerberin für eine weitere Amtszeit als Rektorin der Burg 2026-2030. Wir wollten die Gelegenheit nutzen, um mit ihr vor dem Wahl über ihre bisherige Amtszeit und die damit verbundene Entwicklung der Hochschule zu sprechen. Der Austausch fand über schriftlichen Weg statt.

1- Welche drei konkreten Ziele setzen Sie sich für eine mögliche nächste Amtszeit? Welche messbaren Indikatoren würden Sie heranziehen, um am Ende der Amtszeit zu bewerten, ob diese Ziele erreicht wurden?

Eine zentrale Aufgabe für die kommenden vier Jahre ist die Umsetzung des Neubauvorhabens am Campus Kunst einschließlich aller vorbereitenden Maßnahmen, insbesondere des Umzugs der Nutzer*innen des Weißen Hauses und des bevorstehenden Abrisses des Gebäudes.

Der Fortschritt dieses Vorhabens wird unmittelbar sichtbar und ist daher vergleichsweise leicht messbar. Weitere wichtige Ziele sind die Stärkung der künstlerischen, gestalterischen und wissenschaftlichen Forschung, die Weiterentwicklung nachhaltiger Hochschulstrukturen sowie die Förderung einer offenen und dialogorientierten Kommunikationskultur, die den Austausch zwischen allen Statusgruppen fördert. Für die Bereiche Forschung und Nachhaltigkeit können beispielsweise die Anzahl erfolgreich realisierter (Drittmittel)-Projekte, Publikationen und Forschungskooperationen als Indikatoren dienen.

Die Entwicklung der Kommunikationskultur möchte ich unter anderem durch regelmäßige Vollversammlungen und weitere Beteiligungsformate fördern. Hier können die durchgeführten Formate, die Beteiligung der Hochschulangehörigen sowie Rückmeldungen zu den Veranstaltungen Hinweise auf den Erfolg geben.

2- Welches Vorhaben Ihrer bisherigen Amtszeit ist aus Ihrer Sicht deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Ein Bereich, in dem ich mir mehr Fortschritte gewünscht hätte, sind die Fördermöglichkeiten für Studierende. Zwar ist die Zahl der Stipendiat*innen der Studienstiftung gestiegen, gleichzeitig sind jedoch die Deutschlandstipendien sowie die Unterstützung durch die Freunde und Förderer der BURG zurückgegangen.

Mein Ziel ist es, neue Förderstrukturen aufzubauen und Kooperationen mit externen Partner*innen zu stärken, um Studierende künftig besser unterstützen zu können.

4- Sie sind die einzige Kandidatin für das Amt. Warum glauben Sie, dass es keine Gegenkandidatur gibt, und sehen Sie darin ein Zeichen von Vertrauen oder eher ein Problem für die demokratische Kultur der Hochschule?

Die Zahl der Kandidat*innen sagt nicht zwangsläufig etwas über die demokratische Kultur einer Hochschule aus. Die Frage ist eher, wer sich in der aktuellen Situation vorstellen kann und möchte, die Verantwortung für die Leitung der BURG zu übernehmen.

Als Rektorin repräsentiere ich die BURG. Die Arbeit wird jedoch von einem Team getragen, das mehr als nur einen Bereich der Hochschule repräsentiert. Deshalb möchte ich an dieser Stelle insbesondere die Zusammenarbeit mit den Prorektor*innen Prof. Dr. Veronica Biermann, Prof. Tilo Baumgärtel und Prof. Matthias Görlich sowie mit dem Kanzler Dr. Stefan Danz hervorheben.

Gemeinsam haben wir wichtige Grundlagen geschaffen, etwa bei langfristigen Entwicklungsprozessen der Hochschule und bei zentralen Zukunftsprojekten wie dem Neubau. Diese Arbeit soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.

3- In welchen Bereichen sehen Sie aktuell die größten strukturellen Probleme der Burg – beispielsweise bei Transparenz, Kommunikation, Lehre oder Teilzeitstudium – und welche konkreten Maßnahmen werden Sie dagegen umsetzen?

Rückblickend hätte ich mir gewünscht, dass die Evaluierungsordnung schneller umgesetzt wird. Die Verzögerungen haben bei Studierenden und Lehrenden zu Unsicherheiten geführt.

Die weiteren genannten Punkte wurden auf Grundlage der geltenden Regelungen unserer Hochschule, insbesondere der Hausordnung, entschieden. Die darüber entstandenen Debatten sind Ausdruck unterschiedlicher Erwartungen und gehören zu einer lebendigen Hochschulkultur.

5- Wenn Sie heute nicht Rektorin der Burg wären: Welche Entscheidung oder Entwicklung der Hochschulleitung der vergangenen vier Jahre würden Sie rückblickend am kritischsten bewerten – beispielsweise das Abhängen kritischer Plakate, den Umgang mit dem Druck der „Gurk“, die über lange Zeit nicht umgesetzte Evaluierungsordnung oder die Demontage der ­Plakatwand vor dem NLG-Gebäude?

Diese Frage möchte ich auf drei Ebenen beantworten.

Die erste Ebene betrifft mich selbst. In meiner ersten Amtszeit als Rektorin war ich wenig in die Lehre eingebunden. Dadurch fehlte mir ein wichtiger direkter Kontakt zu den Studierenden und ihrem Studienalltag. Das möchte ich ändern, indem ich wieder verstärkt Lehrveranstaltungen übernehme und dadurch näher an den Themen, Anliegen und Herausforderungen der Studierenden bin.

Die zweite Ebene betrifft die bestehenden Strukturen der Hochschule. Wir verfügen bereits über zahlreiche Kommissionen, Arbeitsgruppen und Beteiligungsformate. Ich möchte diese Strukturen stärker begleiten, ihre Arbeit sichtbarer machen und die Beteiligung fördern. Gleichzeitig werden wir prüfen, an welchen Stellen neue Arbeitsgruppen sinnvoll sind, damit strukturelle Fragen transparent, kontinuierlich und gemeinsam bearbeitet werden können.

Die dritte Ebene betrifft die gesamte Hochschulgemeinschaft. Ich möchte ein regelmäßiges, vom Rektorat organisiertes Forum etablieren, in dem Studierende, Lehrende und Mitarbeitende zusammenkommen können, um über Entwicklungen, Herausforderungen und Zukunftsthemen der BURG ins Gespräch zu kommen. Ein solcher Raum kann Transparenz stärken, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und das gegenseitige Verständnis fördern.

 

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<![CDATA[Wo gehübelt wird da fallen Späne]]> https://gurk-halle.de/articles/wo_gehuebelt_wird https://gurk-halle.de/articles/wo_gehuebelt_wird Sun, 12 Jul 2026 21:34:27 GMT

Folgender Text wird präsentiert von 
Moralspättkapitalist*innen 
& Kochtopfbandenmitgliedern:

Diplomphilosoph*in Dr. Mrs. M. Oral
Philosophiemagister*in Dr. Dr. Dr. Dr. Kanzel K. Ultur

Diese Texte beziehen sich auf einen vor mehreren Wochen an der Akademie Nürnberg stattgefundenen Gastvortrag eines Philosophen, den wir, aus mangelnder Philosophierlaune, als Gruppe Studierender mit Kochtopflärm, Musik über Vortragslautstärke und Gegenworten störten.  

Es startete in der Ankündigung auf dem Mensabildschirm: Felix Hülbl, unser kleiner Philosoph, versteht als gewiefter Kulturversteher nicht, warum Begriffe wie struktureller Rassismus, Feminismus etc immer mehr Verwendung finden, wo wir doch immer weniger rassistisch/sexistisch und überhaupt -istisch werden??? (citation desperately needed!) Dabei werden die gemeinten Worte in „Anführungszeichen“ gesetzt, als wären sie keine gelebten Erfahrungen und deren schmerzvoll realistische Beschreibungen, sondern bloße „Kampfbegriffe“. Und so flach gehts, denn das ist auch schon Höbels halbe „SPIEGEL-Bestseller“-These. Jene Begriffe sind nur erfundene „Plastikwörter“, die bloß Benutzung finden um das eigene „moralische Kapital“ zu erhöhen. Dabei wird eine Personengruppe an irgendwie „Linken“ „erklärt“ (natürlich nie zu genau ausdefiniert, sonst funktioniert die Strohperson nicht), und dann der Vorwurf, Aktivismus und jede bisschen nicht rein sozialdemokratische linke Analyse wäre nur zur Imageverbesserung oder Gruppenzwang, ihnen wird „Narzissmus“ so oft Küchendiagnostiziert, wie es ein Incel mit seiner Ex Partnerin machen tät. Glückwunsch Herr Hoden, ganz große Philosophie. 

Wir seufzen bloß und erheben unsere müden Beinchen, der Vorwurf kommt so gerne, wir sind schlapp vom Erklären aber nun halt noch einmal: mein bester Herr Pressack Selbstlöbel, nur weil Diskriminierung keine deiner gelebten Realitäten ist, du kannst uns gerne glauben, linker Diskurs entsteht aus Ärger, Frustration, Empathie, Hoffnung und so so so viel mehr, dass bei deiner Analyse fehlt. Ich diagnostiziere mal zurück, deine Reduzierung komplexer Ideen auf „Narzissmus“ ist deine eigene Ego Kränkung, weil Springer Mindset Jockel wie du schon 1984 sehen, weil eine Soziologiestudentin mit Pronomen in der Bio etwas strenger übers Gendern tweetet. Und wie schon viele große Männer vor dir, ist es so schwer zu ertragen, eigene Mechanismen mal zu hinterfragen, da schreibt Mann lieber 50 Bücher drüber, dass man eigentlich der viel Schlauere und zurückhaltende, Alphatyp ist.  Ironischerweise ist das eigentliche „Moralspektakel“ dabei, sich einen Kulturkampf zu imaginieren, bei dem alle Moralapostel sind außer Herbert selbst, der kein Moralapostel ist, sondern coolerer ausgeglichener Philosoph Moralapostel (sonnenbrillensmiley) und dadurch den eigentlichen Kulturkampf anfängt. Roman Widder schrieb über deutsche Ukrainekriegsberichtung im Merkur: „Man stelle sich vor, Christian Drosten hätte sein Virus nur aus dem Internet gekannt, als Meme vielleicht.“* Ich denke Roland Pöbel kennt linke auch wirklich nur von seinem „X“ Account und aus verschwitzen Tagtalbträumen.  

Und die müdeste aller Ausführungen war seine und die Betonung anderer, wir sollten seinen Vortrag nicht stören, sondern „konstruktiv Diskutieren“. Das taten wir nicht, weil wir wussten, dass solche Diskussionen reine Jugend Debattiert Demokratiesimulation ist, bei dem die eigenen Grundrechte als Diskussionsobjekt benutzt werden und am Ende geht es nur darum, wer am skrupellosesten das beste Zerrbild der anderen Seite imaginieren konnte, während Mann selbst mit Statistik, Empirie und Logik als leere Hüllbeln um sich schmeißt. Ein paar von uns und ich diskutierten nach der Störung tatsächlich doch noch mit und oh Wunder was, Penis Hobel verweist nach jeder unserer Argumente nur auf sein Literaturverzeichnis. Wir dürfen „natürlich“ diskutieren, aber wenn wir halt nicht seiner Meinung sind, leugnen wir EMPIRIE UND WISSENSCHAFT.  

Eine Taktik die schon vor einem guten Jahrzehnt auf College Campussen in den USA von schlauen Philosophkollegen wie Ben Shapiro und Charlie Kirk durchgespielt wurden, die mit ähnlichen Thesen anfingen und in blanken Faschismus endeten. Das Ganze schwappt mit etwas Verzögerung, leicht abgeändert, in das Rechtskonservative deutsche Äquivalent. Sein Tweet ein paar Tage später liest sich wie eine Masterclass im neurechten Kulturkampf-Populismus. So viele Verdrehungen und flache Analysen, eine Richtigstellung würde ewig Ressourcen kosten, bis diese fertig geschrieben ist, wird schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Peter Möbels Antworten auf scharf formulierte Kritik sind in Bibelverslänge und ähnlich vage und dennoch populistisch gehalten, es liest sich wie menschgemachter AI-Slop (aber die AI ist nur mit NIUS-Schlagzeilen gefüttert). Ein Gegentext kann kaum argumentieren, weil es erstmal nötig wäre Sinn in seinen zusammenhangslosen Synapsenhaufen zu bringen.  

Und so bleibt Hülses Gesamtwerk einfach ein Diskurs-Pornoheftchen für Konservative, die sich für die progressive Mitte halten, die sich jetzt endlich im langen Bias bestätigt sehen, dass links sein nur Selbsteinbildung ist.  So ist es die logische Folge, dass der Diskurs in der „Mitte“ schon so im neuen Rechtspopulismus eingeübt ist, dass es für sie logischer wirkt, die „woke-Bewegung“ mit Nazis zu vergleichen, als dies mit der wirklich rechten, rechten (!!) Regierungspolitik zu tun. Faschismus ist erst wenn Verfassungsgericht oder 90s Klischee-Glatzen, bis dahin wird nur Realpolitik für das Besorgte Bürgertum betreiben. Das ist schon keine Hufeisentheorie mehr, sondern aus Selbstschutz Scheuklappen für rechts aufsetzen. Die „Freunde“ der Akademie, private Akademiefinanzierer, von denen manche anwesend waren, fuhren den Punkt nach Hause, sie saßen, mit dem von „Frau“ gebügelten Sakkolein im Vortrag und nickten militärisch bejahend bei jeder BILD-Schlagzeile, die Petersilie „Bootlicker“ Bückl für sie formulierte. Als wir „Söders“ „Gendergesetze“ kritisierten, standen ihre Münder weit offen, die Hände betroffen an den Perlenketten, der Genderzwang, den sie verspüren ist der eigentliche Populismus, meinten sie. Naja, beschwört weiter eure „universelle Moral“, mir bleibts aber insgesamt lieber, wenn der Narzisst Menschen aus dem Mittelmeer rettet, als dass noch ein Philosoph in den Vortragssaal wichst und es Wissenschaft nennt. Moralisch glasklar bleibt aber: Stört euren local Arschgeigen Vortrag, es lohnt sich.  

*Widder, R. (März 2026). »War mir nicht so bewusst«. Merkur.

to be continued on instagram @offenerofen

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<![CDATA[Good News! It is really happening!]]> https://gurk-halle.de/articles/good_news_it_is_really_happening https://gurk-halle.de/articles/good_news_it_is_really_happening Sun, 12 Jul 2026 21:28:14 GMT Das Angebot „Helpdesk Buchbinden“ für den Campus Design ist gestartet!

Redaktionsteam der Gurk

In der letzten Gurk haben wir die Ergebnisse zur Online-Umfrage eine Buchbindewerkstatt fürs Design (Dez. 2025) veröffentlicht, welche bestätigte, dass das Bedürfnis nach diesem Angebot sehr groß ist. Das konnte von den Verantwortlichen der Hochschule nicht ignoriert werden. Die verantwortlichen Studierenden wendeten sich an die Druckerei, welche die weiteren Schritte übernommen und sich ebenfalls stark dafür eingesetzt hat. 

Großes Danke an die Druckerei! <3

Seit einigen Wochen ist der Werkraum nutzbar und Robert Marschall berichtete uns von Ausstattung und Prozess. 

 

Momentan gibt es zwei Hiwis, die euch für Einführungen an Geräten oder für Fragen zur buchbinderischen Weiterverarbeitung bereitstehen. Da der Start letztlich sehr schnell ging, ist alles noch á la work in progress, aber der Werkraum wird bereits in vollen Zügen ausgenutzt und der Terminkalender ist sehr gut gefüllt. Ab September wird es eine Ausschreibung der Hiwi - Stellen für ein Jahr geben.

Es wird seitens der Druckerei auch diskutiert, ob es zur Möglichkeit von Kursen kommen kann. Das ist abhängig von den räumlichen Gegebenheiten und ob es der Hochschule in Zukunft gelingt, der Druckerei geeignete Flächen zur Verfügung zu stellen. Im derzeitigen Werkraum (Ein Raum direkt über der Druckerei) sind keine Kurse möglich.

Bisher sind nur wenige Beschaffungskosten entstanden, da sich alle Maschinen und Geräte bereits im Bestand der Hochschule befanden. Die Druckerei berichtet über einen positiven Verlauf nach Einreichung des Konzeptes zum Werkraum im Dezember 2025. Auch die positive Resonanz und Kooperation von Dekan und Prodekanin des Designs und dem Studiengang KD möchte betont werden.

Im zurückliegenden Wintersemester hat die Hochschuldruckerei den Werkraum „Buchbinderei“ modernisiert und nutzbar gemacht. Ein neues Organisationssystem ist entstanden, das einen verständlichen Workflow ermöglicht. Endgültig fertiggestellt wird der Raum mit dem Beginn des Sommersemesters 2027.

Eine Papierbohrmaschine „Nagel Citoborma“ wird demnächst in den Bestand aufgenommen. Darüber hinaus wurden einige Materialien, Graupappe, Bezugsstoffe und Textilstoffe, die zur buchbinderischen Grundausstattung gehören, aus dem Atelier im Hermes in den neuen Werkraum umgezogen. Sollte sich die Beschäftigung einer studentischen Hilfskraft verstetigen, und die Zusammenarbeit gut funktionieren, kann über die Beschaffung weiterer Maschinen nachgedacht werden. Eine Bereicherung für das bestehende Angebot würde eine Klebebindemaschine und ein Laminiergerät darstellen.

Folgende Maschinen sind im Bestand:

Standgeräte:

  • Nagel Multinak FS-B Doppelkopfheftmaschine 
    (für Rückstich- und Ringösenheftung, Handanlage)
  • Falzmaschine Matthias Bäuerle Multipli 35 
    (Automatik, für höhere Auflagen)
  • Rillmaschine Graphic Wizard Crease Master Pro 
    (Automatik, für höhere Auflagen)

Tischgeräte:

  • Rill- und Perforiermaschine Cyklos GPM 450 
    (Handlage) 
  • Stanzmaschine RM Supu Super 360M 
    (für Ringbuchbinung, Wire-O, Handanlage)
  • Schließsystem für Wire-O RM Supu MC430 Plus 
    (Handanlage)
  • Spiraleinziehmaschine RM CoilFinisher 
    (für Ringbuchbinung, Handanlage)

Pressen:

  • 2 historische Papierspindelpressen
  • 1 Schwenkpresse mit Anschlag

 

 

was ist möglich?

– klassische Fadenheftung
– Schweizer Broschur
– Koptische Bindung
– Japanische Bindung
– Steppstichheftung
– Klebebindung
– Rückstichheftung
– Ringbuch/Wire-O-Bindung
– Leporello
– Hardcover
– Softcover
Etc. 

Die Entstehung des Werkraumes zeigt, dass studentisches Engagement sehr viel bewirken kann. Und dass es manchmal die Eigeninitiative, ja den Eigensinn von Studierenden braucht, um sinnvolle und nötige Neuerungen durchzusetzen.

Denn obwohl Semester für Semester Publikationen entstehen und entstanden sind, bekommen Studierende am Design Campus erst 2026  ! die Möglichkeit, vor Ort vernünftig zu pressen oder zu kleben. Es bleibt uns unbegreiflich, dass das Buchbinde-Angebot im Hermes stillschweigend hätte verschwinden sollen und ohnehin nie am Design Campus stattfinden konnte.

Ihr habt abgestimmt, die Hochschule hat geliefert. Jetzt müssen wir durch rege Nutzung dafür sorgen, dass uns dieses Angebot langfristig erhalten bleibt und nach einer Bestandsaufnahme Ende des Semesters weiter ausgebaut wird. Also: Wenn euch etwas auffällt, wenn ein nötiges Angebot wegfällt oder euch etwas fehlt – kommt zusammen, sprecht darüber, schreibt es der Hochschulleitung, schreibt es uns. Es kann sehr erfolgreich sein! :)

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<![CDATA[Kanzler Interview]]> https://gurk-halle.de/articles/kanzler_interview https://gurk-halle.de/articles/kanzler_interview Sat, 11 Jul 2026 10:42:21 GMT Interview durch Redaktionsteam der Gurk

1- Viele Studierende wissen nicht genau, was ein Kanzler eigentlich tut. Können Sie konkret beschreiben, für welche Entscheidungen Sie zuständig sind und an welchen Punkten Ihre Arbeit den studentischen Alltag direkt betrifft?

Der Kanzler ist für die Verwaltung und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Hochschule verantwortlich. Dazu gehören unter anderem Personal, Finanzen, Studiendezernat, Bau- und Liegenschaften sowie die organisatorischen Rahmenbedingungen für Studium, Lehre und Forschung. Auch wenn diese Aufgaben oft im Hintergrund stattfinden, betreffen sie den Studienalltag unmittelbar – etwa bei der Ausstattung von Werkstätten, der Bereitstellung von Arbeitsplätzen, der Digitalisierung von Prozessen oder der Sanierung von Gebäuden. Mein Ziel ist es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Studierende und Lehrende auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können.

2- Sie sind nun fast zwei Semester an der Burg. Was hat Sie in dieser Zeit positiv überrascht oder beeindruckt, etwas, das Sie so nicht erwartet hätten?

Besonders positiv überrascht hat mich die starke Identifikation vieler Studierender und Mitarbeitender mit der BURG. Von Beginn an habe ich eine außergewöhnlich hohe Bereitschaft erlebt, Verantwortung zu übernehmen und die Hochschule aktiv mitzugestalten. Beeindruckt haben mich zudem die Vielfalt der Perspektiven, das große Engagement und der sehr direkte Austausch zwischen den verschiedenen Statusgruppen. Diese Offenheit und Beteiligungskultur sind nicht selbstverständlich und prägen die besondere Atmosphäre der BURG.

3- Und umgekehrt: Was ist Ihnen negativ aufgefallen? Wo sehen Sie an der Burg den größten Handlungsbedarf und woran liegt das Ihrer Einschätzung nach?

Wie viele Hochschulen steht auch die BURG vor Herausforderungen bei Personalressourcen, Infrastruktur und Verwaltungsprozessen. In einigen Bereichen sind die Erwartungen an die Hochschule in den vergangenen Jahren gewachsen, während die verfügbaren Ressourcen nicht im gleichen Maße mitgewachsen sind. Deshalb sehe ich Handlungsbedarf insbesondere bei der Modernisierung und Digitalisierung von Abläufen, der Stärkung der Verwaltung und der Weiterentwicklung der Infrastruktur.

4- Welche Bedürfnisse der Studierenden und der Mitarbeitenden haben Sie bislang am deutlichsten gespürt? Wo decken sich diese mit Ihren eigenen Prioritäten, und wo nicht?

Sowohl Studierende als auch Mitarbeitende wünschen sich vor allem Verlässlichkeit, Transparenz und funktionierende Strukturen. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Entscheidungen und eine gute Kommunikation. Diese Anliegen decken sich weitgehend mit meinen eigenen Prioritäten. Unterschiede ergeben sich manchmal eher bei der Frage, wie schnell Veränderungen umgesetzt werden können. Verwaltung und Hochschulsteuerung bewegen sich häufig in rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, die nicht immer sichtbar sind und von außen gesetzt werden.

5-  An der Hochschule gibt es derzeit offene Stellen und teils Engpässe in der Verwaltung. Welche Stellen sind aktuell unbesetzt, was bedeutet das für die Arbeitsfähigkeit der Burg, und bis wann rechnen Sie mit einer Besetzung?

Unbesetzt sind derzeit lediglich einige Professuren zur Finanzierung des Hermes und des Eigenanteils der Hochschule für den Neubau, während im Verwaltungsbereich aktuell keine Stelle vakant sind. Ansonsten sind wir – bei allen Herausforderungen, die die Nachbesetzung mit fachlich qualifizierten Personen in sich bergen – sehr froh, dass offene Stellen in der Regel zügig besetzt werden können. Dazu gehört im Übrigen auch das stets hohe Interesse an Ausbildungsplätzen an der BURG. Da die Hochschulverwaltung im Vergleich zu anderen Hochschulen insgesamt mit weniger Personal auskommen muss, verteilen sich daher die anfallenden Aufgaben ohnehin auf wenige Schultern, die nach meiner Wahrnehmung jedoch mit hohem Engagement erfüllt werden.

6- Welches hochschulpolitische Thema beschäftigt Sie persönlich gerade am meisten?

Derzeit beschäftigen mich insbesondere die finanziellen Rahmenbedingungen der Hochschulen. Die zentrale Frage ist für mich, wie wir unter veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen die hohe Qualität von Studium, Lehre und Forschung langfristig sichern und zugleich notwendige Entwicklungsspielräume erhalten können. Kunst- und Designhochschulen leisten einen wichtigen Beitrag für Innovation, gesellschaftliche Reflexion und kulturelle Entwicklung. Diesen Beitrag für Innovation, gesellschaftliche Reflexion und kulturelle Entwicklung. Diesen Beitrag sichtbar zu machen und seine Bedeutung immer wieder zu vermitteln, sehe ich als eine vordringliche Aufgabe.

7- Eine Landesregierung unter starkem Einfluss kunst- und wissenschaftsfeindlicher Kräfte könnte für eine Kunsthochschule wie die Burg existenzielle Folgen haben. Was tun Sie als Kanzler schon jetzt, um die Hochschule, ihre Finanzierung, ihre Freiheit und ihre Menschen gegen solche Entwicklungen abzusichern?

Die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Lehre sind die zentralen Grundlagen unserer Hochschule, für die es einzutreten und die es zu verteidigen gilt. Eine wichtige Aufgabe der Hochschulleitung besteht daher darin, die Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Relevanz der BURG sichtbar zu machen und starke Netzwerke in Politik, Verwaltung, Kultur und Gesellschaft zu pflegen. Eine Hochschule ist umso resilienter, je stärker sie in ihrem Umfeld verankert ist und je überzeugender sie ihren Beitrag für die Gesellschaft darstellt.

8- Ihrer Vorgängerin wurde im Umgang mit Konflikten an der Hochschule wiederholt Täterschutz vorgeworfen. Was machen Sie konkret anders, damit Betroffene sich an Ihre Verwaltung wenden können und ernst genommen werden?

Für mich ist entscheidend, dass Menschen, die sich mit einem Anliegen oder einer Beschwerde an die Hochschule wenden, ernst genommen werden und faire, transparente Verfahren vorfinden. Dazu gehören ein respektvoller Umgang, eine sorgfältige Prüfung von Sachverhalten und die Einbindung der jeweils zuständigen Stellen. Vertrauen entsteht vor allem durch nachvollziehbares Handeln und Verlässlichkeit.

9- Bei Konflikten an der Hochschule, etwa bei Vorwürfen von Übergriffen, Machtmissbrauch oder Diskriminierung, liegt eine Entscheidung am Ende oft bei Ihnen. Wie gehen Sie mit solchen Situationen um, und über welche Schulungen oder Sensibilisierung verfügen Sie, um in derart sensiblen Fällen das letzte Wort verantworten zu können?

Gerade solche Situationen verlangen besondere Sorgfalt. Mein Ansatz ist es, Sachverhalte gründlich aufzuklären, unterschiedliche Perspektiven anzuhören, mir auch persönlich Rat zu suchen und dabei die vorhandenen fachlichen Kompetenzen innerhalb und außerhalb der Hochschule einzubeziehen. Entscheidungen müssen sowohl rechtlich tragfähig als auch menschlich verantwortungsvoll sein. Dabei sind Sensibilität, Fairness und die Wahrung der Rechte aller Beteiligten für mich von zentraler Bedeutung.

10- Welche konkreten Anlaufstellen und Verfahren gibt es derzeit für Studierende, die Übergriffe, Machtmissbrauch oder Diskriminierung melden wollen? Halten Sie diese für ausreichend transparent und unabhängig?

Die Hochschule verfügt über verschiedene Beratungs- und Anlaufstellen, die je nach Anliegen unterstützen können. Erst unlängst wurde gemeinsam mit dem Studierendenrat für die diskriminierungskritische Beratung für Studierende eine neue Ansprechperson gefunden. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, regelmäßig zu prüfen, ob diese Strukturen ausreichend bekannt, niedrigschwellig zugänglich und transparent sind. Aus meiner Sicht ist das kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhaken kann, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. So wird beispielswiese derzeit die Richtlinie zum Schutz vor Benachteiligungen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz überarbeitet und auch für Kontexte zu Machtmissbrauch soll zukünftig auf kooperativer Basis eine Anlaufstelle eingerichtet werden.

11- Welche Fehlerkultur möchten Sie an der Burg etablieren? Woran würden Studierende merken, dass sich etwas geändert hat?

Eine gute Fehlerkultur bedeutet für mich, Probleme im Vertrauen darauf offen ansprechen zu können, dass dies zu keinen persönlichen Nachteilen führt. Fehler sollten analysiert werden, um daraus zu lernen und Prozesse zu verbessern. Studierende würden eine solche Kultur daran erkennen, dass Rückmeldungen ernst genommen werden, Entscheidungen nachvollziehbar erläutert werden und sachliche Kritik als Beitrag zur Weiterentwicklung verstanden wird.

12- Ganz persönlich: Wie gehen Sie mit eigenen Fehlern um? Gab es in Ihrer bisherigen Amtszeit eine Entscheidung, die Sie heute anders treffen würden?

Entscheidungen treffen zu müssen, oft auch in schwierigen Situationen, gehört zu den Aufgaben eines Kanzlers. Zu meinem Selbstverständnis gehört es jedoch, Entscheidungen und ihre Auswirkungen auch im Nachgang selbstkritisch zu reflektieren, um zukünftige Entscheidungssituationen besser vorzubereiten. Dazu zählt beispielsweise, noch stärker das Gespräch mit den Beteiligten zu suchen und Entscheidungen sowie deren Hintergründe transparent zu kommunizieren. Gerade an einer Hochschule ist es wichtig, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen. Das sind wichtige Lernprozesse, die jede neue Funktion mit sich bringt.

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<![CDATA[Jetzt beruhigen wir uns alle mal wieder, okay?!]]> https://gurk-halle.de/articles/jetzt_beruhigen_wir_uns_alle_mal_wieder_okay https://gurk-halle.de/articles/jetzt_beruhigen_wir_uns_alle_mal_wieder_okay Fri, 10 Jul 2026 19:51:52 GMT Text von Nura Maar

Am 21. Januar 2025 schrieb mir abends mein Vater folgende Mail, mit dem Betreff:

Hallo Nora,  Wie eben telefonisch besprochen würde ich dich bitten einmal einen Plan schriftlich zusammenzustellen und mir/unserer Familie vorzulegen über folgende Dinge:  - Wieviele Prüfungen oder Ausstellungen sind noch nötig ?  - Wann gedenkst du welche Prüfungen abzulegen ?  - Welche Praktika oder Referendariate oÄ. sind noch notwendig um das Studium abzuschliessen ? - Wer (welche Professoren, Organisationen, oÄ) werden dafür noch nötig sein ?  - Wie gedenkst du dich in Zukunft zu finanzieren ? ( Unterhalt, Köchin, Arbeit, Lehrerin,...)  - Wann wird dein Studium beendet sein?  - Wie soll es danach weitergehen ( Lehrerin ?, Wo? für was?)  Dieser Plan soll nicht nur mir zur Vorlage beim Steuerberater etc. dienen, und meine Beunruhigung über deinen beruflichen Werdegang dämpfen, sondern auch unserer Familie ( Fränzi, ...) eine gewisse Beurteilung deiner Zukunfts-Vorstellungen ermöglichen. Hier herscht nämlich in letzter Zeit etwas Verwunderung über deine Aktivitäten. Ausserdem ist der Plan auch für dich selbst sicher nützlich, um dir über diese Dinge selber klar zu werden, und entsprechend konsequent danach zu handeln. Nix für Ungut - dein Papa

Diese Mail war die Antwort auf ein Telefonat, 
das ich zuerst mit Euphorie begann und mit Wut beendete.

Ich wollte nur seinen Van ausleihen – ein paar Tage, für eine Ausstellung in Leipzig.
Für ihn war mein Vorhaben unklar.
Und mein Motiv dahinter.
Und was ich da eigentlich genau machte.
Und, wie oben beschrieben, vieles mehr.
Mir ist auch vieles in seinem Leben unklar.
Aber ich habe verstanden, dass ich nicht alles verstehen muss.
Und irgendwie will ich auch nicht alles wissen und verstehen.
Ich akzeptiere ihn mit seinen sonderbaren Eigenheiten 
und liebe ihn für sein vielseitiges Wissen und Können.
Ich liebe ihn als Tochter, die mit Erwachsenenaugen
und sehr viel Geduld immer besser mit ihm zurechtkommt.
Es ist echt total okay – ich glaube, mittlerweile würde er 
nicht mehr so eine Mail schreiben.
Hoffe ich zumindest.

Ansonsten klaue ich einfach seinen Van.

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<![CDATA[es_braucht_37_mal_die_strecke]]> https://gurk-halle.de/articles/es_braucht_37_mal_die_strecke https://gurk-halle.de/articles/es_braucht_37_mal_die_strecke Sat, 11 Jul 2026 15:57:29 GMT Poster von Hella

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<![CDATA[Access Doc - Sich selbst eine Bedienungsanleitung schreiben]]> https://gurk-halle.de/articles/access_doc_sich_selbst_eine_bedienungsanleitung_schreiben https://gurk-halle.de/articles/access_doc_sich_selbst_eine_bedienungsanleitung_schreiben Sat, 11 Jul 2026 10:28:01 GMT Text von Jana Mitnacht

Jana Mitnacht: Hallo Daniela, ich bin ein bisschen aufgeregt. Bis jetzt war ich immer entspannt wenn wir geredet haben, weil ich wusste: Du machst die Arbeit.

Daniela Ursel: Haha, ja. Jetzt bin ich entspannt und du machst die Arbeit.

JM: Ist ja eigentlich auch Quatsch. Ist eher ein Zusammen-Reden und Überlegen. Ich mag auf jeden Fall nochmal „Danke“ sagen, dass du offen dafür bist.

DU: Gerne, ich freu mich und bin gespannt, was bei rumkommt. Ich hab gedacht: Ich seh mich ja nicht als Expertin und hab eher die Haltung, dass autistische Menschen die Expert*innen für sich selbst sind.

JM: Hmmm, ja. Das ist eine schöne Haltung. Okay. Hast du irgendwas damit anfangen können, als ich dir geschrieben hab: Access Doc?

DU: Also ich hab damit noch gar keine Erfahrung, nein.

JM: Ah spannend. Ich kannte das auch voll lange nicht und bin über ein Seminar von Nele Jäger zum Thema Care darauf gestoßen. Das Seminar ging um die Frage, was Care eigentlich bedeutet. Also: Was bedeutet es, Fürsorgeaufgaben in Freund*innenschaften, gesellschaftlich oder auch in der eigenen Arbeit zu übernehmen? Was bedeutet es, sich um sich selbst zu kümmern?

Darüber sind wir auf Access Docs, ein Konzept, das aus der künstlerischen Praxis von Leah Clements, Alice Hattrick und Lizzy Rose stammt, gekommen. (https:// www.accessdocsforartists.com/) Und ich fand das so richtig klug. Die Idee, sich selbst ein Access Doc zu schreiben und sich zu fragen: Wie kann ich eigentlich gut arbeiten? 

Ah, vielleicht ist es sinnvoll, den Begriff einmal zu erklären: Was ist ein Access Doc? Kurz gesagt würde ich ein Access Doc als eine Art persönlichen Leitfaden für gelingende Zusammenarbeit beschreiben. Es geht darin nicht darum, eigene Defizite aufzuschreiben, sondern die Bedingungen und Bedürfnisse, unter denen man gut arbeiten und teilnehmen kann. Also eigentlich geht es um: Zugang. Zugang zu Räumen, zu Teilhabe, zu Zusammenarbeit.

Ich habe mich danach hingesetzt und mein eigenes Access Doc geschrieben und schicke das tatsächlich bei Bewerbungen auch gleich mit. Und ich sag immer, dass das ein Gesprächsöffner sein soll. Also so ein: „Das sind die Bedingungen, unter denen ich gut arbeiten kann.“

Und ehrlich gesagt schreibe ich das Dokument auch für mich selbst. Weil ich selbst oft vergesse, was ich eigentlich brauche. Und andersherum freue ich mich auch, wenn Menschen mir sagen, was sie brauchen, um gut mit mir arbeiten zu können.

Okay, ich hab mir Fragen aufgeschrieben.

Warum fällt es vielen Menschen mit ADHS, Autismus oder generell neurodivergenten Menschen schwer, ihre Bedürfnisse überhaupt zu benennen? Weil es klingt ja so easy: Jaa, schreib ich mir ein Access Doc. Aber das setzt ja voraus, dass ich erstmal wissen muss: Was brauch ich denn eigentlich?

DU: Das hängt für mich stark mit Wahrnehmung zusammen. Also mit der Frage: Kann ich mich selbst überhaupt spüren? Wenn wir auf Autismus schauen, berichten viele Menschen, dass sie ihren Körper gar nicht richtig wahrnehmen. Um ein Bedürfnis erkennen zu können, brauche ich zunächst ein Gefühl. Und um ein Gefühl wahrnehmen zu können, brauche ich einen Zugang zu meinem Körper. Wenn ich auf meine autistischen Klient*innen schaue, sagen viele: „Ich nehme meinen Körper gar nicht richtig wahr.“ Dann braucht es oft erst einmal andere Zugangsmöglichkeiten, um überhaupt wahrzunehmen, was im Körper passiert. Erst darüber kann ich Rückschlüsse ziehen auf Gefühle und auf Bedürfnisse. Viele haben vielleicht auch gar nicht gelernt, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind. Vielleicht ein Bedürfnis nach mehr Rückzug, nach Ruhe, nach gleichbleibenden Strukturen, Klarheit, Orientierung oder Sicherheit.

Wenn solche Bedürfnisse über Jahre nicht berücksichtigt werden, kann der Bezug zu ihnen verloren gehen. Und damit auch das Gefühl: Ich darf mir den Raum nehmen. Das darf mir wichtig sein. Und ich darf das sagen. Wie siehst du das aus deiner Perspektive?

JM: Ja, voll schön, dass du das mit den Bedürfnissen gesagt hast. Ich hatte gleich was im Kopf aus der Traumapädagogik. Da gibt es so eine Pyramide: Ganz oben das Verhalten, darunter Emotionen und Gefühle und unten die Bedürfnisse. Und dann zu schauen: Um was geht‘s denn eigentlich? Und ich kann voll zustimmen. Also dieses Mitbekommen von: Uhhh, jetzt brauch ich schon wieder was anderes als das, was hier gerade dominant im Raum ist. Gestehe ich mir das überhaupt zu, dass ich gerade ein Bedürfnis habe, das sich unterscheidet? Ist natürlich schwer. Und hat ja auch voll viel mit Strukturen zu tun. Es ist eben nicht so easy, einfach zu sagen: Dann find halt dein Bedürfnis raus und steh dafür ein.

DU: Ja, genau. Ich hab letztes Jahr einen Workshop gegeben in Nürnberg mit dem Thema „Bedürfnisse und Grenzen“. Bedürfnisse hängen ja auch mit Grenzen zusammen. Spüre ich überhaupt meine Grenzen? Merke ich, wenn etwas zu viel wird oder gehe ich darüber? Orientiere ich mich vor allem im Außen? In dem Modell, in denen Bedürfnisse die Grundlage bilden und darüber Gefühle und Verhalten liegen, brauche ich erst einmal Kontakt zu mir selbst. Viele neurodivergente Menschen orientieren sich sehr stark im Außen. Nicht alle, das möchte ich nicht verallgemeinern. Aber dadurch kann der Bezug zu sich selbst manchmal verschwimmen.

Und dann kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Stehe ich hinter meinen Bedürfnissen? Gestehe ich sie mir überhaupt zu? Das ist ein Prozess. Wenn Bedürfnisse immer wieder übergangen werden, verliert man irgendwann das Gefühl dafür, dass sie überhaupt wichtig sind.

JM: Ja, das spielt eine große Rolle, weil viele neurodivergente Menschen gelernt haben, sich anzupassen. Und wenn sie das jahrelang oder jahrzehntelang gelernt haben, dann braucht es oft erst einmal eine Ent-Anpassung, um sich selbst besser spüren zu können. Und das ist auch eine strukturelle Frage.

DU: Wenn ich beispielsweise nicht einkaufen gehe, weil es mir zu laut ist, weil zu viele Menschen da sind oder weil alles zu unübersichtlich ist, und das zu viel Stress in mir auslöst, dann fehlt mir der Zugang zu diesem Raum.

JM: Ist es nicht eigentlich auch klug, wenn wir so von Stress sprechen, sich in einem Moment, in dem man gerade nicht im Stress ist, aufzuschreiben: Was hilft mir?

DU: Ja, absolut. Gerade in Stresssituationen verlieren wir oft den Zugang zu den Dingen, die uns eigentlich helfen würden. Wenn Menschen stark dysreguliert sind, fallen viele Werkzeuge weg, die normalerweise zur Verfügung stehen würden. Deshalb ist es so wichtig, sich in regulierten Momenten damit auseinanderzusetzen: Was bringt mich eigentlich aus dem Gleichgewicht? Was hilft mir? Wir arbeiten dabei oft mit verschiedenen Stresszonen. Grün bedeutet reguliert. Gelb bedeutet erste Anzeichen von Belastung. Orange und Rot stehen für starke Überforderung. Interessanterweise wissen viele Menschen sehr genau, wie sich Orange oder Rot anfühlen. Aber sie wissen oft gar nicht mehr, wie sich Grün anfühlt. Sie kennen Anspannung. Sie kennen Stress. Sie kennen Überforderung. Aber sie wissen gar nicht mehr, wie sich Regulation anfühlt.

JM: Das finde ich einen wichtigen Punkt. Denn wenn mein System dauerhaft angespannt ist, wird das irgendwann zum Normalzustand. Dann könnte ein Access Doc auch eine Art persönliche Gebrauchsanweisung sein. Wobei das jetzt sehr starr klingt. Es geht nicht darum, einmal eine Gebrauchsanweisung zu schreiben und die gilt dann für die nächsten fünf Jahre.

DU: Sondern eher darum, sich immer wieder mit sich selbst auseinanderzusetzen. Was bringt mich in Stresssituationen? Welche Reize lösen bei mir Stress aus? Ist es eine laute Umgebung? Helles Licht? Bestimmte Gerüche? Unstrukturierte Situationen? Smalltalk in der Kaffeeküche? Das können ganz unterschiedliche Dinge sein.

Wenn Menschen zum Beispiel erleben, dass sie von anderen komisch angeschaut werden, weil sie nicht bei der Kaffeepause dabei stehen oder nicht auf die Firmenfeier gehen, kann es hilfreich sein zu sagen: Ich fühle mich trotzdem als Teil des Teams. Ich brauche nur andere Bedingungen.

JM: Vielleicht ist das Access Doc auch der zweite Schritt. Vielleicht ist der erste das für sich selbst aufzuschreiben. Ich hab immer noch Themen damit, mich selbst anzunehmen in being autistic.
Und mir selbst zu sagen: Ich bin kein defizitärer Mensch, weil ich in der Mittagspause nicht in die überfüllte Mensa gehen kann. Ich bin okay so.

Ich kann mich ja nicht selbst akzeptieren, wenn ich mich selbst gar nicht kenne.

DU: Das stimmt. Vielleicht kann man das Access Doc auch erst einmal für sich selbst nutzen, bevor es nach außen geht.

JM: Ja, voll. Eigentlich schön. Und irgendwie auch krass. Weil es total logisch scheint, Lebensläufe und Arbeitszeugnisse zu haben, aber ein Dokument über Bedürfnisse, Stressmuster und Grenzen zu führen wäre doch so gut!

DU: Ja. Und auch über Kompetenzen und Stärken. 

JM: Ja, stimmt. Gut, dass du das sagst.

DU: Also die Frage: Was kann ich eigentlich? Die Stärken und Kompetenzen von autistischen Menschen unterscheiden sich eben auch.

JM: Ich hatte voll den Fokus auf das Annehmen von dem, was negativ gelesen wird. Aber ja, das ist so wichtig.

DU: Viele bekommen für Verhaltensweisen, die einfach anders sind, eine negative Rückmeldung. Das macht auch etwas mit der Identität. Dann den eigenen Fokus auf Stärken lenken: Die enorme Merkfähigkeit zum Beispiel. Oder das Dranbleiben. Das sind echte Kompetenzen.

Sich selbst zu fragen: Wie kann ich die einsetzen? Wie kann ich meine Stärken und Kompetenzen in meine Rahmenbedingungen einbringen?

JM: Kann ein Access Doc auch Risiken haben?

DU: Natürlich. Die Frage ist immer: In welchem Kontext bewege ich mich? Geht es um Freundschaften? Familie? Den Arbeitsplatz?

In meiner Arbeit geht es häufig darum, Menschen darin zu unterstützen, zu sich selbst zu stehen. Denn das Gegenteil bedeutet oft Anpassung und dauerhafte Anstrengung.

Gleichzeitig gibt es natürlich Risiken, oder ich würde lieber sagen: Herausforderungen.

Gerade bei ADHS oder Autismus sprechen wir oft über unsichtbare Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Da braucht es häufig zusätzliche Erklärungen. Und natürlich stellt sich die Frage: Wie offen möchte ich sein? Wie viel möchte ich preisgeben? Wo habe ich Vertrauen? Wo fühle ich mich sicher?

JM: Man könnte auch sagen: Die Tatsache, dass Menschen überhaupt Access Docs schreiben müssen, zeigt, dass inklusive Strukturen fehlen.

DU: Ja, das würde ich genauso sehen.

JM: Ich persönlich finde, dass Access Docs ein gutes Werkzeug sind und viel mit Selbstbestimmung zu tun haben. Gleichzeitig bedeutet ein Access Doc natürlich auch eine Verlagerung auf das Individuum. Die Person muss zusätzliche Arbeit leisten, um Zugang zu bekommen. Und damit bleibt die Frage offen, warum Zugang so oft zur Aufgabe der Einzelnen wird.


Daniela Ursel ist systemische Beraterin und Therapeutin mit Schwerpunkt auf Autismus, Neurodivergenz und gelingender Zusammenarbeit. Sie arbeitet ressourcenorientiert mit Menschen, Familien und Fachkräften.

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<![CDATA[Aktion 1]]> https://gurk-halle.de/articles/aktion_1 https://gurk-halle.de/articles/aktion_1 Sat, 11 Jul 2026 10:35:43 GMT

Die Arbeit versteht sich als eine Einschreibung im öffentlichen Raum, die aktivistischen Traditionen innerhalb der Sticker Kultur und Graffiti Szene folgt.

Die kollaborative Intervention soll Hochschul-, Stadt- und Länder-übergreifende Arbeitsweisen testen und damit auch den kollektiven Ansatz als einen produktiven Ansatz hervorheben.

Wir spielen mit informationsvermittelnden Piktogrammen, welche u.a. Fluchtwege oder Feueralarme kennzeichnen können, deren Assoziation mit Gefahr auf die latente Bedrohung, die von sexualisierter Gewalt (im privaten), aber auch im öffentlichen Raum ausgeht, aufmerksam machen soll.

Im Rahmen der Aktion 1 wurden in Nürnberg und Halle insgesamt 26 Motive angebracht.

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<![CDATA[Wolf sagt Ade]]> https://gurk-halle.de/articles/wolf_sagt_ade https://gurk-halle.de/articles/wolf_sagt_ade Sat, 11 Jul 2026 10:49:38 GMT Illustration von gagei

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<![CDATA[Gurk und AdeBaKel? Keine Schwere Entscheidung]]> https://gurk-halle.de/articles/gurk_und_adebakel https://gurk-halle.de/articles/gurk_und_adebakel Sat, 11 Jul 2026 12:16:45 GMT Redaktion Gurk & AdeBaKel

Mit dieser Ausgabe erfüllt sich ein Wunsch, den wir schon lange hatten: eine Kooperation zwischen Studierenden zweier Kunsthochschulen.
Eine Instagram - Nachricht, ein spontanes „Ja“, ein paar Online - Treffen und dann saßen Studierende aus Halle und Nürnberg gemeinsam an einer Zeitung.

Schnell wurde dabei klar: Was uns verbindet, ist nicht nur die Kunst. Die Erfahrungen, die wir an unseren Hochschule machen, ähneln sich erstaunlich stark. Die persönliche Nähe zu Professor*innen und die damit verbundenen Machtdynamiken, fehlende Transparenz, mangelnde Mitbestimmung – vieles von dem, was uns in Halle beschäftigt, begegnet Studierenden auch in Nürnberg.

Genau deshalb wollten wir diese Zusammenarbeit. Nicht nur, um Arbeiten, Perspektiven und Ideen zu teilen, sondern auch, um sichtbar zu machen, dass viele Probleme keine Einzelfälle sind, sondern strukturell.

Der Anstoß kam von Jana von der AdBK Nürnberg. Ihre Nachricht war kurz: „Seid ihr generell offen für eine Kollaboration mit einer anderen Kunsthochschule?“ Dazu schickte sie uns diese Skizze:

Ideenskizee zur Zusammenarbeit von Gurk und AdeBakel.

Unsere Antwort kam sofort: „Sehr, sehr gerne. (…) wir haben mega Lust darauf!.“

Was folgte, war eine Phase voller Gespräche, Online-Treffen und intensiver Abstimmung. Dann schrieben wir an beiden Hochschulen einen Open Call aus und luden Studierende sowie externe Personen ein, Teil dieser Ausgabe zu werden.

Und irgendwie, zwischen all dem Chaos des Alltags, entstand die GURK #5/AdeBaKel.

Wir sprechen nicht über zwei verschiedene Probleme. Wir sprechen über dasselbe Problem an zwei verschiedenen Orten. Die Kuration und Design der Texte verantwortet die Redaktion der jeweiligen Hochschule. (Burg = Orange, ADBK = Rosa)

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<![CDATA[extrem_saure_gurken]]> https://gurk-halle.de/articles/extrem_saure_gurken https://gurk-halle.de/articles/extrem_saure_gurken Thu, 16 Jul 2026 07:58:18 GMT Illustration von Paula Teichmann

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